Von Daniel Haas
Früher gab es zwei Welten. Die Welt des Buchs und die im Internet. Autoren schrieben Bücher, das hieß, sie arbeiteten an einer Geschichte, schnitzten, werkelten und wurstelten, bis die Dramaturgie stand und die Moral stimmte und das Ganze ästhetisch vermittelbar war. Dann kam der Lektor, schnitzte, werkelte und wurstelte noch mal hinterher, und schließlich wurde ein Buch daraus, mit zwei Deckeln und Seiten zwischendrin.
Im Internet gibt es dagegen das Füllhorn der Ad-hoc-Meinungsentledigung, seit 1999 Weblog, später dann kurz Blog genannt. Hier wurden und werden quasi in Echtzeit Inhalte verbreitet. Semantik im Instant-Betrieb. Literarisch gewurstelt wird auch im Netz, geschnitzt im Sinne von geformt dafür deutlich weniger.
Muss ja auch nicht sein: Der Reiz liegt in der Spontaneität, der scharfen idiosynkratischen Zuspitzung, bisweilen auch in der betonten Schnoddrigkeit, die freilich das Trashige bis Peinliche streifen kann.
Vor rund zehn Jahren aber fing es an mit der Vermengung der Welten, und es war ausgerechnet ein Schriftsteller, der den Paradigmenwechsel herbeigeschrieben hat. Rainald Goetz führte Tagebuch im Internet, nannte das ganze "Abfall für alle" und brachte es als Buch bei Suhrkamp heraus.
Abgespeist mit Walser
Der Bildungsbürger zuckte reflexhaft zusammen: Würden jetzt massenweise Selbstinspektionen von Autoren auf den Buchmarkt schwemmen? Würde man bald viel über die Essgewohnheiten von Martin Walser und noch mehr über das Schlafverhalten von Günter Grass erfahren? Nein, solche Eruptionen persönlicher Spontanrhetorik blieben einem erst mal erspart.
Bis 2008. Da kam "Schmidt liest Proust" im Verlag Voland & Quist heraus: ein 608-seitiger Selbstversuch des Schriftstellers Jochen Schmidt, der ein halbes Jahr lang jeden Tag 20 Seiten "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" gelesen hatte und seine ästhetische Erfahrung dem weltweiten Netz zugänglich machte.
Dieses Jahr nun geht der Blogger in die Vollen: Gleich zwei Bücher des Internetskribenten Airen erscheinen, "Strobo" und "I am Airen Man" heißen die Werke, es geht um das, was der sich jung fühlende urbane Mensch heutzutage so macht: Drogen nehmen, in Clubs gehen, weiter Drogen nehmen.
Airen-Prosa war außerdem schon in Helene Hegemanns Erfolgsroman "Axolotl Roadkill" aufgetaucht: als Text- und Inspirationsquelle. Konsequent, weil sich das Hegemann-Buch selbst streckenweise wie ein Blog-Eintrag liest, spontan, schnell, viel Effekt, wenig Dramaturgie.
Blog und Kulturschock
Diese Entwicklung wird nicht nur den Liebhaber fein komponierter Erzählungsbauten ängstigen. Denn wenn sich die Logik des Netz-Papier-Transfers weiter zuspitzt, was kommt als nächstes? Werden Verleger demnächst die Twitter-Feeds von Charlotte Roche zu einem Reportageroman zusammensamplen? Wird es eine Sammlung von Facebook-Einträgen geben, geschrieben von Tommy Jaud, editiert von Christian Ulmen?
Oder wird man sich konsequenterweise vom Inhalt gleich ganz verabschieden? Ist ja eh nur ideologisch anfälliger Mist. Bedeutung! Pah! Old school. Dann wird es ein Buch von Christian Kracht geben: "Meine schönsten Google-Suchen". Einfach 200 Seiten mit Trefferlisten. Oder eine Erwerbsbiografie von Miriam Meckel: "Xing-Einträge, gestern und heute".
Und was ist, wenn Verlage dem Appeal der Blog-Ästhetik noch mehr verfallen? Am Ende muss man Bücher kaufen, die noch gar nicht geschrieben sind. Man bestellt bei Amazon einen Roman, der live in den Kindle hineingetextet wird. Dann sitzt man in der U-Bahn und ist dabei, wenn sich Frank Schätzing einen abmüht zum Thema Weltuntergang aus der Perspektive des Planktons. Vielleicht gibt es eine passende Hotline, die man anrufen kann: "Also, diese Partizipialkonstruktion gerade eben, ja die im 2. Absatz, die finde ich doof."
Jochen Schmidts Verleger erklärte in der "Welt": "Es war klar, dass der Text im Netz so lang ist, dass man das lieber als Buch in der Hand hat, als alles im Internet zu lesen." Ja, aber das ist doch eine krasse Verkennung der Blog-Idee! Internetausdrucker sind die Warmduscher der digitalen Welt. Das Ausdrucken ist wider die Natur des Blogs, der schnell, warm, quasi von der Herdplatte des Entstehens weg konsumiert werden muss.
Literatur? Geritzt!
Weil nun aber die Branche so denkt, müssen sich die Autoren wehren. Ich meine die wahren, großen, leidensfähigen Schriftsteller, die die Gutenberg-Kultur retten wollen. Es muss eine bürgerliche Anti-Twitter-Poetik geben, Textformen mit inhärenter Widerständigkeit gegen alles aus Bits und Bytes.
Wie sähe so eine Praxis aus? Durs Grünbein könnte vor einer Steintafel sitzen und seine lyrischen Preziosen Kerbe für Kerbe einschreiben in das Archivmaterial der Antike. Botho Strauß könnte Bäume, jene Ahnen des Papiers, mit seinen Gedanken gravieren. Die Rede von der vertiefenden Qualität der Literatur ergäbe endlich wieder Sinn.
Ich für meinen Teil habe für solche Projekte leider keine Zeit. Mein Verleger will neuen Stoff. Und ich muss ja auch an die Finanzen denken. Allein, was es kostet, mein neues Powerbook abzustottern.
Deshalb schnell ein neues Buch: "Woran ich denke, wenn ich mein iPhone drehe".
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Sind Bücher Kultur? Kann ein Blog Kultur sein? Nein! Der Akt des Schreibens ist Kultur, der Vorgang des Lesens und Verstehens ist Kultur, doch das Buch oder der Blog selbst sind nur die Boten, das Medium, nicht die Kultur [...] mehr...
Danke, das Problem (oder besser: der Trend) wurde gut auf den Punkt gebracht. Ich selbst wollte einen satirischen Fortsetzungsroman (Karfunkels-Rache) einer Boulevardzeitung anbieten und bin kläglich gescheitert. Jetzt verstehe [...] mehr...
Herr Haas bleibt einer meiner liebsten Autoren im Bereich "Schmunzeln auf hohem Niveau". Auch wieder mit diesem Beitrag. mehr...
Früher gab es kein Internet und wer privilegiert genug war ging in einen der zahlreichen kleinen Buchläden mit dem stets aktuellen Programm und hat sich all die angesagten Bücher mit den poppigen Umschlägen und angesagten Titeln [...] mehr...
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