Von Daniel Haas
Ein Kollege erzählte mir, seine dreijährige Tochter betatsche immer den Fernseher. Der Grund: Sie habe bei ihrem Vater beobachtet, wie man iPad und iPhone bediene. Jetzt glaube sie, dass jeder Bildschirm per Berührung Befehle ausführe.
Als ich in den Kindergarten ging, gab es zwar einen Fernseher, aber keine Smartphones, keine Laptops, nichts, was annähernd die Idee hätte aufkommen lassen, dass das, was da auf der spiegelnden Fläche zu sehen ist, im Zusammenhang steht mit den Funktions- und Arbeitsweisen des Geräts. Ein Kind, das 1975 einen TV-Apparat betatschte, war ungezogen. Heute ist es begabt.
Mich macht die Kollegentochter skeptisch. Genauer: Die Idee, mit einer Maschine per Berührung zu kommunizieren, finde ich gespenstisch und einschüchternd.
Man kann natürlich sagen: Jeder Tastendruck im Aufzug oder beim Einschalten der elektrischen Zahnbürste ist so eine Art von Kontaktaufnahme. Aber die Bedienung von iPhone und iPad fußt auf einem radikaleren Konzept: Dass die Maschine keine Henkel, Knöpfe oder sonstigen Erweiterungen mehr braucht, sondern uns Zeichen präsentiert, auf die wir uns beziehen. Ein Icon auf einem iPhone zu drücken ist so gesehen ein komplett paradoxes Verfahren: Es schließt den konkreten Tastsinn mit der virtuellen Welt der Chiffren kurz.
Das kleine Kind, dass Günther Jauch im Gesicht herumpatscht, in der Hoffnung, dass etwas geschehen würde (wie oft wünschen wir Erwachsene uns das ebenfalls beim Anschauen des gängigen Fernsehschrotts), weiß bereits intuitiv, dass die Maschine sich fast vollständig vom Maschinellen - vom Mechanischen - gelöst hat.
Spuk im Spiegel
Das iPad ist ein Spiegel, der ohne Zubehör noch nicht einmal alleine dastehen kann. Es ist eine fest verschlossene Fläche, an der wir uns nicht festhalten, die wir nicht auseinandernehmen können (wie das klassische Telefon, wo wir einen Teil immer abheben). Sie scheint einfach da zu sein, eine versiegelte Platte, die man nicht bearbeitet, sondern allenfalls beschriftet, mit der taktilen Flüchtigkeit hingewischter Gesten.
Ich warte jetzt darauf, dass mein fünfjähriger Neffe ebenfalls Sinn für die Logik postmoderner Technologien zeigt. Wann wird er endlich auf meine Brillengläser drücken, in der Hoffnung, die beiden glänzenden Icons, die da zu sehen sind, seien der Zugang zu einem Set an Reaktionen und Effekten? Ich würde ihn mit dem Herausstrecken der Zunge oder einem Rülpser belohnen, weil mich das immer amüsiert hat als Kind. Meine Großmutter konnte sogar ihren Namen rülpsen - in Anbetracht eines ellenlangen Titels eine unglaubliche Leistung. Vielleicht finden es die Kleinen heute aber viel lustiger, wenn man das Apple-Startgeräusch imitieren kann oder den Einlog-Ton von Nokia.
Kulturpessimistische Haltungen, gerade die gegenüber neuen Geräten - solange es nicht Massenvernichtungswaffen sind - verbieten sich eigentlich von selbst. Man wird aber über unsere Wahrnehmung reden müssen, unsere Alltagserfahrung und wie sie durch technische Innovationen verändert wird.
Ich meine das auf der unmittelbarsten Ebene: Wenn ich die Spiegelung meines Gesichts in einem schlecht beleuchteten Schaufenster ansehe, bin ich gemäß der Gesetze von Apples Ästhetik dann nicht schon Teil eines Interface? Anders gefragt: Werden alle Phänomene der Spiegelung jetzt nicht auch in diesem anderen Zusammenhang lesbar? Als allmähliche, wirkmächtige Überlagerung und Durchdringung der konkreten Wirklichkeit durch die Virtualität?
Noch direkter: Kann ich als phantasiebegabter Mensch mein Spiegelbild noch in Ruhe anschauen? Muss ich mich nicht fragen, ob diese glänzende Abbildung womöglich den Kanal darstellt in die Weiten eines komplexen und undurchsichtigen Systems?
Jorge Luis Borges erzählt in einem Essay von einem chinesischen Mythos: Unsere Spiegelbilder seien keine Reflexionen, sondern tatsächlich Doubles, von bösen Mächten dazu verdammt, uns nachzuäffen. Irgendwann werde die Spiegelwelt aber den Aufstand wagen. Und kurz vorher würden wir aus den Tiefen des Glases Waffengeklirr vernehmen.
Jetzt ein Blick ins schlummernde iPad. Leise! War da nicht was?
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Inzwischen hat diese Kolumne für mich einen völlig neuen Unterhaltungswert bekommen, nicht nur dass die Texte in der Regel humoristisch gut sind - ich freue mich auch schon beim Lesen auf die Kommentare derer die wieder nicht [...] mehr...
Autsch, Herr Haas, aber das tut weh beim Lesen. Früher haben wir Knöpfe gedrückt und heute auf Icons, was solls. Wir drücken auf einen Knopf an der Wand und in der Mitte des Zimmers geht ein Licht an - muss ich jetzt an Geister [...] mehr...
Huch...nrch...da bin beim Leseversuch doch glatt durch die hypnotische Wirkung meines Monitor-Spiegelbildes eingeratzt. Mal schauen, ob es auf SPON nicht noch anregendere Texte gibt...hrch, tschüh, nrchö, chr, chz.... mehr...
Uff. Ich staune, ausgerechnet auf der meistbesuchten deutschen Internet-Seite solche technikängstlichen Artikel zu lesen. Ähnlich haben sich wohl erklärte Feingeister ausgedrückt, als die ersten Eisenbahnen fuhren, und man [...] mehr...
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