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20.06.2010
 

Neues Festival in Hannover

Hubschrauber stürzt ab, Publikum applaudiert

Aus Hannover berichtet Ole Reißmann

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Foto: SPIEGEL ONLINE

Allerorten wird die Kultur zu Klump gespart: Ausgerechnet Hannover setzt dem drohenden Mittelmaß symbolisch etwas entgegen. In den Herrenhäuser Gärten prallen Barock und Moderne bei einem neuen Festival aufeinander. Mit dabei: der in Helikopter und Explosionen vernarrte Künstler Roman Signer.

Der Himmel über Hannover ist grau, und jetzt fängt es auch noch zu regnen an. Der Stargast blickt nervös auf Bäume, die vom Wind geschüttelt werden. Die Regentropfen auf seiner großen Brille sind ihm egal. Nur darf es keinen Sturm geben, wegen der Hubschrauber. Die könnten sonst im Großen Garten in Herrenhausen Schaden anrichten.

"Das wäre ein Skandal, wenn ich mit einem Hubschrauber eine barocke Figur zertrümmern würde", sagt Roman Signer. Der Schweizer Aktionskünstler soll am Freitagnachmittag mit vier kurzen Aufführungen Unruhe in den ehrwürdigen Park bringen. Dazu hat er Fluggeräte dabei - zu denen auch ein Stuhl, ein Tisch und ein Kajak gehören. Den Sprengstoff, den er oft für seine Momentskulpturen einsetzt, hat er aber zu Hause gelassen. Zerstörung ist eigentlich nicht vorgesehen.

Denn schließlich soll hier aufgebaut werden: Hannover will im harten Standortwettbewerb der Städte mit Kunst eine "hochattraktive Umgebung" schaffen, so hat es der Oberbürgermeister Stephan Weil zur Eröffnung der ersten Kunstfestspiele Herrenhausen gesagt. Das klingt nach Stadtmarketing und Massenevent, fällt im Ergebnis aber weit weniger plump aus, als befürchtet.


Stattdessen hat die Stadt Elisabeth Schweeger engagiert, die schon das Frankfurter Theaterpublikum gefordert hat. Die Intendantin hat 23 anspruchsvolle Veranstaltungen nach Hannover geholt. Klassisches wechselt sich mit zeitgenössischer Kunst ab, eine Monteverdi-Oper mit Songs der Rockband Nirvana wird aufgeführt, Musiktheater von Heiner Goebbels, Christoph Schlingensief zeigt in einer Installation sein afrikanisches Operndorf "Remdoogo".

Moderne Kunst feiert barocken Garten

Das Dorf wird an diesem Tag kritisch begutachtet, eine festlich gekleidete Gesellschaft stapft über die Kieswege. Die weißhaarigen, mit dunkelblauen Sakkos und hellen Hosen, mit Schmuck und Kleidern ausgestatteten Damen und Herren gehören zu einer Gruppe von Museumsfreunden. Vorneweg die Intendantin, ganz in Schwarz, die Lippen rot angemalt, die gerade ihre Idee vom Zusammenprall zwischen jung und alt erklärt.

Sie hat mit Unterstützung der Kulturdezernentin die bisherigen "Festwochen", mehrere Barock- und Klassikveranstaltungen, umgebaut zu einem interdisziplinären, internationalem Festival. Nicht ohne Anfangswehen: Im vergangenen Jahr, als Schweeger schon beratend tätig war, floss in einem Film Tierblut. Sogleich sorgten sich Lokalpolitiker um das kulturelle Ansehen der Landeshauptstadt, eine typische Provinzposse. Schweeger lacht: "Das gehört dazu, sobald es irgendwo etwas Neues gibt."

Dieses Jahr soll das "Spielen" künstlerisch ergründet werden. "Für eine Gesellschaft ist Spielen eine Notwendigkeit", sagt Schweeger. Dabei könne man Grenzen austesten und übertreten, Regeln aufstellen und abändern. "Der Barockgarten ist der perfekte Ort dafür", sagt sie. Schließlich habe hier schon der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz vor mehr als 300 Jahren Erholung und Inspiration gesucht. Nur ist der Park an diesem Tag wie ausgestorben. Die Wasserfontänen der Springbrunnen werden von Windböen zerstäubt, die Wachmänner am Eingang des riesigen Areals haben kaum eine Karte abzureißen.

