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08.07.2010
 

Kommunarde Fritz Teufel

Nach dem Clown kamen die Knarren

Von Wolfgang Kraushaar

Foto: DPA

Ohne die Härte, mit der die Justiz den Kommunarden Fritz Teufel verfolgte, wäre seine Entwicklung womöglich anders verlaufen. So aber radikalisierte sich einer der bekanntesten 68er - und mit ihm eine ganze Generation. Nachruf auf einen Mann, der völlig zu Unrecht als bloßer Polit-Clown gilt.

Fritz Teufel lässt sich nicht auf irgendeine Figur reduzieren - weder auf die des "Bürgerschrecks" noch auf die des "Politclowns". Er ist auch kein "Humorist der 68er" gewesen, wie die "taz" ihn in einem ersten Nachruf zu charakterisieren versuchte.

Seitdem Teufel im Frühjahr 1967 mit einem Schlag als Kommunarde bekannt, ja prominent geworden war, zählte er zu den am häufigsten fotografierten und zitierten Figuren der 68er-Bewegung. Mit Nickelbrille und Vollbart, fast immer ein wenig in sich hinein lächelnd, wirkte er wie ein sanfter, etwas verträumter Anarchist. Legendär sind nicht ohne Grund seine damaligen Auftritte vor Gericht geworden. Der ironische Satz "Wenn's der Wahrheitsfindung dient", mit der er sich der Aufforderung des Richters, sich von seinem Platz zu erheben, schließlich doch noch beugte, ist zum Bonmot einer ganzen Generation geworden. Dieses geflügelte Wort verrät noch immer etwas von der Haltung, mit der ein Angeklagter vor den Schranken eines Gerichts auftreten konnte, ohne zugleich sein Gesicht verlieren zu müssen. Teufel war zweifelsohne ein Antiautoritärer der ersten Stunde, einer, der die junge Bundesrepublik, der man wegen der NS-Vergangenheit eines großen Teils ihrer Machtelite voller Misstrauen begegnete, dazu zwingen wollte, Farbe zu bekennen.

Das berühmte Bonmot vermittelt jedoch nichts von der Tragik jenes Prozesses vor dem Moabiter Landgericht, in dem er wegen eines angeblichen Steinwurfes angeklagt war. Teufel war während der Proteste gegen den Schah-Besuch am 2. Juni 1967 festgenommen und deshalb nicht weniger als ein halbes Jahr lang in Untersuchungshaft behalten worden. Im Gegensatz dazu musste jener Polizist, der den 26-jährigen Germanistikstudenten Benno Ohnesorg mit einem aus nächster Nähe abgegebenen Schuss in den Hinterkopf umgebracht hat, keine einzige Minute einsitzen. Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras wurde im November 1967 freigesprochen, Teufel im Dezember 1967. Hinter dieser Parallele verbirgt sich ein folgenreicher Justizskandal.

Fatale Weichenstellung

Folgenreich nicht nur deshalb, weil die 14. Große Strafkammer des Landgerichts Moabit im Fall Kurras "keine Anhaltspunkte für eine vorsätzliche Tötung oder eine beabsichtigte Körperverletzung durch einen gezielten Schuss" hatte feststellen können. Mit diesem Urteil wurde heftiges Misstrauen gegen die Justiz geschürt, das durch die im letzten Jahr bekanntgewordenen Dokumente zur Stasi-Tätigkeit des Todesschützen nachträglich auf eine ungeahnte Weise bekräftigt worden ist. Folgenreich vor allem aber, weil die als himmelschreiende Ungerechtigkeit erlebte Diskrepanz, mit der ein schießwütiger Polizist und ein Demonstrant behandelt wurden, unter den Aktivisten der 68er-Bewegung zu einem regelrechten Hassgefühl gegenüber der Justiz führte. Danach wurde man in der Westberliner Szene nicht müde, eine Kampagne gegen Richter und Staatsanwälte zu propagieren - und schreckte bald auch nicht vor Brandanschlägen zurück.


Ohne Übertreibung lässt sich deshalb sagen, dass jener Tag, der für Ohnesorg den Tod bedeutete und in einem zynischen, aber durchaus wörtlich zu nehmenden Sinne zum "Startschuss" einer Protestbewegung wurde, der 2. Juni 1967, für Teufel ein Schicksalstag gewesen ist. Denn ohne die Härte, mit der man damals seitens der Polizei ebenso wie der Justiz meinte, gegen ihn vorgehen zu müssen, wäre seine Entwicklung und die einiger anderer in seinem Umfeld möglicherweise anders verlaufen. Dieser Tag war eine fatale Weichenstellung.

Formal betrachtet war Teufel Mitglied einer Gruppe und zweier Organisationen - der Kommune I, der Tupamaros München und der Bewegung 2. Juni. In seiner politischen Biographie wurde der Bogen von der Avantgarde einer Subkultur zu einem Vorreiter des bewaffneten Kampfes geschlagen. Begonnen hatte er als ein Aktionist des Als-Ob. Beinahe alles, was er zusammen mit seinen Gefährten an öffentlichen Aktionen unternahm, besaß einen doppelten Boden. Das "Pudding-Attentat", bei dem die Kommunarden bezichtigt worden waren, auf den US-amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey einen Bombenanschlag verüben zu wollen, war das erste öffentlichkeitswirksame Beispiel dafür. Der Schein trog in aller Regel. Im Kern ging es darum, falsche Autoritäten zu entlarven - Professoren und Politiker, Richter und Staatsanwälte, eine Institution nach der anderen, letztlich den gesamten Staat.

