Auf den vorderen Seiten berichtet Bernd Pickert über wütende Reaktionen amerikanischer und britischer Politiker auf die geheimen Dokumente zum Afghanistankrieg, die WikiLeaks (hier) in Partnerschaft mit der "New York Times" (hier), dem "Guardian" (hier) und dem SPIEGEL (hier) veröffentlicht hat. In einem zweiten Artikel beschreiben Tarik Ahmia und Wolf Schmidt die Zusammenarbeit zwischen neuen und alten Medien: "Ein 'Musterbeispiel' einer Zusammenarbeit mit den Medien sieht der Sprecher von WikiLeaks, Daniel Schmitt. 'Wir haben das Material, aber nicht die Kapazitäten, es auszuwerten.' Auch David Leigh, Chef der Investigativabteilung beim 'Guardian', schwärmt von der Partnerschaft mit WikiLeaks, die auch zeige, dass die alten Medien nicht tot seien. 'Man braucht nach wie vor Journalisten, die das Material bearbeiten und eine fundierte Analyse erstellen', sagte Leigh der taz." Der größte Teil des Artikels ist allerdings den (unbelegten) Vorwürfen gewidmet, die die Konkurrenzseite Cryptome gegen WikiLeaks erhebt.
Im Kulturteil findet Isolde Charim die Selbstversuche, ob man ohne Internet leben kann, ziemlich überflüssig. Drei Raver und ein Journalist drücken ihr Entsetzen über die Katastrophe in Duisburg aus. Sonja Vogel berichtet über eine Tagung im Berliner "Gender Kompetenz Zentrum" über "Politikberatung als Intervention?"
Besprochen werden Hans Neuenfels' Inszenierung des "Lohengrin" in Bayreuth und die Kunstausstellung im frisch renovierten Chemnitzer König-Albert-Museum.
Schließlich Tom.
Carta hat eine Reihe von Blog-Beiträgen zur Veröffentlichung der "War Logs" zusammengetragen. Zum Beispiel von Jay Rosen, der darauf hinweist, dass es sich bei WikiLeaks um die erste staatenlose Nachrichtenorganisation handle: "WikiLeaks is organized so that if the crackdown comes in one country, the servers can be switched on in another. This is meant to put it beyond the reach of any government or legal system. That’s what so odd about the White House crying, 'They didn’t even contact us!'" In einer Presseschau zum investigativen Journalismus in Deutschland (Hitzepanne im ICE!) sammelt Marvin Oppong auch Zeitungskommentare zu den "War Logs".
Über erstes Murren nach der Veröffentlichung der "War logs" durch WikiLeaks berichtet Hamilton Nolan in Gawker: Diese Dokumente erzählen nichts neues, behaupten Fred Kaplan in Slate, Joshua Foust in der Columbia Journalism Review und Richard Tofel in ProPublica. Spottet Nolan: "These contrarian insta-criticisms are far more valuable for the public than it would have been to examine and report on even a few of the documents themselves, or, dare we say, to try to score a scoop of equal value. Way to show those amateurs how it's done, media professionals!"
(Via Rivva) Thomas Lückerath zitiert auf der Medien-Site DWDL.de einen Leser-Kommentar vom letzten Donnerstag zu einem Artikel im Vorfeld der Love Parade auf derwesten.de: "sehe ich das richtig, dass die versuchen 1 million menschen über die 1-spurige! TUNNELSTRAßE! Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch 2 kleinen trampelpfaden hoch zum veranstaltungsgelände zu führen? also in meinen augen is das ne falle. das kann doch nie und nimmer gut gehen. wer in essen und dortmund dabei war weiß, wie groß das gedränge schon auf recht weitläufigen zugangswegen war. das war ne katastrophe und die wollen ernsthaft den zugang über nen einspurigen TUNNEL leiten? ich fass es nicht!!!! ich seh schon tote wenn nach der abschlußkundgebung alle auf einmal über diese mickrige straße das gelände verlassen wollen." Lückerath hatte diesen Kommentar schon am Samstag weitergetwittert und erzählt, wie er dann von den Medien bestürmt wurde.
Rupert Murdochs "Sunday Times" ist hinter einer Zahlschranke verschanzt. Vorgestern erschien hier ein Gespräch mit Oliver Stone, der eine Dokumentar-Serie über Hitler und Stalin plant und schon mal einen Blick auf sein Geschichtsbild gestattet, weitergetragen vom Blogger Norman Geras: "He also seeks to put his atrocities in proportion: 'Hitler did far more damage to the Russians than the Jewish people, 25 or 30m.' Why such a focus on the Holocaust then? 'The Jewish domination of the media,' he says. 'There's a major lobby in the United States. They are hard workers. They stay on top of every comment, the most powerful lobby in Washington. Israel has f***** up United States foreign policy for years.'" Später versuchte er sich an einer Art Entschuldigung, meldet Max Read in Defamer: "Jews obviously do not control media or any other industry."
(Via Open Culture) Vor einigen Tagen hat die BBC ihr Archiv mit Weltmusik online gestellt. Hunderte Stunden vor Ort aufgenommene Musik aus Indien, Korsika, China, Kuba, Iran, Brasilien, Mosambik, der Türkei, Nordkorea und und und...