Nicht nur das Spielen müsse sich eine Gesellschaft leisten, sondern auch die Kunst, sagt Schweeger. "Sonst wird dem Mittelmaß Vorschub geleistet." Mit Grauen registriert sie Theaterschließungen wie in Würzburg oder Sparorgien wie derzeit in Hamburg, wo die Museumschefs indirekt eine Abwrackprämie auf Personalstellen erhalten.

Motorisierte Tischplatte, rotierendes Kajak

Ausgerechnet Hannover, das regelmäßig als Inbegriff des deutschen Mittelmaßes schlechthin herhalten muss, antwortet also auf den Sparwahn mit einem kleinen, ambitioniertem Festival. Maßgeblich zum schmalen Budget tragen freilich eine Reihe von Sponsoren bei, darunter Versicherungen und Banken, die sich auf mehrere Jahre für die Kunstfestspiele verpflichtet haben. Schweeger spricht von sozialer Verantwortung.

Roman Signer gibt seinen Piloten letzte Anweisungen, der Wind bereitet Probleme. Für seine Vorführung vor Zuschauern, leichte Variationen bisheriger Arbeiten, hat er umfangreiche Tests durchgeführt, erst in der Schweiz, dann in Hannover. Seine Kunstwerke entstehen meist erst in unzähligen Experimenten.

"Ich habe Freude, etwas zu wagen", sagt er. Er zündete kleine Sprengkapseln in mit Wasser gefüllten Gummistiefeln, so dass Wasserfontänen aufspritzten. Mit einem farbtriefenden Pinsel setzte er sich vor eine weiße Leinwand und ließ hinter sich eine Bombe hochgehen, vor Schreck malte er einen Klecks. Meistens ist kein Publikum dabei, ausgestellt werden später Fotos und Filmaufnahmen.

Zumindest der Regen hat aufgehört. Im Gartentheater warten rund hundert Zuschauer auf die angekündigte Performance. Die üblichen Kulturkunden, Lehrer sind darunter, Kunstschaffende, man ist unter sich. Auf der Bühne, neben goldenen Statuen, hängt ein weißer Plastikstuhl zwischen zwei Pfählen. Signer und sein Techniker werfen einen kleinen Rotor an, der auf der Sitzfläche befestigt ist, und der Stuhl schaukelt - Applaus.

Seriöser Hubschrauber-Absturz

Signer bereitet die nächste Skulptur vor, es gibt keine Ansagen, keine Show. Doch der Wind stört die folgenden Versuche, eine motorisierte Tischplatte fliegt ihm ins Gesicht, ein Modellhubschrauber steigt auf und stürzt plötzlich ab (mehr dazu im Video). Höhepunkt der Aufführung: Ein echter Helikopter wummert über den Köpfen der Zuschauer, ein Kajak mit Flügeln aus Paddeln hängt an einem Seil darunter und dreht sich.

Nach einer Viertelstunde ist alles vorbei, noch einmal wird geklatscht. Signer steht am Rand und lächelt kurz in Richtung Publikum. Er ist zufrieden, die Pannen gehören dazu: "Das ist eben nie ganz sicher. Das fasziniert mich offenbar", sagt er. "Nachher ist man ja immer gescheiter, was hätte sein sollen, oder?" Signer spielt in seinen Arbeiten damit, das Unvorhergesehenes passiert.

Das ist gelungen: Viele im Publikum sind unsicher, was nun geplant war - und wo der Wind Regie geführt hat. Der Berufsschullehrer Michael Thomson ist mit zwei Bekannten gekommen. Er kannte Signer bisher nicht und berät sich anschließend mit den Signer-Fans. "Der Modellhubschrauber ist doch ganz seriös abgestürzt", sagt Thomson dann. Also alles bestens gelaufen.


Kunstfestspiele Herrenhausen, 4. bis 27. Juni, Herrenhäuser Gärten, Hannover. Tickets und Programm unter kunstfestpiele.hannover.de

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