Von einer Münchner Veranstaltung, auf der sich die LiteraturübersetzerInnen über ihr massives Untererwähntsein in der Literaturkritik beschwerten, berichtet Katharina Granzin: "Die Literaturkritik sei zu naiv, hieß es, sie habe die Sprachkritik, von der Übersetzungskritik ganz zu schweigen, so gut wie abgeschafft und beschränke sich zunehmend auf reine Inhaltsangabe." Ein wenig versteht Granzin die Klagen schon, eine wirkliche Option, alles anders zu machen, sieht sie jedoch nicht: "Das Dilemma ist nicht zu lösen. Aber die philologische Feinanalyse am übersetzten Text kann auch nicht wirklich Aufgabe der KulturjournalistInnen sein. Möglicherweise sollten die ÜbersetzerInnen sich die Putzfrauenhypothese zu eigen machen: 'Solange nicht gemeckert wird, ist alles in Ordnung.'"
Weitere Artikel: Julian Weber unterhält sich mit dem Soulmusiker Dr. John (hören kann man ihn hier). In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne informiert sich Andreas Fanizadeh über cooles Camping.
Besprochen werden ein Berliner Konzert von Gilberto Gil und Bücher, darunter die späte deutsche Erstübersetzung von Emmanuel Boves Roman "Schuld" und Hans-Ulrich Gumbrechts für Detlev Claussens Begriffe allzu egogesteuerte Amerika-Impressionen "California Graffiti" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Und Tom.
In New York hat Sebastian Moll schon den von Lawrence Bender ("Pulp Fiction", "An Inconvenient Truth") produzierten Aufrüttelfilm "Countdown to Zero" über die Gegenwart von Atomwaffen gesehen. Wohler ist ihm nicht hinterher: "Die Gefahr der Proliferation, das bläut Regisseurin Lucy Walker dem Betrachter ein, ist jedoch viel größer, als die Menge an Sprengköpfen. So unübersichtlich ist, wer Atomwaffen besitzt oder die Fähigkeit, welche zu bauen, dass eine effektive Kontrolle praktisch unmöglich ist. Die Frage, sagt James Baker, Stabschef sowohl unter Ronald Reagan als auch George Bush, ist schon lange nicht mehr, ob es eine nukleare Katastrophe gibt, sondern nur noch wann."
Weitere Artikel: Abgedruckt wird die überarbeitete Fassung eines Vortrags, den der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt über den Architekten Ernst May hielt. Niels Kaiser geht dem sich hartnäckig haltenden Gerücht nach, die Nazis hätten Heinrich Heines "Loreley"-Gedicht immer wieder ohne Angabe des Verfassers in Abdrucken durchgehen lassen - es ist an diesem gerüchtetheoretisch interessanten Gerücht, stellt Kaiser fest, wohl einfach nichts dran. Gegen eine nun von der Weltkulturerbekommission durchgewunkene Rheintalbrücke hat Christian Thomas grundsätzlich wenig, nur die konkreten Entwürfe findet er alles andere als gelungen. Rauchen oder Nichtrauchen in Göhren auf Rügen - der Frage widmet Sebastian Amaral Anders eine Times Mager. Marcia Pally braucht in ihrer US-Kolumne kein Wikileaks, um das Desaster namens Afghanistan-Krieg zu verstehen.
Besprochen werden das neue Arcade-Fire-Album "The Suburbs" und Ludolf Herbst Studie über "Hitlers Charisma" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Im Feuilleton schwärmt Manuel Brug von Wolfgang Rihms "Tutuguri" unter Ingo Metzmacher: "Die geballte Orchesterwucht und ein überbordendes Talent treffen hier aufeinander - und Artauds Textvorwurf raunt dazu dunkel von blutigen Ritualen, Peyotl-Rausch, toten Pferden, nackten Männern, rotem Fleisch und schwarzer Sonne."
Außerdem meldet Dankwart Guratzsch, dass die Unesco grünes Licht für die Brücke über das Rheintal gegeben hat, was für ihn in Ordnung geht. Thomas Kielinger sieht sich in London ein Theaterspektakel der Gruppe Punchdrunk an.
In der Literarischen Welt warnt der Historiker Walter Laqueur sehr vor dem dräuenden Eurabien. Willy Puchner liefert eine kurze Geschichte des Passfotos ("Der Mund bleibt geschlossen, der Gesichtsausdruck neutral"). Und Niall Ferguson blickt auf die absehbaren Verschiebungen im ökonomischen Machtgefüge: "Schon vor der Krise hatten Jim O'Neill und sein Team bei Goldman Sachs prognostiziert, dass Chinas Bruttoinlandsprodukt das Amerikas im Jahr 2027, um 15 Uhr 30 am 15. Oktober, überholen würde."
Besprochen werden unter anderem Asaf Schurrs Roman "Motti", Ferdinand von Schirachs
Geschichten "Schuld" und Dorothee Elmigers Debüt "Einladung an die Waghalsigen".
Neue Zürcher Zeitung, 31.07.2010
Die NZZ ist heute morgen noch nicht online, daher alle Artikel ohne Links.
In Literatur und Kunst untersucht Hannelore Schlaffer das unterschiedliche Leseverhalten von Männern und Frauen, das sich sogar in den Verlagskatalogen widerspiegelt: "In Verlagsprospekten sammeln sich auf den vorderen Seiten, wo die gut verkäuflichen Werke vorgestellt werden, die Köpfe von Frauen, je weiter man blättert und in die Bereiche von Essayistik, Geschichtsschreibung, Philosophie gerät, desto seltener wird man sie finden. Männer, falls sie auf den ersten Seiten mit Romanen angekündigt sind, grenzen sich von den Konkurrentinnen ab, indem sie eine Mixtur aus Erfahrung und Bildungswissen liefern, das private Leben im historischen Kontext des Faschismus, der DDR, eines unterentwickelten Landes beschreiben und damit ihre Zugehörigkeit zum zweiten, wissenschaftlich-essayistischen Teil des Verlagskatalogs andeuten. Autorinnen schildern Leben als Dasein, Autoren erzählen es als Geschichte."
Außerdem: Abgedruckt ist Paulus Hochgatterers Laudatio auf Per Olov Enquist, der den österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur erhalten hat. Othmar Keel erinnert daran, dass einige Engel ursprünglich tierischer Herkunft waren. In den Bildansichten betrachtet Anne Weber eine Zeichnung von Pia Linz: "Die welthungrige Einsiedlerin".
Im Feuilleton gefällt Samuel Herzog die "entspannte Selbstverständlichkeit" mit der die Ausstellung des umgebauten Israel Museum in Jerusalem als großer Mischmasch präsentiert wird. Jürgen Tietz lobt den Umbau des Alten Hospiz auf dem Gotthardpass durch das Architektenduo Miller & Maranta. Klaus Bartels denkt über den Begriff "Identität" nach.
Besprochen werden eine Ausstellung der Luftaufnahmen von Eduard Spelterini im Zeppelinmuseum Friedrichshafen, Aufführungen beim 25. Davos Festival "Young Artists in Concert" und Bücher, darunter Daniel Kehlmanns Essayband "Lob" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Lena Bopp und Edo Reents schicken eine interessante Reportage über den Widerstand gegen den Umbau des Stuttgarter Bahnhofs, die noch interessanter wäre, wenn sie auch mit ein paar Gegnern gesprochen hätten. "Es fällt jedenfalls auf, dass sich nicht nur auf den Montagsdemonstrationen, wo das Durchschnittsalter mutmaßlich um die sechzig liegt, etwas bemerkbar macht, was die Befürworter von Stuttgart 21 hinter vorgehaltener Hand den 'Egoismus der Alten' nennen, die ihre gemütliche schwäbische Eisenbahn einfach behalten wollen." (Ausführliche Darstellung des Projekts und der Diskussionen bei Wikipedia)
Weitere Artikel: Jürgen Dollase isst in Alain Dutourniers Pariser Restaurant "Carre des Feuillants" und findet die Speisen nicht nur altmodisch, sondern auch handwerklich nicht auf der Höhe. Joseph Hanimann berichtet über die Neuorganisation des Institut francais. Die geplante Brücke, die zwischen St. Goar und St. Goarshausen den Rhein überspannen soll, hat den Segen der Unesco, berichtet Oliver Bock (mehr dazu hier). Sensationell findet Lisa Zeitz das Archiv der Galerie Heinemann (1872-1939), das vom Deutschen Kunstarchiv Nürnberg ins Netz gestellt wurde. Marcus Jauer stellt sich vor, er sei ein im Prenzlauer Berg geborenes Kind und klagt dann seine Eltern an.
In Bilder und Zeiten schildert Tobias Tunkel Rimbauds Jahre in Aden als wäre er dabeigewesen. Felicitas von Lovenberg bewundert die Holz-Bücher von Ivon Illmer. Marco Schmidt hat einen Ortstermin in dem provenzalischen Dorf La Roque d'Antheron, wo jährlich ein internationales Klavierfestival stattfindet. Der Musikproduzent Siggi Loch plaudert im Interview über sein Label ATC und den Niedergang der Tonträgerindustrie.
Besprochen werden Stefan Herheims "Parsifal"-Wiederaufnahme in Bayreuth, eine vom Warschauer Chopin-Institut herausgegebene Aufnahme des Chopin-Gesamtwerks mit Originalinstrumenten, eine Einspielung von Henri Vieuxtemps' Violinkonzerten mit Viviane Hager, eine CD von Arcade Fire, die CD "Havana Culture - New Cuba Sound" und Bücher, darunter Inger-Maria Mahlkes Roman "Silberfischchen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
In der Frankfurter Anthologie stellt Bernd Eilert ein Gedicht von Theodor Kramer vor: "Wann immer ein Mann trifft auf einen ..." (nachzulesen hier ganz am Ende des Artikels)
In einer Reportage, für die er auch mit der nun verstorbenen Richterin Kirsten Heisig gesprochen hat, geht Johannes Boie einem der erschreckendsten Phänomene der Nicht-Integration nach: den Figuren der Friedensrichter, die an hiesigem Recht und Gesetz vorbei in Migrantenmilieus für Ordnung sorgen: "Dieses parallele Rechtssystem, das sich in Teilen Neuköllns und im Wedding ausgebreitet hat, findet in vielen deutschen Städten Anwendung. Überall dort, wo Muslime in der Mehrheit sind und Integration misslingt. Die Exekutive bilden junge Männer, die im Wortsinne schlagkräftig sind. Legislative und Judikative sind vereint in der Person des Friedensrichters. Seine Legitimation sind die Angst derer, über die er richtet und seine Verbindungen. Friedensrichter sind in Deutschland entweder die Chefs großer arabischer Familienclans oder
Imame."
Weitere Artikel: Den Philosophen Michel Serres, der für einen Vortrag nach Berlin kommt, porträtiert Georg Diez. Thomas Steinfeld schreibt einen Artikel über die selbstbewusste Schweizer Mehrsprachigkeit, der sich wie ein Nachruf liest - und zwar auf die "alte Schweiz, das friedliche, reiche Land der Makler und Mittler". Darunter liefert Lynn Scheurer einen "nicht-repräsentativen Erfahrungsbericht" zur Schweizer Vielsprachigkeit. Mit Kopfschütteln nimmt Gottfried Knapp zur Kenntnis, dass die Unesco die geplante Mittelrheinbrücke nicht als Problem für den Welterbestatus der Tallandschaft zwischen Koblenz und Bingen betrachtet. Von allerlei Aufmerksamkeit für Stefan Zweig weiß Christine Dössel aus Salzburg zu berichten. Volker Breidecker gratuliert dem proetischen Kulturschaffenden Frido Mann zum Siebzigsten.
Im Aufmacher der SZ am Wochenende weiß Petra Steinberger, dass man der Beschleunigung auch durch Entschleunigung nicht entkommt. Über die immer noch steigerbare Dauerkrise des Lehrerberufs denkt Johan Schloemann nach. Auf der Historienseite geht es um urbane "Eventlust" schon in der Vergangenheit. Rebecca Casati unterhält sich mit dem Rechtsanwalt und Schriftsteller Ferdinand von Schirach über "Motive".
Besprochen werden die Wiederaufführung von Stefan Herheims für Wolfgang Schreiber noch immer überwältigendem "Parsifal", das neue Arcade-Fire-Album "The Suburbs", Radu Mihaileanus Film "Das Konzert" und Bücher, darunter Daniel Kehlmanns Essayband "Lob", für den er von Christopher Schmidt viel Tadel bekommt (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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