Von Reinhard Mohr
Als andere zwischen verrosteten Wäschestangen ihrer Wohnsiedlungen aus den sechziger Jahren Fußball spielten, trat Roland Koch in die "Junge Union" ein, die Jugendorganisation der CDU. Er war 14 Jahre alt. Als andere von der Revolution träumten, Hörsäle besetzten und zur Anti-AKW-Demonstration nach Brokdorf fuhren, wurde Roland Koch Vorsitzender des CDU-Kreisverbands Main-Taunus. Er war 21 Jahre alt. Als andere am Zaun der künftigen Startbahn West rüttelten, zog Roland Koch, mit 29 Jahren, in den Hessischen Landtag ein.
Ein Leben für die Politik - auf der anderen Seite der Barrikade. So schien es von Anfang an. Und so ging es weiter. Mit 41 Jahren wurde das Wunderkind aus Frankfurt am Main hessischer Ministerpräsident. Nur Uwe Barschel war in noch jüngeren Jahren Ministerpräsident geworden: mit 38.
Ähnlich wie Kohl hatte Koch es nicht nur sehr schnell geschafft, in politische Spitzenämter der Bundesrepublik Deutschland zu gelangen - ebenso rasch wurde er zum Lieblingsfeind aller, die politisch links von der "Stahlhelm"-Fraktion der CDU à la Alfred Dregger standen. Das waren im einst "roten" Hessen aber fast alle westlich des "Fulda Gap", dort, wo amerikanische Atomsprengköpfe auf ihren Einsatz gegen einen möglichen Überfall der Sowjetarmee warteten und der rechtskonservative Bischof Dyba mit aller Sittenstrenge seines Amtes waltete.
Ignorieren funktionierte nicht
Abgesehen von den ideologischen Abgründen trennte die meisten damals auch das Lebensgefühl von der Generation Roland: Nichts war vor 30 Jahren uncooler als eine Mitgliedschaft bei der Jungen Union, Schülerunion oder dem RCDS, dem Studentenverband der CDU. Über die Milchbubis, die aus dem Fortschritt der Zeit komplett herausgefallen waren, ergossen sich ein Jahrzehnt lang Hohn und Spott. Dass sie, genau wie Roland Koch, gern zu McDonald's gingen, Coca Cola tranken und nichts auf die Vereinigten Staaten von Amerika kommen ließen, bestätigte den verheerenden Befund. Da war nichts zu machen, und so beschloss man, die CDU-Jüngelchen nicht mal zu ignorieren.
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Stets war er ein Machtpolitiker reinsten Wassers, der freilich gern jene Grundpositionen einnahm, die dem linken oder linksliberalen Zeitgeist offen Paroli boten. In dieser Mischung aus Strategie und Taktik, Überzeugung und Flexibilität ähnelte er Franz Josef Strauß selig. Nein, auch der war kein Faschist, wie damals manche "Stoppt Strauß!"-Aktivisten meinten, selbst wenn es viele Zitate der "bayerischen Eiche" (Josef Ratzinger) gibt, die auch heute noch Kopfschütteln hervorrufen.
"Strauß war der bedeutendste Politiker des deutschen katholischen Südens", urteilte SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein, obwohl er mit dem konservativen Koloss aus München in beinah allen entscheidenden Fragen überkreuz lag.
Ob man Vergleichbares eines Tages auch über Roland Koch sagen wird? Über den Mann, der im Wahlkampf 1999 mit Ressentiments gegen Ausländer Politik gemacht hat, den CDU-Parteispendenskandal 2000 inklusive angeblich "jüdischer Vermächtnisse" mit seiner "brutalstmöglichen Aufklärung" nur um Haaresbreite überstand, immer wieder durch polemisch-populistische Attacken auffiel und zuletzt dafür gesorgt hat, dass ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender nicht wiedergewählt wurde?
Zwischen "Hessen vorn" und "Erbarmen, die Hessen kommen"
Landauf landab ist jedenfalls kein anderer CDU-Ministerpräsident zu sehen, der ein ähnlich kantiges Profil vorzuweisen hätte wie Koch. Weder der Saarländer Peter Müller noch der Niedersachse Christian Wulff haben jene kämpferisch polarisierende Statur, die Überzeugung mit Machtwillen verbindet, und der Stuttgarter Stefan Mappus, Jahrgang 1966, gehört schon einer anderen, pragmatischeren Generation an - trotz allen zur Schau gestellten Spätzle-Konservativismus.
