Von Tobias Becker
Die Freude war groß, groß genug, um einen Gassenhauer der "Höhner" in Endlosschleife zu ertragen: "Da simmer dabei! Dat is prima! Viva Colonia!" Immer wieder habe sie diesen Song aufgelegt, erinnert sich Karin Beier, 44, immer wieder habe sie ihn mitgesungen, "geschätzte 100 Mal". Nun ist Beier nicht Präsidentin des Festkomitees Kölner Karneval, sondern Intendantin des Kölner Schauspielhauses, aber es war Karnevalssonntag, und aus Berlin hatte sie gerade eine Nachricht erreicht: Drei Produktionen ihres Hauses seien eingeladen zum Theatertreffen, zur Bestenschau deutschsprachiger Bühnen im Mai, zu der insgesamt nur zehn Produktionen anreisen dürfen. Drei von zehn, welch Triumph! "Da simmer dabei! Dat is prima! Viva Colonia!"
Die Freude jedoch war kurz, so kurz, dass Beier bis heute nicht mit ihrem Team im Theater darauf angestoßen hat: "In Köln ist zurzeit alles so belastet, die Lust zu feiern bleibt da aus." Monatelang stritt sie dafür, das Schauspielhaus zu sanieren, statt es abzureißen und für viel Geld neu zu bauen; vor zwei Wochen hatte der Kampf endlich Erfolg. "Es war die extremste Phase meines Lebens", sagt Beier. "Alles hat sich nur noch um Architektur und Politik gedreht, über Theater hat keiner mehr gesprochen, ich bin sogar persönlich beleidigt worden." Die Einladungen zum Theatertreffen seien völlig untergegangen, offiziell gratuliert habe ihr in der Stadt niemand. Welch trauriger Triumph!
Großes Theater hinter den Kulissen, in der kommunalen Kulturpolitik: Dafür ist Köln seit Jahrzehnten bekannt. Großes Theater auf der Bühne: Das kannten viele Kölner gar nicht mehr. Seit Intendantenlegende Jürgen Flimm der viertgrößten deutschen Stadt 1985 den Rücken kehrte, war ihr Theater bedeutungslos, in der Stadt und erst recht darüber hinaus. Ein schlafender Riese, den Beier wieder geweckt hat, als sie 2007 ihr Amt antrat. Sie hat aus der Theaterprovinz Köln wieder eine Theatermetropole gemacht - und in dieser Spielzeit sogar so etwas wie eine Theaterhauptstadt, nicht nur wegen der drei Einladungen zum Theatertreffen. Auch zu den Mülheimer Theatertagen hat es eine Kölner Inszenierung geschafft, zudem hat Beier mit einer eigenen Arbeit den "Faust" in der Kategorie Regie gewonnen, und für die Hauptrolle in einer weiteren Beier-Arbeit hat Barbara Nüsse den "Gertrud-Eysoldt-Ring" eingesackt. Da muss man doch, zum Teufel noch mal, auch wieder über Theater reden in Köln.
"Irgendwann übernehm ich das mal hier!"
Für Beier ist es eigentlich ein Heimspiel am Rhein: Sie ist dort geboren und zweisprachig aufgewachsen, als Tochter eines deutschen Lehrers und einer Engländerin, sie ist dort zur Schule gegangen, in das katholische Mädchengymnasium Liebfrauenschule, sie hat dort das erste Mal ein Theater besucht, mit 15 das Schauspielhaus unter Jürgen Flimm, sie hat dort studiert, Anglistik sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, und sie hat dort neben dem Studium gemeinsam mit Elmar Goerden "Countercheck Quarrelsome" gegründet, eine freie Theatertruppe, die bekannt war für radikal modernisierte Shakespeare-Abende im englischen Original. Goerden ist inzwischen Intendant des Schauspielhauses Bochum, und er erinnert sich noch genau daran, dass die Studentin Beier dem Studenten Goerden einst mit Blick auf das Schauspiel Köln flapsig ankündigte: "Irgendwann übernehm ich das mal hier!"
Dass Beier so fest in der Stadt verwurzelt ist, ist laut Goerden heute eines ihrer Erfolgsrezepte als Theatermanagerin, ebenso wie ihre Erfahrung aus der freien Szene: "Sie ist nicht aus irgendeiner Regieakademie in den Beruf reingesegelt, sondern sie hat früher alles selbst gemacht, Scheinwerfer besorgt, Programm-hefte geklebt, alles." Zudem sei sie eine erfahrene Regisseurin, die viele Häuser kennengelernt und sich "mit einer Menge Sturheit" durchgebissen habe: Ihr Studium brach sie ohne Abschluss ab, um ans Schauspielhaus Düsseldorf zu gehen, zunächst als Regieassistentin. 1994 und 1996 schaffte sie es von dort mit Shakespeare-Abenden zum Theatertreffen, später inszenierte sie in Köln, Hamburg, Bonn, Bochum, Hannover, München und Zürich und arbeitete fünf Jahre lang als Hausregisseurin am Wiener Burgtheater; nebenbei führte sie auch Opernregie.
Ihr Name ist keine Marke
Zu den Top-Stars des Regiefachs, die die Trends setzen, zählte sie in den vergangenen Jahren dennoch nicht, was auch daran liegen mag, dass Beiers Handschrift nicht so markant ist wie jene von Christoph Marthaler, Michael Thalheimer, René Pollesch, Nicolas Stemann oder auch Rimini Protokoll. Sie hat sich einen exzellenten Namen gemacht, aber ihr Name ist keine Marke, auch wenn es natürlich Gemeinsamkeiten gibt zwischen vielen ihrer Inszenierungen: Beier macht psychologisches Theater, das rhythmisch exakt austariert ist; sie arbeitet extrem viel an den Schauspielern.
"Als Schauspieler hat man ihre ungeteilte Aufmerksamkeit", sagt Filmstar Maria Schrader, die in Köln regelmäßig auf der Bühne steht. "Man muss nicht darum kämpfen, gesehen, gehört und geschätzt zu werden." Kennengelernt hat Schrader sie 2004 bei Proben für die Nibelungenfestspiele in Worms: "Damals musste sie immer massiert werden, weil sie eingerastet war im Nacken", erzählt Schrader, "sie hat das damit erklärt, dass sie einfach nicht zurückgelehnt inszenieren könne. Und das stimmte: Sie saß da immer wie auf dem Sprung, voller Energie." Trotz dieser Leidenschaft: Künstlereitelkeiten seien Beier fremd. "Sie ist extrem unneurotisch und pragmatisch, diszipliniert und erwachsen: Sie hat so viel auf dem Zettel, dass sie ihre Zeit nicht verschwenden möchte."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Theatertreffen Berlin | RSS |
© KulturSPIEGEL 5/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH