2006 rief mich das Petersburger Akademiemitglied Nikita Jawejn an und sagte, Sankt Petersburg müsse dringend vor dem Projekt eines 400 Meter hohen Wolkenkratzers namens Ochta-Center gerettet werden. Ich liebe Sankt Petersburg sehr und habe es bestimmt zehn Mal mit Publikationen, auch Rundfunk- und Fernsehauftritten zu retten versucht. 2009 wurde ich vom Bauherrn Gazprom extra zu einer Journalistenreise eingeladen, um das Projekt kennenzulernen. Ich sagte aufrichtig, dass ich das Projekt bereits kenne und wenig erfreut darüber sei. Doch die PR-Abteilung des Ochta-Centers ließ sich davon nicht beirren.
Erst wurde ich in einem hervorragenden Hotel untergebracht, bekam lange, oft und gut zu essen, wurde mit einem Schiff auf der Newa herumgefahren und dann zu einem Termin mit Filipp Nikandrow gebracht, Mitarbeiter der Firma RMJM und Chefarchitekt des Projekts für den Wolkenkratzer, damit er mir alles erläutern konnte. Die Quintessenz seiner Aussagen bestand darin, dass ein großer Gegenstand, wenn er weit weg ist, klein aussieht. Er zeigte mir Bildchen, auf denen zuerst der Gazprom-Turm neben der Spitze der Peter-und-Paul-Festung sehr klein aussah, wenn man neben der Peter-und-Paul-Festung steht. Danach wirkte er sehr klein im Vergleich mit der Isaaks-Kathedrale, wenn man neben der Isaaks-Kathedrale steht, und schließlich sogar sehr klein neben dem Antlitz der Sphinx an der Akademie der Künste, wenn man neben der Sphinx steht.
Filipp Nikandrow legte also die Gesetze der Perspektive nicht als Methoden des Zeichnens aus, sondern als Gesetze des menschlichen Sehens. Und während er redete, versuchte ich die ganze Zeit, mir darüber klar zu werden, ob er die Bewohner von Sankt Petersburg tatsächlich für einäugige Trottel hielt, oder ob er sich einfach dumm stellte. Letztlich denke ich aber, dass der Mann völlig aufrichtig war. Er glaubt tatsächlich, Menschen davon zu überzeugen, dass es gelingt, einen 400 Meter hohen Turm gänzlich unauffällig im Stadtpanorama unterzubringen.
Anti-Selbstmordtäter-Eisbahn
Warum ich das glaube? Nun, er bezweifelt ja auch andere elementare Fähigkeiten seiner Gesprächspartner. So hat er mir zum Beispiel lang und breit erklärt, dass die Notwendigkeit, einen solchen Wolkenkratzer zu bauen, den Sicherheitsinteressen der Firma Gazprom geschuldet sei. In Moskau, im dortigen Büro in der Namjotkin-Straße seien es bis zur nächstgelegenen Straße hundert Meter, da werde ein großer Umkreis bewacht, es gebe ein mit Schusswaffen kontrolliertes Gelände und einen Wassergraben, keine Maus könne da hindurch. Ich nahm alles staunend zur Kenntnis.
Im weiteren Verlauf gab er mir zu verstehen, was für ein Gewinn ihr Turm für Sankt Petersburg sei, in seinem Inneren werde es ein archäologisches Museum geben, eine Eisbahn, einen öffentlichen Bereich und oben eine Aussichtsplattform, und alle Petersburger könnten all das nutzen und sich daran erfreuen. Ich fragte ihn, wie es denn um die Sicherheit stehe, wenn dort jeder einfach ein und aus gehen kann. Er antwortete, dass er keine geheimen Sicherheitsmaßnahmen preisgeben könne. Hauptsache, es käme kein Lkw mit Sprengstoff durch, Selbstmordattentäter würden mit anderen Methoden abgefangen. Waren Sie schon mal auf einer Eisbahn mit einem Abfangmodus für Selbstmordattentäter?
Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück, wurde mir im Büro von Gazprom an der Anglijskaja-Uferstraße der Film "Die Dominante" vorgeführt. "Jeder Bewohner von Sankt Petersburg wird Ihnen sagen, dass hier nicht höher gebaut werden durfte als bis zum Sims des Winterpalais - 21 Meter", verkündete eine Stimme aus dem Off. "Aber die Spitze der Peter-und-Paul-Festung ist 121 Meter hoch, die Kuppelhöhe der Isaaks-Kathedrale 102 Meter. Wie konnten sie entstehen?"
Diesen Film zeigt Gazprom bei Treffen mit Arbeitern in Betrieben. Nikandrow erklärte dazu, dass die geltende Bauordnung, nach der es streng verboten ist, im Zentrum höher als 40 Meter und in den Randbezirken höher als 80 Meter zu bauen, für die Kategorie ordinärer Stadthäuser geschaffen wurde, und dass es immer Bauwerke gab, die dieser Ordnung zuwiderliefen. Dominanten eben, und eine solche würde auch der "Gazpromkratzer" werden.
Unförmigkeit am Flussufer
Nun ist in dem Gesetz aber von irgendwelchen Kategorien keine Rede. Es verbietet einfach, höher als 80 Meter zu bauen - Schluss, aus. Was Herrn Nikandrow nicht weiter zu stören scheint, denn folgt man seinen Argumenten, hat es in der Stadt früher wesentlich mehr Dominanten gegeben; zahlreiche Kirchen mit Glockentürmen wurden von den Bolschewiki vernichtet. Wenn man das Gesetz der Perspektive nun auf seine Weise nutzt und in einiger Entfernung vom Zentrum viele neue Dominanten baut, könne die Silhouette der Stadt doch nur gewinnen. Insgesamt schweben ihm bis zu 60 Wolkenkratzer vor.
Damit kommen sie nicht durch, dachte ich bei mir und ging hinunter zur Admiralität, um das berühmte Uferpanorama auf gewohnte Weise zu genießen. Und siehe da, der Anblick war noch immer nicht übel. Allerdings - hinter den Palästen im Vordergrund tat sich was. Rechts hinter der Nadel der Peter-und-Paul-Festung ragte etwas in die Höhe, versperrte die Perspektive des Petrowskaja-Ufers, etwas Schmutzig-Gläsernes mit der Parodie einer Spitze, und daneben ein zweiter Glasberg.
Ich erfuhr, das sei der Komplex "Montblanc", gebaut vom ältesten und überaus verdienten Petersburger Architekten Timofej Sadowski. Links ragte etwas Ähnliches empor, das noch unförmiger war und die Ansicht des Leutnant-Schmidt-Ufers störte. Überall auf der Wassiljewski-Insel, hinter den imposanten Fronten von Kunstkammer, Akademie der Wissenschaften und Kunstakademie, wuchsen Baukräne gen Himmel.
Die Eckpunkte waren also schon abgesteckt, nach und nach wird sich im Hintergrund des berühmten Panoramas ein gläserner Gürtel auftürmen. So ist das leider mit der modernen Architektur: Gibt es viel davon, verwandelt sie sich in einen Wust amorpher Gebilde, die in der Türkei wie in London aussehen. Oder wie von Hongkong bis Shanghai.
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ich kenne diese Seiten. nun: zum einen muß man die Dinge rnicht mögen, und ich bin der Ansicht, daß die "Riesen-Salatgurke" sich mit dem Rest der Stadt keineswegs verträgt und den klassizistischen Charakter des [...] mehr...
Die gleichen Argumente hat man vor 120 Jahren beim Bau des Eiffelturms hervorgebracht. mehr...
Ich finde den Ausdruck "Barbaren" unangemessen, aber wenn es um Rußland geht, scheuen Spiegel-Schreiberlinge nicht dieses Wort. Wir haben bei uns auch genug Barbaren die fettes Geld auf Kosten der Sklaven/Zeitarbeiter [...] mehr...
..."kalte Krieg" ist eben noch lange nicht vorbei. mehr...
Keiner will den Russen was vorschreiben. Aber es gibt wie in jedem Land und in jeder Stadt Bauvorschriften, die im Bezug auf das Stadtbild manchmal sehr sinnvoll sind. Hier wird offensichtlich, dass bestehende Bauvorschriften [...] mehr...
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