Roland Kochs politische Kontur wurde nicht zuletzt in jenen ideologisch aufgeladenen siebziger Jahren geschärft, als die sozialdemokratische Parole "Hessen vorn" mit dem musikalischen Warnschrei der Rodgau Monotones, Erbarmen, die Hessen kommen!, konkurrierte. Damals war die samstägliche Straßenschlacht in der Frankfurter Innenstadt noch so selbstverständlich wie die schicke Shopping Mall auf der Zeil heutzutage.
Der Hessische Rundfunk war so sehr ein sozialdemokratisch dominierter "Rotfunk" wie er heute ein teils gotterbärmlicher, schwarzrotgoldener Seichtfunk geworden ist. Über die berüchtigten "Rahmenrichtlinien" für den Schulunterricht des gerade verstorbenen SPD-Kultusministers Ludwig von Friedeburg wurde so erbittert gestritten als ginge es um den Untergang des Abendlands, und nur Heinz Schenks Ebbelwoi-seliger "Blauer Bock" hielt das zerstrittene Hessenvolk mental einigermaßen zusammen.
In dieser vertrackten Dialektik zwischen Revolution und Restauration schlummert womöglich das Markengeheimnis von Roland Koch, seine Unique Selling Proposition: Ein moderner Konservativismus, der den Gestus des Kulturkampfs aus der ideologisch gestählten Vergangenheit in eine Gegenwart übersetzt, in der es scheinbar nur noch um politisch korrekte Konsenslösungen geht - von Elterngeld und Kitaplatz bis zur Datenvoratsspeicherung und Google Street View.
Während seiner Pressekonferenz gestern in Wiesbaden spürte man deutlich die Erleichterung des hessischen Ministerpräsidenten, dass er nun seinen historischen Partisanenauftrag als erledigt ansieht. Mehr ist nicht herauszuholen aus der Geschichte in einer Zeit, da die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende binnen weniger Wochen von der strikten Ablehnung einer Finanztransaktionssteuer zu ihrer vehementen Befürwortung wechselt. So kann der alte Kämpfer Koch zum selbstgewählten Zeitpunkt die souveräne Entscheidung zum Abgang aus der Politik vollziehen und ganz entspannt den schönen Satz sagen: "Politik ist nicht mein Leben". Wer hätte das gedacht nach diesem Leben für die Politik. Schlimmer noch: Man glaubt es ihm sogar.
Vielleicht erinnert sich ja an diesem denkwürdigen Tag Kochs alter Kulturkampfbruder im Geiste, Joschka Fischer, an den stillen Vierzeiler seines verstorbenen Freundes, des urhessischen Kabarettisten Matthias Beltz, der den Gang der Geschichte ebenso biodynamisch wie verfallstheoretisch erklärt:
Parmesan und Partisan, wo sind sie geblieben?
Parmesan und Partisan, alles wird zerrieben
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Dann kann Amnesty ja von Glück sagen, dass Sie dort nicht geblieben sind, sondern im Lager für historisch Abgelegtes geistiges Asyl gefunden haben! Nun lassen Sie doch einfach mal raus, was Sie konkret vorschlagen, anstatt [...] mehr...
wenn Sie sich vergegenwärtigen, welcher Personenkreis in den USA sich den Gang in die Politik leistet resp. zu leisten in der Lage ist, ist doch der Umstand, daß Koch seinen Lebensunterhalt nicht aus irgendwelchen [...] mehr...
Ich habe einst um 1990 das liberale Asylrecht leidenschaftlich verteidigt, bin für Amnesty International in der Fußgängerzone hinter einem Infostand gestanden und habe mich an Solidaritätsdemos und Lichterketten beteiligt. Ich [...] mehr...
Der Roland legt jetzt seinen gepflegten Abgang hin. Man kann sagen was man will, aber die Nummer muß ihm erst einmal einer nach machen. Andere haben sich bei viel kleineren Sachen die Hände verbrannt. Also der ist mit allen [...] mehr...
Das Verbieten von Wahlkampfthemen, das Ausprechen von Denkverboten, das Leugnen von Fakten war bisher eher das Privileg der Mulitkulti-Anhänger und 68er! Beispielsweise hat nach den tödlichen Schüssen auf Polizisten an der [...] mehr...
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