Emotionen geweckt wie sonst nur Dutschke

Am sinnfälligsten für Teufels Aktionsmethode ist noch immer eine Szene, die sich 1982 in der Talkshow "3 nach 9" abgespielt hat. "Opfer" war der damalige Bundesfinanzminister Hans Matthöfer. Mitten in der Sendung kramte Teufel eine Spielzeugpistole hervor und zielte mit ihr auf den SPD-Politiker. Die Spritzer, die dieser abbekam, verleiteten ihn dazu, sein Rotweinglas zu ergreifen und es voller Empörung in Teufels Richtung zu schütten. Doch während dessen Flecken blieben, verschwanden die des Politikers noch während der Sendung wie von Zauberhand. Kein Wunder, denn in Teufels Kinderpistole hatte sich Zaubertinte befunden. Das war ganz nach dem Geschmack seiner zahllosen Anhänger.

Dieser Auftritt war zugleich ein doppeltes Zitat. Zum einen demonstrierte er einem Millionenpublikum, welcher Schalk ihn zu APO-Zeiten geritten hatte, zum anderen persiflierte er sein damals noch vergleichsweise frisches Image als Terrorist. Doch Teufel war nicht der "Spaßgeriljero", für den ihn viele hielten. Als er 1970 in einem Interview des Politmagazins "Monitor" ultimativ erklärt hatte, dass "der Clown tot" sei und es nur noch eine Sprache gäbe, die die Mächtigen verstehen würden, die der Gewalt, meinte er es durchaus ernst. Nicht länger mehr wollte er eine Art Maskottchen einer Bewegung sein, die im Grunde bereits vorüber war und sich zudem idiotischerweise in Hunderte von Kleingruppen aufgespalten hatte.

Kurz darauf machten die Münchner Tupamaros mit Brandanschlägen auf sich aufmerksam. Teufel wurde bereits im Sommer desselben Jahres verhaftet und später in einem Indizienprozess zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Nachdem er diese abgesessen hatte, tauchte er erneut unter. Bei seiner nächsten Festnahme 1975 war er - wie die damalige Presse zu berichten wusste - bis an die Zähne bewaffnet. Eine Pistole trug er im Hosenbund mit sich und eine abgesägte Schrotflinte befand sich in einer Plastiktüte. Nun wurde er als Mitglied der Bewegung 2. Juni wegen Beteiligung an der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz angeklagt. Doch kurz vor der Urteilsverkündung im Oktober 1980 wartete er mit einer faustdicken Überraschung auf. Für die in Frage kommende Tatzeit konnte er ein wasserdichtes Alibi vorlegen. Er hatte unter falschem Namen in einer Essener Fabrik gearbeitet. Anstatt ihn zu einer - wie vom Staatsanwalt beantragt - 15jährigen Haftstrafe zu verurteilen, wurde er vom Gericht umgehend auf freien Fuß gesetzt. Teufel hatte, um die Justiz vorzuführen, nicht weniger als fünf Jahre im Untersuchungsgefängnis verbracht.

Diese merkwürdig anmutende Form von Selbstlosigkeit war es, mit der er andere so sehr zu beeindrucken vermochte. Kein anderer aus der 68er-Bewegung hat - wenn man einmal von Rudi Dutschke absieht - solche Emotionen geweckt wie Teufel. Das wird - wie ambivalent seine tatsächliche Rolle auch immer gewesen sein mag - gewiss auch jetzt so kurz nach seinem Tod der Fall sein und vermutlich für lange Zeit so bleiben.

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insgesamt 23 Beiträge zum Forum...
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13.07.2010 von dasky: Nackte Kaiser, nackte Popos, Pudding und Idioten

"Tricks" und "Atombomben" heute sind die Denunziation und der Rufmord. In dieser Hinsicht sind wir, auf das exzessive Betreiben und den "Klassenkampf" der so genannten 68er, für die alles, was auch [...] mehr...

12.07.2010 von Tropby: atombombe

Respekt vor dem Gericht sagt etwas aus über die Glaubwürdigkeit des Angeklagten, dient somit der Wahrheitsfindung; die Puddingschosse würden heute in Zeiten des Terrorismus anders wahrgenommen werden. Der damalige Kaiser war [...] mehr...

10.07.2010 von soia: Respekt

Respekt!! für jemanden der seine Überzeugung konsequent vertreten hat.Auf eine gute Art. So etwas gibts heute nich mehr oft. mehr...

10.07.2010 von rabenkrähe: Demütigungslust

..... Sie verkennen die seinerzeitige Protesthaltung und, vor allem, die Rache- und Demütigungslust des saturierten Bürgertums in diesem, unserem Lande. rabenkrähe mehr...

10.07.2010 von hinterwald: es war der moment

in dem das kind (teufel) sagt: "der kaiser ist nackt!" danach war nichts mehr so, wie es vorher war. was heute wie ein cooler spruch klingt, hatte im entsprechenden zeitlichen kontext die kraft einer atombombe. mehr...

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Zum Autor

Wolfgang Kraushaar ist Politologe am Hamburger Institut für Sozialforschung. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Untersuchung von Protest und Widerstand in der Geschichte der Bundesrepublik und der DDR. Zuletzt veröffentlichte er das Buch "Achtundsechzig. Eine Bilanz."







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