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14.06.2010
 

Tschutti-Sammelbilder

Punkrevolte gegen Panini

Von Roger Stilz

Tschutti-Bildchen: Rooney mit dem Ohr von Spock
Fotos
Tschutti Heftli / Konrad Beck

Sammeln, kleben, zahlen - pünktlich zur WM verfallen wieder Tausende dem Panini-Prinzip. Eine Gegenbewegung hat sich in der Schweiz formiert: Die Tschutti-Alben setzen auf Kunst statt Kommerz. Dafür sehen die Spieler dann auch entsprechend exotisch aus.

Eine Übersetzungshilfe vorab: Das schweizerdeutsche Verb tschutten bedeutet schlicht kicken. Tschuttibildli sind also Kickerbilder. Und das Tschuttiheftli ist demnach ein Fußballalbum.

Wer jetzt an die allseits bekannten Panini-Bilder denkt, der irrt. Das WM-Tschuttiheft für Sammler orientiert sich zwar vom Klebeprinzip her an der Panini-Geschichte. Form und Zweck des Sonderhefts stehen aber eher im Gegensatz zum Panini-Kommerz.

Mit Erfolg: "Höhepunkt der Sammelwut ist bis jetzt das Erlebnis meines Sohnes, dem auf dem Pausenhof für ein Tschuttiheft-Bild fünf Paninis angeboten wurden", sagt Bruno Felice. Der 45-Jährige, wohnhaft im schweizerischen Luzern, ist freischaffender Illustrator. Er hat für die kreative Tschuttiheftli-Gruppe aus der Innerschweiz, die dreimal pro Jahr ein alternatives Fußballmagazin konzipiert und stets Kultur und Fußball zu verbinden versucht, für das Sonderheft zur Weltmeisterschaft 2010 die Mannschaft Uruguays gestaltet.

Er ist der Meinung, dass die Klebebilder einen Punk-Effekt haben: "Die emotionale Komponente spielt eine große Rolle. Das Kaufen der Bilder ist Ausdruck einer Grundhaltung. Es ist eine Gegenreaktion auf die Panini-Welle und hat etwas Rebellisches."

Das Tschutti-Prinzip: Jeder WM-Mannschaft wurde ein Künstler oder Illustrator zugeteilt. Dieser sollte Wappen, Trainer und elf Spieler nach eigenem Gusto gestalten. Hinzu kamen 18 WM-Legenden. Insgesamt zählt ein volles Heft mit den 32 Teams, die an der Fußball-WM in Südafrika teilnehmen, 445 Bilder.

Die erste Auflage mit 1,4 Millionen Einzelbildern ist im Alpenland schon ausverkauft. Auch in Deutschland, wo die Kicker-Sticker über den Malente Fußballshop bestellt werden können, gibt es viele Fans.

Der gute Zweck klebt immer mit: In einer Tüte sind 20 Bilder. Pro verkaufte Tüte fließen zehn Cent an das Trinkwasser-Hilfsprojekt Viva con Agua. Insassen der Haftanstalt Grosshof (Luzern) sind für den Versand der Internetbestellungen verantwortlich.

Teddybär mit dem Haarschnitt eines Mittzwanzigers

Den Künstlern macht die Arbeit sichtlich Spaß - auch wenn das Endprodukt für eingefleischte Panini-Anhänger gewöhnungsbedürftig ist. "Ich habe den deutschen Kader gerne gezeichnet, weil da Charakterköpfe dabei sind. Joachim Löw fand ich toll: Zum einen ist er Teddybär, zum anderen hat er einen Haarschnitt wie ein Mittzwanziger", sagt der Schweizer Illustrator Konrad Beck, 30.

Die Künstler arbeiteten unentgeltlich, ihnen wurden große gestalterische Freiheiten eingeräumt. Dadurch ist ein vielschichtiges Porträt der Stars entstanden: Özil mit Knautschgesicht, Lahm als Grundschüler, ein clownesker Podolski und der italienische Torwart Buffon als Comic-Figur, porträtiert von der bekannten Zeichnerin Kati Rickenbach. Alles nicht so ernst. Alles nur ein Spiel.

Die Slowaken wurden auf Eier gemalt. Mexiko-Porträts wurden in Anlehnung an das mittelamerikanische Kunsthandwerk gestickt. Bei den Nordkoreanern finden mit Zensurbalken und Atomzeichen auch politische Statements den Weg ins Album.

Gegen Panini freilich ist das Tschutti-Ensemble ein Fußballzwerg. Bei Sammelbildern sind die Italiener Seriensieger. Zur Weltmeisterschaft 1970 wurde der erste Band auf den Markt gebracht. In Deutschland wurde 1974 das erste Mal gesammelt. "Das erfolgreichste Album ist das der WM 2006. Der Umsatz betrug 100 Millionen Euro alleine in Deutschland", sagt Jens Presche, Pressesprecher von Panini Deutschland.

Bei Tschuttibildli geht es weniger um Kommerz, sondern um Kreativität. "Die Koordinatoren hätten die Aufmachung der Mannschaften gezielt steuern können, weil sie ja wissen, welcher Künstler wie arbeitet. Aber auch das haben sie nicht getan. Jeder konnte Wunschteams angeben", sagt Beck.

Xenia Fink hat sich bemüht, die brasilianischen Profis so zu zeichnen, dass man sie gut erkennen kann. Sie wollte keine Geschichten hinter den Gesichtern spinnen. Beck seinerseits gibt zu, dass seine deutschen Kicker aufgrund der Lederhosen allesamt ein bisschen wie Bayern aussehen, findet das aber nicht so schlimm.

Unwahrscheinlich, dass die deutschen Sammler das angesichts der Debatten um den Bayern-Block in der Nationalelf ähnlich unwichtig finden. Aber formale Freiheit für den Künstler ist bei Tschutti eben entscheidend.

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