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09.05.2010
 

Maibowle

Deutschland ist Waldmeister!

Von Hobbykoch Peter Wagner

Zubereitung: Gelierte Bowle
Fotos
Peter Wagner

Euphorisierend, die Wollust fördernd, gut gegen Migräne - Zeit, ein Kraut wiederzuentdecken, das nicht nur zum Grünfärben von Götterspeise taugt. Hier kommt es in Maibowle-Gelee zum Einsatz.

Dass Waldmeister viel mehr sein kann als nur die künstlich hergestellte grüne Färbung in der seltsamerweise ganz und gar nicht weißen Berliner Weiße, gerät immer mehr in Vergessenheit. Schade eigentlich. War doch die Maibowle neben Beerenwein, Eierlikör und Kalter Ente für unsere Eltern und Großeltern genau das, was für später Geborene Eimersangria, Alcopops und Red-Bull-Wodka leisten: den Taumel-Turbo zur Ultrabeschleunigung von Frühlingsgefühlen.

Wirkungstrinker aller Generationen schätzen an diesen Traditions-Getränken vor allem den schleichenden Schwipps - man kann davon im Vergleich zu Rotwein, Tequila oder toxischen Longdrinks wie Sex on the Beach und Zombie relativ viel und lange trinken. Das unterstützt bei ausgedehnten Tanzvergnügen im Mai sowohl die allgemeine Gefäßdurchblutung wie auch den langfristigen Erhalt der Menschenrasse. Wie alles im Leben hat aber auch dieser Spaß seine dunklen Seiten. Wer glaubt, die tödlichen Katerkopfschmerzen am nächsten Morgen seien die Höchststrafe, soll sich mal mit denen unterhalten, die "Vater unbekannt" in der Geburtsurkunde stehen haben.

An letzterem Phänomen ist seit Menschengedenken in der Zeit von Ende April bis Mitte Mai der Waldmeister immer wieder maßgeblich beteiligt. In diesen Wochen verströmt der Asperula odorata (auch Galium odoratum genannt) seinen verlockend süßlichen Duft in lichten Laubwäldern - was schon die mittelalterlichen Klosterbrüder zu schätzen wussten. Sie stellten aus Waldmeisterkraut (ohne Blüten) zusammen mit Blättern der schwarzen Johannisbeere und der Gundelrebe den Maitrank her. Erstmals dokumentiert durch den Benediktinermönch Wandalbertus aus Prünn im Jahre 854.

Waldmeister als "Frauenbettstroh" in die Bettfedern gemischt

Selbstredend taten sie dies nicht zur Förderung der Wollust, sondern als Wundermittel zur Bekämpfung von Ödemen, Krampfadern und Venenentzündungen. Die krampflösende Wirkung des Waldmeisters hilft besonders bei Migräne, Nervosität, Angst und Herzklopfen - und dazu ist er auch noch wurmtreibend. Gut, das ist heute vielleicht nicht mehr so wichtig wie die lösende Wirkung auf verkrampfte potentielle Geschlechtspartner - das wohlriechende Kraut wurde früher gern auch als "Frauenbettstroh" unter die Bettfedern gemischt.

Und wenn es dann am Ende der Bowle in eben diesen Federn weitaus verhaltener raschelt als erwünscht, ist daran nicht nur der viele (und oft nicht gerade hochwertige) Wein schuld. Wie so oft bei Heilkräutern hat auch der Waldmeister in Maßen genossen positive - in diesem Fall euphorisierende - Wirkung, die bei Massen-Konsum rasch ins nackte Grauen kippt.

Grund dafür ist das Cumarin. Dieser sekundäre Pflanzenstoff steckt auch in Heu, Datteln, der Weichselkirsche oder der Tonkabohne. Im Waldmeister liegt er zunächst als Cumaringlykosid vor, von dem beim Trocknen das duftende Cumarin abgespalten wird, weswegen die besten Bowlen aus über Nacht angetrockneten Blättern hergestellt werden. Seit Ende des 19. Jahrhunderts kann Cumarin als Aromastoff künstlich synthetisiert werden, ist aber in den USA längst verboten, weil ihm toxische Eigenschaften nachgewiesen wurden.

Das wiederum macht Cumarin für alle Menschen sofort blitzinteressant, die regelmäßig ihr Recht auf Rausch einfordern. Ihnen ergeht es dann mit der Maibowle wie allen anderen Freunden des ungepflegten Zuballerns: Wenn am nächsten Morgen der Kopf in Folge einer Weißwein/Cumarin-Überdosierung explodiert, kann das echt nur daran liegen, dass irgend so ein blöder Neider heimlich Alkohol ins zwölfte Bowleglas geschüttet hat.

So schwippen und schwappen wir durch den Wonnemonat und haben nur zwei Chancen, hier lebend rauszukommen. Entweder beschränken wir uns auf die Safer-Bowle des heutigen Rezeptes, oder wir schütten rein was geht und singen dazu lauthals " Am 30. Mai ist der Weltuntergang", den Nummer-Eins-Hit des Golgowsky-Quartettes aus dem Jahr 1954:

"Am 30. Mai ist der Weltuntergang | wir leben nicht mehr lang | am 30. Mai ist der Weltuntergang | wir leben nicht, wir leben nicht mehr lang | Doch keiner weiß in welchem Jahr | und das ist wunderbar | Wir sind vielleicht noch lange hier | und darauf trinken wir."

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insgesamt 4 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
10.05.2010 von Lorbeerblatt: Noch mehr Waldmeister...

Aber jawohl ja. Nicht nur für Götterspeise und auch nicht nur für Maibowle (wobei es eine nette Idee ist, beides zu fusionieren ;-)) Mit Waldmeister kann man noch eine Menge mehr anstellen. Als Dessertrilogie mit [...] mehr...

09.05.2010 von hajott59: Traditionell

gibts bei uns seit Jahren eine Mai-Bowle. Am 30.4. gehts mittags in den Wald um Waldmeister zu sammeln. Am Abend wird dann daraus eine Bowle gemacht, ideal als Aperitif vor dem obligatorischen Grillen. Wir sind so 8 bis 10 Leute [...] mehr...

09.05.2010 von lorn order: Gelee

Ich habe hier im Wagnerforum schon häufiger über vollkommen unangebrachte Geleerezepte von Herrn Wagner gelästert. Heute will ich Sie aber mal loben, Herr Wagner! Maibowle als Dessert-Gelee, das ist wirklich mal eine [...] mehr...

09.05.2010 von mavoe: Maibowle

Habe ich richtig verstanden? Maibowle ist in den USA verboten, wg. Cumarin? lol Klasse Rezept! Danke :) mehr...

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Zum Autor

Foto: Gunter Glücklich
Der in Hamburg lebende Autor Peter Wagner, Jahrgang 1960, kocht länger, als er für Geld schreibt: Seit seinem 16. Lebensjahr ist das Schnibbeln, Simmern und Sautieren sein liebstes Hobby. Als furchtloser Esser mag der hauptberufliche Musikkritiker im Grunde alles, solange es mit Liebe und Verstand aus frischen Zutaten gekocht wird. Weitere Wagner-Rezepte finden Sie auf seiner Männerkochseite www.kochmonster.de

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