Aus Bagdad berichtet Ulrike Putz
Kasim Sabti sitzt im seinem Garten und schimpft: Über die "Hundesöhne" von Terroristen, die seiner Kunstgalerie im Herzen Bagdads immer wieder Anschläge androhen. Über die "kleinen grauen Männer" im Kulturministerium, die das wenige Geld, das es noch gibt für Kunst in Irak, in die eigenen Taschen stecken. Vor allem aber über die "Invasion der Ungebildeten", die Sabti für die größte Tragödie Iraks hält. "Erst haben die Amerikaner uns überrannt, ihnen dicht auf den Fersen war der Pöbel. Jeder, der laufen konnte, ist vom Land nach Bagdad gezogen. Diese Leute haben alles zerstört, was Bagdad zur Kulturhauptstadt der arabischen Welt machte."
Man könnte Sabtis Tirade als elitären Unsinn abtun: Die Masse der Menschen in Irak hat ganz andere Sorgen, als sich über den Niedergang der Kunst zu erregen. Krieg und Terror, Armut und Arbeitslosigkeit haben Millionen Menschen in die Städte getrieben. Dort suchen sie ein Auskommen, ein bisschen Sicherheit - dass ihre Anwesenheit Kulturschaffende wie Sabti stört, dürfte sie kaum berühren.
Doch Sabti ist nicht irgendwer. Der Maler und auch im Ausland bestens verdrahtete Galerist ist so etwas wie der Doyen der bildenden Künstler Iraks. Nachmittags, wenn er im Garten seiner Galerie "Hewar" Hof hält, geben sich Bagdads Bildhauer und Maler, Dramaturgen und Dichter ein Stelldichein. Bei Tee und Wasserpfeife drehen sich die Gespräche um die Kollegen und Sammler, die ins Exil gegangen sind, um die Geldsorgen, mit denen sich die Gebliebenen herumschlagen.
Dass die Männer recht unbesorgt beieinander sitzen können, dafür sorgt die irakische Armee: Wie viele Stadtviertel in Iraks Hauptstadt ist auch das, in dem Saptis Galerie liegt, hermetisch abgeriegelt. Wer sich in Bagdad Kunst anschauen will, muss an mehreren Checkpoints vorbei, dessen Auto wird von schwer bewaffneten Soldaten auf Sprengstoff durchsucht. Dass da draußen so etwas wie Krieg herrscht, ist im Garten von Saptis Villa nur zu merken, wenn immer mal wieder amerikanische Kampfhubschrauber darüber hinwegdonnern. Dann verstummen die Gespräche kurz.
Keine Käufer, keine gut bezahlten Aufträge: Was für viele Künstler weltweit schon immer Teil des Berufs war, ist für Iraks Kunstschaffende ein relativ neues Phänomen - über das sie sich ausführlich beklagen. Das ganze 20. Jahrhundert hindurch galt Irak als die Kulturnation der arabischen Welt. Spätestens unter Saddam Hussein wurde Bagdad dann zum Mekka der arabischen Kreativen: Der Diktator sah sich gern in Plastiken und Gemälden verherrlicht. Wer Talent hatte, wurde gefördert. Das Kunst-Studium war umsonst, aus Frankreich importierte Farben und Leinwände inklusive. Wer regimetreu war, hatte ein Auskommen, bekam regelmäßig staatliche Aufträge oder eine Professur. Unter Bagdads wohlhabender Mittelschicht galt es zudem als schick, irakische Kunst zu sammeln.
Alte Kunstwerke werden entsorgt, neue nicht aufgestellt
Mit der Invasion der US-Truppen 2003 brach die etablierte Kunst-Szene am Tigris zusammen: Die Sammler flohen ins Ausland, die besser gestellten Maler und Bildhauer folgten ihnen. In den ersten Jahren nach Kriegsbeginn konnten trotzdem noch viele Kunstschaffende von ihrer Kunst leben, sagt Sabti. "Anfangs kam das Uno-Personal, Journalisten und sogar amerikanische Soldaten in meine Galerie und kauften." Bei Preisen zwischen 800 und 2000 Dollar für ein künstlerisch anspruchsvolles Ölgemälde hätten viele der Invasoren ihr Herz für die irakische Kunst entdeckt.
Doch dann kam der Terror und mit ihm der Niedergang. "Ab 2005 konnten sich die Ausländer nicht mehr frei bewegen, seitdem ist das Geschäft so gut wir zum Erliegen gekommen." Dass Sabti die Schuld an der Misere der einfachen Bevölkerung in die Schuhe schiebt, ist nicht ganz logisch, dass die irakische Kultur in den vergangenen Jahren nach unten nivelliert wurde, jedoch traurige Realität.
"Bagdad droht zu einer Stadt ohne Antlitz zu werden," sagt Ahmed Abdullah Fadaam. Statuen und Skulpturen im öffentlichen Raum seien das Aushängeschild jeder Nation, so der Bildhauer. "In Bagdad werden die alten Kunstwerke entsorgt, weil sie von Saddam in Auftrag gegeben wurden. Doch es wird nichts Neues aufgestellt. Irak wird zur Gesellschaft ohne Gesicht."
Zusammen mit Kollegen versucht Fadaam zu retten, was zu retten ist: Die Statue "Unsere Frau des Marschlandes" des legendären Khalid Al-Rahal schmückte jahrelang den zentralen Platz des Bagdader Arme-Leute-Vororts Sadr-City. Als die Islamisten dort die Macht übernahmen, entfernten sie die Frauenfigur "weil ihre Brustwarzen zu erahnen waren", so Fadaam. Nur mit Mühe konnten er und ein paar Gleichgesinnte die Bilderstürmer davon überzeugen, die Bronze-Plastik eines der bedeutendsten irakischen Künstler des 20.Jahrhunderts nicht einzuschmelzen. "Sie steht jetzt im Keller des Kulturministeriums und verstaubt."
Wer will schon einen Leichnam über dem Esstisch?
Fadaam ist ein feinsinniger, bedächtiger Mensch. Seine Reflektionen über das Leben im Irak, die er im Auftrag der Universität von North Carolina geschrieben hat, haben mehrere internationale Preise gewonnen. Derzeit setzt er die ursprünglich als Radio-Beiträge konzipierten Stücke im Auftrag eines großen Comic-Verlags in ein gezeichnetes Tagebuch um.
Für Faddam bietet das eine Möglichkeit, zu erzählen, was er in Skulpturen nicht ausdrücken will. "Ich habe gleich zu Kriegsbeginn aufgehört, zu modellieren". Er wollte es niemandem zumuten, dem Grauen in voller Lebensgröße gegenüber zu stehen. "Was nützt es, wenn ich meinen Horror, meine Angst, in eine Plastik umsetze. Dann zwinge ich den Betrachter doch nur, genauso zu verzweifeln wie ich."
Die zeitgenössische Kunst in Irak sei wie die Iraker selbst ein Opfer des Krieges, sagt Fadaam. Der Alltag sei so bedrückend, dass kreatives Arbeiten kaum noch möglich sei. "Und selbst diejenigen, die noch malen, verkaufen nichts mehr. Wer will schon das Bild eines enthaupteten Leichnams über dem Esstisch hängen haben."
Maler, die nicht anders können, als die brutale Realität zu zeigen, Bildhauer, die lieber nicht mehr arbeiten, als Bestialisches abzubilden: Fadaam spricht für die Besten unter Iraks Kunstschaffenden, für die Getriebenen, die Berufenen. Doch viele der nun arbeitslosen Künstler Iraks gehören einer anderen Gattung an: Während der Saddam-Diktatur war eine Schar handwerklich gut ausgebildeter, aber künstlerisch uninspirierter Profis herangewachsen, deren Jubel-Kunst nun nicht mehr gefragt ist. Genau deshalb wird sich Iraks Kunst-Szene auch nie ganz von den Folgen des Krieges erholen, sagt Fadaam. "Hier schrumpft sich etwas gesund. Das ist zwar bitter, aber auch notwendig."
Seine Hoffnung setzt Fadaam in die neue Generation, die jetzt an den Kunsthochschulen ist. "Dort studieren einige echte Talente." In ein paar Jahren könne dieser Nachwuchs der irakischen Kunst neues Leben einhauchen, Bagdad wieder zu einer Kultur-Metropole machen. Das Schicksal der Kunst sei dabei eng mit dem Iraks verknüpft. "Wenn die Lage sich verbessert, wenn die jungen Leute in ihren Werken von Liebe und Glück erzählen können, dann hat nicht nur die Kunst, dann hat auch Irak eine Zukunft."
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