Von Matthias Matussek
An diesem Vormittag, einige Tage vor der Premiere, ist die Stimmung entspannt. In der Pause sitzt Kollege Ignaz Kirchner mit in der Kantine, der aus der Burg herübergekommen ist, und frotzelt: "Das ist aber schöner als das Stück, das du mir geschrieben hast, Klaus." "Stimmt doch nicht", sagt da der Pohl, "der 'Anatom' ist immerhin 80-mal gespielt worden."
Fest steht, dass Pohl, wie früher Shakespeare oder Molière, an Schauspieler denkt, wenn er schreibt. Er hat für Sepp Bierbichler den "Karate Billy" geschrieben, und für Monica Bleibtreu das "Nachtgespräch mit meinem Kühlschrank", beide äußerst erfolgreich.
Er kann genau hingucken, wenn es um Schauspieler geht. Das, sagt er, hat er von Zadek gelernt, dem er umgekehrt zugeschaut hat im Hamlet, wo er der Horatio war. Überhaupt, der Hamlet. "Jeder Satz 500 Jahre Theatergeschichte", sagt er. "Und was für Figuren!"
Heutzutage lieferten Autoren ja nur noch das ab, was Elfriede Jelinek als "Textflächen" bezeichne. Langweiliges Zeug. Kürzlich habe er einen Schauspieler ausrufen hören: Was, du spielst eine Figur?! Dabei sollte doch eines klar sein: "Im Theater führt einfach kein Weg am Menschen vorbei".
Und in Wien, das ist auch klar, führt jeder Weg an einem Theater vorbei. Wer das Theater in der Josefstadt verfehlt, fällt gleich in drei andere, die Burg, das englische Theater, das Volkstheater, Theater ist Wiener Staatsaffäre.
Das in der Josefstadt wurde Max Reinhardt von einem Waffenfabrikanten geschenkt, eine Rotsamtschatulle mit Goldbelag, eine Stradivari, sagt Schenk. "Man hört jeden falschen Ton, ohne natürlichen Klang kann man hier nicht reüssieren." Es ist das Theater, das Schenk geprägt hat.
Im roten Salon im ersten Stock spricht er über das Theater und über Wien. Dass er die Wiener Ehrenbürgerwürde empfangen wird, hält er für einen rührenden Pleonasmus. "Wien und ich sind doch eh eins." Aber es ist schön, sagt er, dass man nun attestiert bekommt, was man immer war. Er versteht es als Zuwendung.
Zumal es für ihn und für seine Familie andere Zeiten gab in der Stadt. Die Großeltern väterlicherseits waren getaufte Juden, und "der Verbrecher" und seine Vasallen ließen die Familie schikanieren und die Großmutter und den Onkel umbringen.
Schenks Vater, katholisch, war mit einer Arierin verheiratet und entkam diesem Schicksal. "Wir haben zu Hause 'begeisterte Äußerungen' geübt", sagt Schenk, "wir haben unsere Haut gerettet mit schweijkscher List." Die Lust, Rollen zu spielen, hatte er früh, und er machte sie zum Beruf.
Zum Vorsprechen am Max-Reinhardt-Seminar hatte er den Zettel gewählt, und da er einmal in Fahrt war, führte er alle anderen Tierrollen aus dem "Sommernachtstraum" gleich mit auf. Die Prüfungskommission war entzückt. Er spielte erste Rollen im Theater in der Josefstadt und im Volkstheater und führte bald Regie. Seine erste Operninszenierung, bereits 1957, war Mozarts "Zauberflöte".
"Zu früh, der Nachruhm"
Seither wandert Schenk zwischen den Welten, den Schauspielbühnen und den Opernhäusern der Welt, und zwischendurch macht er Abstecher in die Vortragskunst und ins Kabarett. Seine Sketch-Abende mit Helmut Lohner sind mittlerweile Kultveranstaltungen.
Mit seinem Status als lebender Wien-Legende geht er amüsiert um. Kürzlich sprach ihn eine Dame auf dem Semmering an mit den Worten: "Sie erinnern mich an wen, und zwar an den großen Otto Schenk, einen wunderbaren Schauspieler, wie aus dem Gesicht geschnitten." Dann seufzte sie: "Auch schon tot."
"Da dachte ich bei mir", lacht Schenk, "dass mein Nachruhm doch ein wenig zu früh einsetzt."
Dass ihn Pohl feiert mit einem Stück, das eine Rufzertrümmerung und eine zerbrochene Künstlerbiografie zum Thema hat, findet Schenk aufregend. "Das liegt in mir, auch ich kenne den Wunsch sehr gut, alles hinzuschmeißen." Aber vorerst wird er weitermachen. Was bleibt ihm auch übrig? Die Premierenvorstellung am Donnerstag, dem 10. Juni, war so schnell ausverkauft, dass man den Wienern zwei weitere hinterherschicken musste.
Allerdings hält ihn nicht nur Wien in Atem. Im September wird er die Wiederaufnahme für seine "Pik Dame"-Inszenierung in die Hand nehmen, mit der Netrebko an der New Yorker Met. "Der Schenk ist ein Bühnentier", sagt Pohl, "der kommt gar nicht aus ohne Kunst."
Ähnliches mag gelten für ihn selber, den Mann mit dem Borsalino, der mit seiner Frau und den beiden Töchtern in New York lebt und an der Wiener Burg spielt, der Stücke schreibt, mit seiner Tochter Lucy einen in Japan sehr gut verkauften Comic über Rothenburg erdacht hat und derzeit einen Episodenfilm dreht, dessen erster Teil in Cannes vorgestellt wurde.
Daneben ist er in den Schlusskapiteln eines großen 800-Seiten-Romans über die Familie seiner Frau, Sanda Weigel, der Sängerin und Enkelin von Helene Weigel. Eine Liebesgeschichte und ein Politkrimi. Sanda war mit Thomas Brasch befreundet, und der wiederum war Sohn des stellvertretenden DDR-Kulturministers.
"Ich schreibe jeden Tag", sagt Pohl im "Cafe Sperl". "Gestern zum Beispiel hat mir Volker Spengler von seinem Gastspiel in Bogotá erzählt, das musste einfach aufgehoben werden."
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