Von Hobbykoch Peter Wagner
Mal ehrlich: Mag nach all den warmen Wochen am Rost noch irgendwer Fleisch vom Grill essen? Was aber tun, wenn die nächste Sommerparty auszurichten ist? Nun, wie wär's mit einem witzigen Retro-Abend voller exotischer Genüsse aus den Partykochbüchern unserer Eltern und Großeltern?
In ihrer Reinform sind die meisten der Sechziger-Jahre-Buffetkracher heute kaum mehr genießbar, schon gar nicht an warmen Sommerabenden. Unsere Ahnen waren nach dem Krieg ausgehungert und pressten sich das rein, was sie lange entbehrt hatten: Fleisch, Fett, Kalorien. Das führte zu Bauch-Bomben wie "Fliegenpilzen" (mit Eier- oder Fleischsalat gefüllte Tomaten; Mayo-Punkte auf dem Deckel) und "Russischen Eiern" (Hartei-Hälften mit Remoulade und Kaviarimitat; nicht zu verwechseln mit den pochierten "Verlorenen Eiern"), zu Gaumen-Granaten wie "Mett-Igel" (ein extrafetter Schweinemett-Klumpen gespickt mit Salzstangen) und "Kalter Hund" (Butterkeksturm in Schoko-Palmfetthülle) oder einfach nur zu "Tutti Frutti" aus den damals neuen Dosenfrüchten.
Ist Ihnen schon schlecht? Es geht noch schlimmer: mit dem ganz und gar grausigen Schlonz, den wir von Omas Silberhochzeit unter der irreführenden Bezeichnung "Schinken-Spargel-Röllchen" kennen - eine Komplizenschaft von Gaumengleitcreme, breiigem Totgemüse und geschmacksfreien, mit industriellen Enzymen (Transglutaminase) zu einem Schinken-Trugbild zusammengepappten Fleischfetzen.
Mit ein wenig gutem Willen geht das auch anders, besser. Wie, das hatten wir bereits vor gut einem Jahr als "Invertierte Schinken-Spargel-Röllchen" auf die "Tageskarte" geschrieben. Doch der Upgrade muss nicht immer so komplex sein wie bei diesem Molekularküchenexperiment.
Manchmal langt es schon, einfach ein paar wirklich gute, frische Zutaten zu benutzen. Die Röllchen zum Beispiel schmecken um Galaxien edler, wenn man sie aus frischem Metzgerschinken, selbst gemachter Mayonnaise und Spargelstangen zubereitet, die nicht aus Glas oder Dose kommen, sondern frisch sind oder aus selbst eingefrorenem Tiefkühlbestand stammen.
Auch die "Fliegenpilze" müssen nicht mit der Fettpresse gefüllt werden - wir erarbeiten gerade eine Alternative mit eiskalter, leicht gelierter Gazpacho, die Ende des Monats reif für die "Tageskarte" sein wird. Heute aber wollen wir sehen, ob wir den "Toast Hawaii" ein Stückchen in die Jetztzeit verschieben können.
Der Wesenskern von "Toast Hawaii" ist die Kombination aus Verschwendung, Fernweh und Süß-Salzig-Kontrast. So galt in den Fünfzigern die gleichzeitige Verwendung von Käse und Schinken auf einer Scheibe Brot als verschwenderisch, die Dosenananas sorgte für Hula-Hula-Phantasien und - gemeinsam mit der Zuckerkirsche oben drauf - für eine exotische Geschmacksalliance aus herzhaften und süßen Bestandteilen.
Diese Stärken des Prinzips "Toast Hawaii" beleben wir nun neu: Der Verschwendungssucht geben wir uns mit selbstgebackenem Weißbrot, edlem Wacholderschinken und schmackhaft gereiftem Appenzeller hin. Die Exotik kommt in der Gestalt einer frischen Baby-Ananas zum Zug, flankiert von der Süße vollreifer Cocktailtomaten und Knubberkirschen.
Und damit bei diesem Spaß keiner dünn bleiben muss, bekommt der Toast in der Fritteuse sein Fett ab.
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Wieder mal ein hochbrisanter und extrem interessanter Artikel. SPON schafft es immer wieder, die aktuellsten Themen des Weltgeschehens zeitnah einem breiten Publikum zu vermitteln. Heute ist es der Hawaitoast und morgen werden [...] mehr...
werter Herr Wagner (und ich lache montags immer wieder gerne über den Stuss, den Sie so absondern): - es ist ja gar nichts mit Gelee dabei, hätten Sie das nicht wenigstens der Baby-Ananas gönnen können? - wo bleibt eigentlich [...] mehr...
Wenn man schon für dieses hier empfohlene Alternativgericht so viel Zeit und Aufwand braucht, wird es unmöglich werden, ein komplettes "Sechziger-Jahre-Kracher-Buffet" zu gestalten. Das war "damals" [...] mehr...
Im Wesentlichen stimme ich den bisherigen Beiträgen zu. Ein Naserümpfen ob der Lebens- (hier Ess-) Gewohnheiten unserer Eltern und Großeltern braucht kein Mensch. Und Tost-Hawaii habe ich nie mit Grillen zusammengebracht. Bei [...] mehr...
... wie man mit Geburtsjahrgang 1960 a) so alt aussehen und b) dem mittlerweile 82-jährigen Wolfram Siebeck so rasant die Krone an Altersstarrsinn und Demenz streitig machen kann. Herzlichen Glückwunsch. mehr...
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