Von Hobbykoch Peter Wagner
Die Evolutionstheorie lehrt, dass in vielen Lebensbereichen die Ontogenese nur ein Spiegel der Phylogenese ist, dass wir also die Jahrmillionen Entwicklungsgeschichte der Menschheit in unserer ganz persönlichen Menschwerdung binnen weniger Jahre nachvollziehen.
Wenn's ums Grillen geht, trifft die Theorie auf mich total zu.
Denn auch bei mir war am Anfang das Feuer. Ich entdeckte den Reiz des Röstens über der Glut des Lagerfeuers, als wir mit einem dreckigen Dutzend zweigetakteter Pubertätsschleudern von Zündapp und Kreidler die hügelige Umgebung unserer Heimatstadt unsicher machten - die Gepäckträger der Kleinkrafträder beladen mit Bierkasten, Fleischpaket, Schlafsack und Isomatte.
Bei diesen Ausritten bekamen wir eine Ahnung vom Leben der ersten Menschen auf diesem Planeten, was uns in Ermangelung der in freier Natur nicht verfügbaren zivilisatorischen Errungenschaften wie Rasierapparat, Wasserspülung oder Seife nach zwei Nächten auch optisch und olfaktorisch in die Nähe des Neandertales rückte. Einziger Trost: Unsere Chancen beim anderen Geschlecht schmälerte das nicht. Mädchen waren bei so etwas eh nie dabei.
Zumindest an dieser Geschlechterrollenverteilung hat sich bis heute nicht allzu viel geändert. Andererseits: Die meisten von uns können heute milde lächeln, wenn sich im Freundeskreis einer mal wieder ein Männchen am Rost wie 007 mit der Lizenz zum Killen benimmt, in seiner albernen BBQ-Schürze aber eher wie 08/15 mit der Licence to grill aussieht.
Doch das ist ein Luxusproblem, denn das Garen am offenen Feuer war seit der Steinzeit zumeist pure Notwendigkeit von Menschen auf Reisen, auf der Flucht, auf der Jagd - oder es war schlicht dem Nicht-Besitz einer festen Behausung geschuldet. In Südamerika grillten die Indios schon vor der Aztekenzeit auf Holzrosten, die sie tagelang in Wasser eingeweicht hatten. Auch in biblischen Geschichten taucht BBQ auf - in König Salomons Großküche wurden bei der Eröffnung des Tempels von Jerusalem 22.000 Rinder und 120.000 Schafe über offenem Feuer auf Drehspießen und angeblich sogar bereits auf Eisenrosten gegrillt (1 Könige 8,63).
In Europa führten die römischen Legionen diese Technik als die transportable Kochweise eine, sie entsprach ihrer mobilen Kriegstaktik am besten. "Craticulum" nannten sie ihre aus Flechtwerk bestehenden Grillroste - etymologisch wohl auch die Herkunft von "Grillen". Apicius, Ahnvater aller Gourmets, beschrieb in seinen um 15 n. Chr. erstmals aufgezeichneten Kochnotizen diese frühe Form des BBQ am Beispiel eines ganzen Vorderschinkens, der zunächst über einem glühenden "vatillum" (Kohlebecken) seine dicke Fettschicht kross gebräunt bekommt, und anschließend mit Honig bestrichen kurz zu Ende gegrillt wird. So alt ist also die Grillerregel, zuckerhaltige Marinaden erst am Ende des Garvorgangs aufzustreichen, denn verbrannter Zucker verbittert selbst das schönste Steak.
Bitter waren aber auch andere Anwendungen der lodernden Glut. Als der römische Kaiser Valerian im Jahr 258 n.Chr. den Christenprediger Laurentius auf dem glühenden Grill foltern ließ, soll der seine Peiniger darauf hingewiesen haben, er sei vorne bereits durch und sie mögen ihn doch bitte wenden - was die Entscheidung der Köche verständlich macht, den nach seiner vollständigen Durchgarung "Heiliger Laurentius" genannten Märtyrer zu ihrem Schutzheiligen zu erkehren.
Das Christentum ließ sich von solch kleinen Rückschlägen natürlich ebenso wenig beirren wie der "Tageskarte"-Grillmeister vom Dienst, der heute noch das letzte Drittel der Highend-BBQ-Trilogie schuldig ist - nach der Vorspeise und dem Hauptgericht nun das Dessert.
Immerhin wollen wir ja die Behauptung eines großen amerikanischen Grillgeräteherstellers, man könne auf einem ordentlich ausgestatteten Gasgrill komplette Menüs ohne jegliche zusätzliche Feuerstelle zubereiten, bis zum bitteren Ende überprüfen. Nun, das Ende ist eher süß: auf Rost und Seitenbrenner wird aufgekocht, karamellisiert, sogar kleine Kuchen werden gebacken für unsere Dessertwerdung des beliebten Kokos-Rum-Ananas-Longdrinks Piña Colada in der Form einer kleinen Palmeninsel.
Gut, beim "Meer" schummeln wir ein bisschen und fügen etwas Blue Curaçao hinzu. Doch sogar der kommt vorher auf den Grill.
Auf anderen Social Networks posten:
... da isser wieder ganz der alte - Gelee ist dabei und auch reichlich Reklame, Freude! Ich frage mich nur, wann Spon endlich dazu übergeht, diese Ergüsse in die Rubrik "Satire" einzusortieren... mehr...
Genau! Außerdem: Kokosnusswasser abkochen wegen der Keime? Welche Grundlage haben Sie für diese Räuberpistole? Kokoswasser ist so sauber, dass man es direkt infundieren kann. Habe ich auch in Asien gelernt, ist aber ebenfalls [...] mehr...
Da fliesst dann wohl viel Bier vorher, bevor die Pinacolada fertig ist. Aber schöne Idee, Herr Wagner :) P.S. Kokosnüsse öffnet man nicht mit dem Hammer, sondern mit der Rückseite eines schweren Messers. Ein Schlag auf die [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH