Von Rainer Müller
Mit jeder erklommenen Treppenstufe wird der würzige Geruch intensiver, doch erst auf der Aussichtplattform wird endgültig klar, wie das Bauwerk zu seinem Namen kam: Räucherturm. Hier wurden einst die Würstchen der "Produktionsgenossenschaft des Fleischerhandwerks" in Dessau geräuchert, hier oben sitzt der Fleischgeruch besonders tief im Mauerwerk. Doch die sozialistische Wurstfabrikation läuft nicht mehr, die Arbeitsplätze sind verschwunden. Nur der Räucherturm blieb stehen, wurde saniert, begehbar gemacht und mieft ein bisschen vor sich hin. Der Geruch also bleibt - die Menschen aber verduften.
"In zehn Jahren wird Dessau im Vergleich zu 1990 rund ein Drittel seiner Bewohner verloren haben", sagt Stadtplanerin Heike Brückner. Seit der Wende schrumpft Dessau so stark wie kaum eine Kommune in Deutschland. 2007 fusionierte sie schließlich mit der Nachbarstadt zu Dessau-Roßlau und zählt gegenwärtig noch 88.000 Einwohner. Ganze Viertel wirken verlassen, Gründerzeitfassaden bröckeln, die Fenster vieler Plattenbauten sind eingeschlagen. Schulen, Geschäfte, Wohnhäuser stehen leer. "Was sollen wir tun, wenn die Hälfte der Bevölkerung weg ist?", fragt Brückner. "Einfach nur dichtmachen geht ja nicht."
Dessau-Roßlau ist ein Extremfall in der Region - aber kein Einzelfall. Kein Bundesland ist so stark vom Bevölkerungsrückgang betroffen wie Sachsen-Anhalt. Die Gründe sind bekannt: Nach der Wende 1990 brachen ganze Industriezweige und damit Existenzgrundlagen weg, die Menschen wandern bis heute ab, vor allem junge und gut ausgebildete. Dramatische Herausforderungen auch für die Städte. 2003 richtete die Regierung daher eine Art Versuchslabor ein: Die Internationale Bauausstellung (IBA), ein auf sieben Jahre angelegtes Programm zum Stadtumbau, das eigentlich eine Verschlankungskur ist.
Vorreiter beim Abriss
Angesiedelt an der traditionsreichen Bauhaus-Akademie in Dessau-Roßlau entwickeln Brückner und ihre Kollegen seither neue Strategien zum Umgang mit der Schrumpfung. 2010 endet der Versuch, und ab 9. April präsentiert die IBA ihre Projekte in einer zentralen Überblicksausstellung mit dem Titel "Weniger ist Zukunft" im Bauhaus - und vor Ort in den insgesamt 19 beteiligten Städten.
Anders als bei früheren Internationalen Bauausstellungen in Berlin oder im Ruhrgebiet ist in Sachsen-Anhalt ein ganzes Bundesland Ausstellungsgebiet. Erstmals wird im Rahmen einer Bauausstellung auch weniger neu gebaut als umgebaut und abgerissen. "Sachsen-Anhalt ist beim Umbau Vorreiter für Deutschland. Wir haben hier schon Erfahrungen gesammelt, die andere Regionen noch vor sich haben - oft ohne das wahrhaben zu wollen", sagt IBA-Geschäftsführer und Bauhaus-Chef Philipp Oswalt.
Bevölkerungsprognosen etwa des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung sehen für viele ländliche Regionen in Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen ähnliche Entwicklungen voraus. "Auch dort werden Bürgermeister und Stadtkämmerer ihren Bürgern früher oder später erklären müssen, dass es mit weniger Einwohnern und weniger Steuereinnahmen kein 'Weiter so' geben kann", erklärt Oswalt. So präsentiert die IBA in ihren Modellstädten Projekte, die zwar aus der Situation vor Ort entwickelt wurden, die aber vielleicht bald Schule machen in der Oberpfalz, im Sauerland oder anderen schrumpfenden Landstrichen.
Stadtinseln per Cut and Paste
Nicht alle IBA-Konzepte sind so radikal wie die Idee der "Stadtinseln" in Dessau-Roßlau, wo die Planer die Stadt quasi "in Pixel zerlegen und per Cut and Paste neu gestalten", wie Brückner pointiert formuliert. Dessau-Roßlau verabschiedet sich so vom kompakten Stadtkörper und lässt nur Häuserinseln. "Gebautes wird ausgeschnitten", so Brückner, "und an der Leerstelle fügen wir Landschaft ein". Eine Idee, die auf eine Bürgerbefragung zurückgeht: Dessau ist stolz auf seine beiden Unesco-Weltkulturerbestätten Bauhaus und Dessau-Wörlitzer Gartenreich, einem Landschaftspark aus dem 18. Jahrhundert. "Holt das Gartenreich in die Stadt", lautete eine der Bürgerideen.
Vom Räucherturm aus sind nun die ersten Ergebnisse zu sehen. Wo alte Fleischereigebäude standen, sprießt Gras, drehen Jugendliche mit BMX-Rädern ihre Runden auf einem selbstgestalteten Parcours. Auf einem Dutzend anderer Brachen haben Bürger als "Flächenpaten" Kräutergärten oder Blumenrabatten angelegt. Um mehr als 60.000 Quadratmeter ist die bebaute Fläche geschrumpft, weitere 30.000 Quadratmeter sollen abgerissen werden.
Am einfachsten ist der Abriss bei städtischen Immobilien: Zwei Schulen fielen ihm zum Opfer und 3500 Wohnungen, die überwiegend dem kommunalen Wohnungsunternehmen gehörten. Mit Privateigentümern gibt es dagegen oft schwierige Verhandlungen; es dauert, "bis wir Eigentümer oder deren Gläubiger davon überzeugen können, dass ihre Immobilien oder Grundstücke auch zukünftig nichts wert sein werden und sie für einen Symbolpreis verkaufen", sagt Brückner.
In der schrumpfenden Landeshauptstadt Magdeburg werden unter dem Motto "Weniger Stadt - mehr Landschaft" zwar auch Industriebrachen begrünt - aber in deutlich geringerem Ausmaß als in Dessau-Roßlau. Auf der Fläche eines alten Bahnhofs am Elbufer entstand ein belebter öffentlicher Platz mit Installationen von Maurizio Nannucci und Gloria Friedmann - und allem Bevölkerungsrückgang zum Trotz entsteht hier ein neues Wohnquartier. Die Stadt wendet sich ihrem Fluss zu. Der alte Handelshafen erlebt als Wissenschaftshafen eine neue Blüte mit neuen Nutzern wie dem Fraunhofer- und Max-Planck-Institut.
Freiluftgalerie statt Baulücken
Von außen nach innen schrumpft hingegen Aschersleben. So versucht die Stadt mit ihren noch 30.000 Einwohnern das historische Stadtzentrum zu stärken. An der verkehrsumtosten Ringstraße rund um die Altstadt wird gar ein Leerstand von 75 Prozent in Kauf genommen, um die dahinterliegende Bausubstanz zu schützen. Wo der Abriss unumgänglich ist, schließt hausgroße zeitgenössische Kunst die Baulücken und verwandelt die vielbefahrene Straße in eine Drive-Thru-Gallery - Freiluftgalerie statt Baulücken. Mit den Brachflächen soll die Galerie auch nach Ende der IBA weiter wachsen.
Doch es wird nicht nur abgerissen bei dieser IBA, es finden sich auch vereinzelte Neu- oder Umbauten. In Aschersleben etwa wurde eine Papierfabrik aufwendig in ein Bildungszentrum verwandelt und in einen Park integriert. Das Projekt von Lederer Architekten zählt zu den wenigen baulichen Akzenten dieser IBA. "Wir setzen bewusst nicht auf Leuchttürme oder architektonische Ausrufezeichen", erklärt Philipp Oswalt das Konzept der IBA angesichts mangelnden Neubaubedarfs. "Obwohl das weniger Bilder produziert und nicht als sexy gilt."
Sexy sind die Ergebnisse des ostdeutschen Magermodell-Stadtkonzepts vielleicht nicht - aber in ihrer Zurückhaltung sehenswert. So wie das neue Besucherzentrum im Luther-Geburtshaus-Ensemble in Eisleben. Behutsam fügt sich dort ein von Springer Architekten aus Berlin entworfenes Ausstellungsgebäude in die mittelalterliche Puppenstube der Altstadt ein. Ein Vorzeigeprojekt der IBA, deren Ausstellungstitel ja zugleich ihre Botschaft ist: "Weniger ist Zukunft." Man könnte auch sagen: Schlanker ist klüger.
IBA Stadtumbau 2010, in 19 Städten in Sachsen-Anhalt, weitere Informationen auf der Hompage
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