Von Barbara Gärtner
Es ist wie Reinkiebitzen, heimlich, in die Wohnung gegenüber. Man sieht: Bücherregalwände, allerhand Kritzelzeichnungen, frische Schnittblumen auf dem Tisch - wer da wohl wohnt? Wer kauft die Blumen? Bei Todd Selby muss man sich als Reinschauer nicht verrenken, und peinlich ist es auch nicht. Der Fotograf erspart den Betrachtern das schlechte Gewissen des Voyeurs, denn die Wohnungstüren, hinter die man auf seinen Bildern blickt, wurden von den Besitzern freudig aufgerissen; seit zwei Jahren dokumentiert er auf seinem Interior-Design-Blog TheSelby.com und nun auch im Buch "The Selby is in your place" die materielle Umgebung von Menschen, bei denen man immer schon mal gerne geklingelt hätte: Schriftsteller, Magazinmacher, Designer, Künstler, Karl Lagerfeld. "Horst of the hip set" hat ihn die "New York Times" dafür genannt, eine Referenz an den legendären Modefotografen Horst P. Horst.
Beneidenswert glücklich wirken die Bewohner auf Todd Selbys Bildern. Paare fotografiert er am liebsten küssend, gerne sogar in der Badewanne. Dazu immer wieder Nahaufnahmen: Soso, der Interior-Designer Jacques Grange besitzt also ein Döschen Schlaftabletten, die einst Marilyn Monroe gehörten, der Künstler Terence Koh eine Sammlung von Sesamstraßen-Figuren. Manche sortieren ihre Bücher nach Einbandfarbe, andere ordnen die Schuhe farblich an. Auch wenn Selby, 33, betont, für seine Foto-Sessions im fremden Heim jeweils nicht mehr als zwei Stunden zu brauchen ("Mir wird eben schnell langweilig") - fein arrangiert und komponiert ist natürlich auch diese Normalo-Bohème.
Und natürlich geht es auch bei The Selby um Schauwerte: meine Platten, meine Skateboards, meine vielen, feinen, wunderschönen Pumps. Anders aber als in den meisten Interior-Strecken der Hochglanzmagazine, in denen Möbelstücke wie Kunst kuratiert und platziert wirken, sehen die Wohnungen, die Selby ablichtet, aus, als wären sie gewachsen, als würde tatsächlich jemand in ihnen leben.
Krimskrams steht eng an eng auf Kommoden herum, aus Platzmangel hängen Bücherregale schon mal über dem Herd; beim französischen Schriftsteller Frédéric Beigbeder wartet eine Schale mit Erdnüsschen neben der Fernbedienung, bei Ex-Supermodel Helena Christensen ein niedlicher Welpe im Bett - gewöhnlich ist die Einrichtung trotzdem nicht. Denn sollte irgendwo eine Louis-Vuitton-Tasche herumliegen, dann bitteschön nur die, die der Großvater des heutigen Besitzers an einem sonnigen Tag im Jahr 1950 in Paris gekauft hat.
Schrammen der Vergangenheit
Während sich Magazin-Bildtexte oft wie Kaufanleitungen lesen, heißt es beim sparsam beschriftenden Selby, der seine Fotos nur mit einem absurden Fragebogen und Wasserfarbenzeichnungen garniert, bestenfalls "Flohmarkt", oder auch: "auf der Straße gefunden". Wirklich gerne würde man einmal die Straßen entlang flanieren, auf denen Model Erin Wasson offenbar ihre aparten skandinavischen Teakholz-Couchtische findet.
Second Hand hieß das früher und roch mottenkugelmiefig, heute nennt man das Abgewetzte und Versehrte lieber "Vintage" und zeichnet die Preise noch ein wenig teurer aus. Denn wenn alles als nagelneue Re-Edition käuflich ist, wird das echt Versehrte und Abgewetzte wieder zum Besonderen. All die Möbel mit den Macken, Kratzern und Schrammen der Vergangenheit, begehrt waren sie schon vor der Wirtschaftskrise, die so manche kauffreudige Fashionista zwang, zur konsumvermeidenden, Altanschaffungen auftragenden Recessionista umzuschulen. Vielmehr ist die Vintage-Suche wohl eher eine Reaktion auf einen anderen Überbietungswettbewerb: jene spektakulären Höchstpreise bei Designauktionen. Längst werden Möbel-Kleinst-Editionen in Galerien wie Kunstwerke verkauft.
Zum Klassiker-Kauf muss man heute auch nicht mehr allzu früh zum Flohmarkt hetzen, das Internet ermöglicht einen weltweiten Recherche-Radius, mittlerweile findet man genauso viele Einrichtungsblogs wie Mode-Websites. Dort werden dann die neusten Renovierungsarbeiten ebenso dokumentiert wie Anleitungen zum Aufpimpen von alten Polstermöbeln oder Einkochen von Marmelade. Wer es nicht selbst hinkriegt, kann alles bequem beim Internet-Flohmarkt Etsy.com bestellen. In Deutschland versucht sich die Seite Freunde von Freunden am Selby-Ansatz: Man schaut sympathischen, im erweiterten Kreativbereich arbeitenden Berlinern einen Augenblick lang beim Leben zu.
"Ich mag den Hoff"
"Ich bin schon ein Voyeur", sagt Selby. "Aber Neugier ist doch ein Teil der menschlichen Natur." Als einen soziologischen Entdecker haben Medien ihn schon tituliert. Er selbst hängt sein Projekt lieber ein wenig tiefer: "Das ist ja ganz interessant, aber ich mache das nur aus meinem eigenen künstlerischen Interesse." Und doch lassen sich seine Fotos der Hipster-Behausungen aus New York, Los Angeles oder Paris tatsächlich wie Dokumente einer Geschmacksveränderung lesen - weg vom minimalistischen Einzelstück, hin zum eklektizistischen Charme des Zusammengewürfelten.
Seinen Blog gegen die Mainstream-Magazine auszuspielen, das lässt sich dennoch mit Todd Selby nicht machen. In seiner Biografie finden sich zwar recht ausgedacht klingende Karrierestationen wie Tourguide in Tijuana, Blumenverkäufer, Kartograf in Costa Rica oder Forscher in kalifornischer Erdbeerindustrie, als Interior-Fotograf arbeitet er aber schon lange für Magazine und Zeitschriften. Möglich, dass die ihn nun ein wenig eifriger buchen, damit ein wenig Hipster-Coolness auf sie abstrahlt.
30 Wohnporträts versammelt Todd Selby in seinem Buch, das wie ein Poesiealbum aussieht, darunter der High-Heel-Guru Christian Louboutin und der Macher der Stil-Fibel "Purple", Olivier Zahm. Fragt man Selby aber, wer auf seinem Foto-Wunschzettel steht, dann nennt er ausgerechnet David Hasselhoff. "Ich mag den Hoff", erklärt er. "Sein Charisma ist eine Naturgewalt."
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Ja, das bringt es auf den Punkt. Wie eigentlich alles an der Hipsterkultur. mehr...
Ich habe sein Buch einmal durchgeblättert und auch schon des öfteren auf seinem Blog gelesen. Für jemanden, der nur entfernt etwas mit kreativem Arbeiten zu tun hat, an interessanten Geschichten und/oder Bildern interessiert ist [...] mehr...
Ich habe für dieses Projekt und diese Bilder ein schönes, passendes, deutsches Wort: K r a m p f mehr...
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