(Via BoingBoing) Ah, Sommerzeit, Motorradzeit! Die Marketingleute von Good.kz haben für die schönste Zeit des Jahres einige subtile Motorradhelme entworfen:
"Selten ist eine derart geschlossene, derart donnernde Ablehnung zu erleben, wie sie Neuenfels im Bayreuther Festspielhaus zuteilwurde", konstatiert Peter Hagmann nach der Bayreuther "Lohengrin"-Premiere, der selbst auch einiges an Bühnenbild, Sängern und Musik auszusetzen hat, sich aber nicht zu einem Verriss durchringen kann.
Uwe Justus Wenzel versucht sich mit Canetti einen Reim auf die Ereignisse von Duisburg zu machen. Besprochen werden Marketa Pilatovas Romandebüt "Wir müssen uns irgendwie ähnlich sein", Betina Gonzalez' Roman "Nach allen Regeln der Kunst" und Maeve Brennans
Erzählungen "Tanz der Dienstmädchen" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
Sehr kritisch äußert sich der Love-Parade-Gründer Dr. Motte im Interview mit Markus Schneider über die jetzigen Veranstalter in Duisburg: "Hat Duisburg schon mal eine Veranstaltung in so einer Dimension gehabt? Mit 1,2 Millionen Menschen, die man sehr schwer lenken kann. Sehr schwer! Und dann hat man das Risiko noch erhöht, indem man zum Beispiel eine Fläche eingrenzt mit einem Bauzaun, auf der dann die eigentliche Parade stattfindet. Die sollte aber eben - wie in Berlin - frei zugänglich sein."
Der Tagesspiegel, 27.07.2010Hatice Akyün schreibt eine traurige kleine Hommage auf ihre traurige Heimatstadt Duisburg: " Denke ich an Duisburg, denke ich an meine Kindheit. Daran, wie wir nach der Schule zu Peter Pomms Bude gingen, Pommes rot-weiß aßen, genau wie Tatort-Kommissar Horst Schimanski. Ich habe den Geruch von verbrannter Kohle in der Nase, denke an unseren Kohleofen, auf den mein Vater jeden Abend einen Topf Milch stellte, die wir morgens, bevor wir zur Schule gingen, heiß tranken."
Die Welt, 27.07.2010Manuel Brug findet Hans Neuenfels' "Lohengrin"-Inszenierung in Bayreuth "hinreißend", die beiden Hauptdarsteller allerdings "singen merkwürdig verklemmt". Die Inszenierung der Oper als Versuchsanordnung mit Laborratten, hat ihm besonders zugesagt. Die Rattenkostüme des Ausstatters Reinhard von der Thannen nennt er "elegant, possierlich, vieldeutig": "Diese durchnummerierten Ratten de Luxe haben schlotternde Körperkonturen aus Neopren, in Schwarz für die Männchen, weiß für die Weibchen und Rosa für die glücklicherweise überschaubare Kinderbrut."
Außerdem: Peter Praschl überlegt, warum man Katastrophen oft nicht verhindern kann, selbst wenn man sie vorhersieht. Besprochen wird außerdem der "Jedermann" in Salzburg.
Daniel Kothenschulte sieht mit der Tragödie von Duisburg auch das Konzept von Ruhr 2010 gegen die Wand gefahren, das nur auf Masse und Mainstream setze: "Nun ist es zwar ein fataler Unterschied, ob man zwei Millionen Spaziergänger auf einen sechzig Kilometer Ruhrschnellweg lockt oder eine halbe Million Menschen in eine Unterführung zu einem abgesperrten Bahngelände. Das Kulturverständnis, das dahinter steht, aber ist das gleiche: eine sinnentleerte Politikeridee von Massenbelustigung." Zu Duisburg, Massen und Valmy-Gefühlen schreiben auch Christian Thomas (hier) und Harry Nutt (hier).
Enttäuscht registriert Peter Michalzik, dass Birgit Minichmayr als Buhlschaft im Salzburger "Jedermann" nicht richtig gezündet hat: "Ihre derbe, bleiche Fleischlichkeit, die knackige Fülle, das nicht vollständig versteckte Obszöne, das passt alles so gut, wie wenn es extra für den 'Jedermann' designed worden wäre. Auf der Bühne aber wirkt Minichmayr nicht bleich, sondern blass und unbeteiligt."
Außerdem: "Ist nicht-rattisches Menschsein möglich?", fragt Hans-Jürgen Linke nach Hans Neuenfels Bayreuther "Lohengrin"-Inszenierung, die er insgesamt "eher weise als provokant, eher ironisch als konfrontativ" fand. Besprochen werden der Bayreuther "Tannhäuser" für Kinder und Michael Sontheimers Kurze Geschichte der Rote Armee Fraktion.
