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10.06.2010
 

Theaterereignis "Einmal noch"

Glanz unter der Brücke

Von Matthias Matussek

Foto: Moritz Schell

Das Testament einer toten Diva. Ein Stardirigent als Penner. Ein Comeback mit Wagner. Mit "Einmal noch" hat der Dramatiker Klaus Pohl einen Reißer um Musik und Wahnsinn geschrieben und in Wien inszeniert. In der Hauptrolle der unvergleichliche Otto Schenk, der diese Woche 80 Jahre alt wird.

Er mag zwar ein Penner sein, der Alte mit der braunen Trainingshose, der da seinen zugemüllten Supermarktwagen vor die Würstchenbude schiebt, aber das heißt erstens nicht, dass er immer einer war, und zweitens, dass er nicht wüsste, wie man Komplimente macht.

Zu dieser jungen Frau im modischen Trenchcoat, die dort an ihrer Cola Zero nuckelt, sagt er:

"Sie sind schön."

"Ich wünschte, ich könnte das von Ihnen behaupten", schnappt sie zurück.

Darauf er: "Machen Sie es wie ich. Lügen Sie einfach."

Ach ja, drittens ist er ein schlagfertiger Hund, dieser Penner. Er ist Otto Schenk, der Alleinunterhalter und Opernregisseur, ein Theatertier, das bezwingt und rührt in einer Rolle, die ihm der Dramatiker Klaus Pohl auf den ganz beachtlichen Leib geschrieben hat.

An diesem Probenvormittag im Wiener Theater in der Josefstadt gibt Otto Schenk den ehemaligen Stardirigent Karl Meier, der eines Tages ganz plötzlich verschwand und nun unter einer Autobahnbrücke lebt. Er soll nun reaktiviert werden, weil sich die in Sydney verstorbene Operndiva Anna Denezki das testamentarisch so wünscht.

Unschwer zu erkennen hinter Meier: Die Silhouette des exzentrischen Klangperfektionisten Carlos Kleiber, der schon mal mit Stühlen schmeißen konnte, wenn ein dickfelliges Orchester nicht die halsbrecherischen Manöver mitfahren konnte, ihm nicht folgen konnte in die Meerestiefen und Himmelhöhen einer Wagner-Partitur. Auch Kleiber war eines Tages jäh abgetaucht.

Das Testament der Denezki ist ein Fluch für Meier. Sie wünscht sich lauter schwere Brocken. Den Coriolan. Das Vorspiel zum Tristan. Lohengrin. Meier verzweifelt. "Schon eins wär zu viel." Aber er kann der Denezki diesen postumen Wunsch nicht abschlagen - er hat sie geliebt. Nun piesackt sie ihn, der bereits abgeschlossen hat, zurück ins Leben, zurück zur Musik.

Theatercoup mit Musik

Pohls "Einmal noch", das am Donnerstag Premiere feiert, ist kein Stück, das die Ölkatastrophe in Louisiana aufs Korn nimmt. Es ist kein Anklagestück gegen die Finanzwelt. Es fordert nicht zur Revolution auf oder zur Stürmung der Oper, und zur Verbesserung der Welt trägt es dadurch bei, dass es die Laune aufhellt und das Herz tanzen lässt. Was für ein effektvoller Theatercoup!


Es ist eine Künstlerkomödie und ein Stück voller Klänge. Ähnlich wie der Broadway-Hit "Meisterklasse", der das Leben der Callas nachzeichnete, begleitet es einen Musiktitanen, wie er noch einmal tief in den Triumphen und Agonien einer großen Konzertvergangenheit wühlt und noch einmal die Raubtiernummern eines Konzertbändigers vorführt.

Einmal noch hören wir mit Meier Arien aus der "Macht des Schicksals" und aus Glucks "Orfeus und Euridike", wir hören den Coriolan: "Einmal noch", brüllt Meier über die zweite Geige, die bremsend losfährt. "Man riecht die Metallsaiten", flucht er über die "Paukendeppen", und dann das Vorspiel aus dem Tristan, das man gar nicht dirigieren kann: "Die Musik kommt von irgendwo her."

Dieses ächzende Schwelgen und Schwärmen und gleichzeitige Spotten und Fluchen bringt einer über die Rampe, der beides kennt, das Alter und den Musikbetrieb, denn Otto Schenk, der zwei Tage nach der Premiere 80 wird, ist einer der Großen der Weltoper.

Er hat die meisten Inszenierungen an der Metropolitan Opera in New York verantwortet, er hat an allen großen Häusern inszeniert, mit allen großen Dirigenten gearbeitet. Selbstverständlich auch mit Carlos Kleiber, den Rosenkavalier, die Fledermaus, die Traviata. Er mochte ihn nicht besonders, aber er verehrte ihn als Künstler über alle Maßen.

Die Partitur, die Klaus Pohl für Schenk erdichtet hat, erinnert in Teilen an die grantigen Verzweiflungssuadas eines Thomas Bernhard, an all die Theatermacher und Weltverbesserer und komisch Scheiternden im Gipfelsturm auf die Kunst. Da gerät selbst ein Selbstmordversuch zur Slapstiknummer, wenn Meier versucht, sich an seinem Einkaufswagen aufzuknüpfen, als er vom Tod der Denezki hört.

Schenk zur Seite stehen Therese Lohner als Tänzerin Lucy Schmitt und Michael Dangl als Christopher, der Sohn der Denezki. Dangl verfügt über eine Doppelbegabung: Er spielt Wagner und Beethoven und John Cage auf der Bühne, und den Klavierauszug aus Coriolan, den Meier dirigiert, alles virtuos.

Gekonnt lässt Dangl die Arienzitate aufklingen, die Meier - ein komödiantischer Höhepunkt dieses Theaterereignisses - die musikalischen Stichworte für umwerfende Parodien liefern: zu Boris Godunow, der nicht sterben kann, oder zu Rigoletto, der aus schiefem Mund singt, "immer zum Publikum".

Dann, ganz jäh, wechselt er die Tonart, denn der Tristan weht ihn melancholisch an, und den spricht er, einfach um vorzuführen, wie schön Wagner dichten konnte: "Nacht der Liebe gib Vergessen/ Dass ich lebe/ Nimm mich auf in deinen Schoß/ Löse von der Welt mich los!"

Solche Temperaturwechsel durchziehen den Abend. Pohls Stück ist Schicksalsdrama und Künstlerbilanz, Kabarett und lyrischer Abschied in einem.

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