Von "bestem, altklassischen Schauspielertheater" kann Reinhard Kriechbaum berichten, der sich von Klaus Maria Brandauer in Peter Steins Salzburger "Ödipus auf Kolonos" in eine Endlos-Schleife antiken Denkens hat hineinziehen lassen: "Da sitzt also Brandauer auf einem unbequemen gusseisernen Sessel, vor dem mit rostbrauner Mauer umgebenen graugrünen Olivenhain. Und er redet, redet, redet. Seitenweise. Auch die 'Stichwortbringer' laden respekteinflößende Wortschwälle ab. Faszinierend, dass man dabei kaum einmal abrückt von Wohnzimmer-Lautstärke. Die handwerkliche und sprechtechnische Meisterschaft äußert sich gerade darin, dass niemand ausklinkt."
Süddeutsche Zeitung, 27.07.2010Insgesamt recht freundlich schreibt Reinhard J. Brembeck über den "Lohengrin" in Bayreuth, obwohl ihn Hans Neuenfels' Inszenierung der Oper als Laborexperiment mit Versuchsratten nicht ganz überzeugte - ebensowenig wie Tobias Kaufmanns "Italianita": "Um das männlich dunkle Timbre in allen Lagen zu halten, scheint er die Bruststimme in die Höhe zu pressen. Das hat Sexappeal, aber die höheren Töne klingen immer angestrengt, sie lassen Glanz, Durchschlagkraft, Kern und Helligkeit vermissen."
Weitere Artikel: Jens-Christian Rabe erklärt, "warum das Ende der Love Parade nicht das Ende einer Popkultur ist". Thomas Steinfeld greift Berichte auf, dass Salman Rushdie ein Buch über die "Fatwa years" plant (mehr hier im Guardian). Johan Schloemann gratuliert dem Archäologen Bernard Andreae zum Achtzigsten. Alex Rühle berichtet vom Festival "Bollywood and beyond" in Stuttgart, und zu diesem Artikel gehört ein hübscher Text des indischen Autors Kiran Nagarkar, der sich daran erinnert, wie er als Kind und später indische Filmplakate sammelte ("Am einnehmendsten an dem ganzen Mischmasch waren die bizarren und absurden Plakate mit Titeln wie 'Madam Zorri', 'Rocket Tarzan', oder auch 'Hercules meets King Kong'").
Besprochen werden der "Jedermann" in Salzburg, der "Tannhäuser" als Kinderoper in Bayreuth, eine Ausstellung der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin und Bücher, darunter Arnold Eschs "Wahre Geschichten aus dem Mittelalter - Kleine Schicksale selbst erzählt in Schreiben an den Papst" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
Als falschen Ruhrgebiets-Größenwahn, aber auch der Fetischisierung der Kreativwirtschaft geschuldet beschreibt Andreas Rossmann die Love-Parade-Katastrophe. Der für letzteren Bereich beim Kulturhauptstadtprojekt Ruhr 2010 zuständige Dieter Gorny nämlich hatte im Vorfeld massiv Druck gemacht: "Denn um viel Geld ging es bei der Love Parade auch. Man müsse das Techno-Spektakel als Wirtschaftsfaktor mit internationaler Leuchtkraft verstehen, zitierten die lokalen Zeitungen Gorny dazu. Eine Million Gäste seien für viele Branchen in der gesamten Region ein wirtschaftlicher Segen: 'Da wird richtig was umgesetzt.' Duisburg ist hoch verschuldet, und so hatte die Stadt auch den Aspekt der Umwegrentabilität im Blick."
Auf der Medienseite erklärt Detlef Borchers WikiLeaks, schildert den aktuellen Afghanistan-Kriegs-Coup und fragt: "WikiLeaks als ein überstaatliches Ministerium der Wahrheit, fehlte das noch?" Der WikiLeaks-Twitter zitiert das sichtlich erfreut und lässt das Fragezeichen umstandslos weg. Michael Hanfeld nimmt befriedigt zur Kenntnis, dass die Organisation sich diesmal mit richtigen Journalisten verbündet hat.
Weitere Artikel: Die sehr alteuropäisch anmutende literarische Kultur des diesjährigen Buchmessen-Gastlands Argentinien stellt der Kulturkorrespondent Josef Oehrlein vor. Der Archäologe Bernard Andreae hat zwar kein einziges neues Argument, ist aber ganz unbedingt der Ansicht, dass das Berliner Stadtschloss ein wiederzuerrichtendes ist. In der Glosse kommentiert Dirk Schümer die Eigenwerbung des im noblen Wiener Bezirk Schönbrunn gelegenen Freibads, das sich des "geringen Ausländeranteils (ein paar Franzosen, Italiener, Russen)" unter seinen Gästen rühmt. Ralf Forsbach erklärt, dass die SPD nun auch auf ihre Erinnerungsorte haben will.
Besprochen werden Hans Neuenfels' "Lohengrin"-Inszenierung ("stringent", "fulminant", lobt Julia Spinola) und Reyna Bruns' "Tannhäuser" für Kinder bei den Bayreuther Festspielen, der neue Salzburger "Jedermann" (misslungene Inszenierung des ohnehin "schlechtesten und verlogensten Theaterstücks aller Zeiten", meint Gerhard Stadelmaier), ein Konzert des James Carter Quartetts beim Rheingau Musik Festival und Bücher, darunter Jean-Marie Le Clezios neuer Roman "Lied vom Hunger" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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