Von Daniel Haas
Das Armutsdilemma ist auch eine Bildungsmisere. Hartz IV steht für die ästhetische und kulinarische Verrohung ganzer Bevölkerungsschichten, für die Erosion des Kulturbewusstseins in gerade jenen Kreisen, die die Exegese eines Durs-Grünbein-Verses oder einer Hindemith-Oper am nötigsten hätten.
Arbeitsministerin Ursula "die Violine" von der Leyen (CDU) plädiert deshalb für konsequente Direkthilfe: Kinder unterprivilegierter Familien (kein Au-pair, iPad-Mangel, nur ein "Cicero"-Heft für vier Personen) sollen Gutscheine oder Chipkarten statt Geld bekommen. Mit ihnen können sie dann an anspruchsvollem Sport- oder Musikunterricht teilnehmen oder Nachhilfe und Sprachförderung erhalten.
Das Modell ist umstritten, Kritiker sprechen von einem Misstrauensvotum gegenüber den betroffenen Familien. Entscheidend aber ist die Frage: Wie sehen die Kinder selbst das Konzept Kultur statt Kohle? Wird es nicht einen Paradigmenwechsel geben in Freizeitgestaltung und Interessenbildung bei Heranwachsenden, wenn statt "DSDS" plötzlich Renaissance-Motetten auf dem Programm stehen?
SPIEGEL ONLINE veröffentlicht exklusiv Auszüge aus den Tagebuchaufzeichnungen von Chantal, 15. (Sie wurden dem Verlag übrigens nicht gegen Geld überlassen, sondern aufgrund der Zusage, das Kind erhalte einen Praktikumsplatz.)
Dienstag, 27. Juli
Hallo Tagebuch, heute wieder Französisch II. Wie mich die Bovary nervt. Soll die Tussi doch abhauen, wenn sie das so sehr stresst zu Hause. Bei H&M haben sie jetzt die neuen Sachen von der McCartney oder wie die heißt. Aber ich hab ja keine Kohle. Stattdessen noch nen Schein für Geige, Einführung. Ob die bei "DSDS" auch Geige zulassen?
Donnerstag, 29. Juli
Mandy sagt, Geige is fürn Arsch, sie hat sich die Fingernägel geschrottet, und die waren echt geil, 4 Zentimeter Verlängerung mit Totenkopf aus Strass. Kann ich ja von Glück sagen, dass ich nen Reitschein gekriegt habe. Geht aber erst im September los. Solang mach ich Yoga, den Schein ham sie mir gestern aufs Auge gedrückt. Mandy sagt, sie hat ne Connection nach Charlottenburg, zu irgendwelchen Bonzentussis, die sind ganz wild auf den Mist.
Samstag, 31. Juli
Yoga ist scheiße. Meine Extensions machen das keine Woche mit. Mandy will jetzt auch reiten, Nachmacherin. Heute morgen SMS von Bülent, sie haben ihm den Museumsschein verpasst. Nationalgalerie, Pergamon-Museum, Akademie der Künste, das ganze Programm. Seinen Kickboxkurs kann der erstmal knicken. Die Bovary ist übrigens gar nicht so uncool: Klamotten kaufen und Spaß haben, was soll daran falsch sein?
Mittwoch, 4. August
Gestern mit Sophie-Marie gedealt, Goethe-Gymnasium, Wilmersdorf. Für Yoga wollte sie nix raustun, aber als sie von dem Reitschein gehört hat, ist die fast ausgeflippt. "Seit der Krise hat mir der Papi doch das Voltigieren gestrichen!" Ich dachte echt, die heult gleich. Na, der Deal war jedenfalls krass in Ordnung: 50 Eu, ein iPod (pink metallic, sehr geil) und zwei Karten für Bushido. Wo sie die wohl herhat? Noch zehn Seiten Bovary. Die kriegt die Kurve nicht, das wusst ich gleich. Wie die Jacqueline: immer ordentlich was weggezogen und am Ende Bullen, Jugendknast, die Nummer.
Donnerstag, 5. August
Heute das erste Mal Deutsch-Nachhilfe. Der Typ heißt Philipp und sagt doch glatt: "Meine Hobbys sind Lesen und Geschichte." Was für ein Vogel! Sein Vater ist Vermögensberater, aber jetzt läuft es nicht mehr so geil. Muss er halt Nachhilfe geben, der Philipp. Mir egal. Solange er mich Musik hören lässt. Seine Schwester will mit mir reden wegen dem Yoga und Tauschen und so. Aber was hat die mir schon zu bieten, jetzt, wo ihr Alter fast pleite ist?
Sonntag, 8. August
Philipp sagt, ich soll "Effi Briest" lesen. "Die erinnert mich an dich." Krieg dich ein, du Opfer! Da sind ja die Anmachsprüche vom Ronny lässiger. Obwohl. Eigentlich is der ganz süß, der kleine Klugscheißer, trotz der affigen Klamotten und so. Seine Schwester kriegt den Yogaschein trotzdem nich.
Dienstag, 10. August
Die Bovary hat generalstabsmäßig verkackt. Philipp hat versprochen, dass Fontane cooler ist. Na gut, eine Chance kriegt er. Bülent nennt sich jetzt Cassius Klee, der Museumsscheiß ist ihm echt zu Kopf gestiegen.
Mittwoch, 11. August
Effi. Klingt wie Ephedrin. Nur dass die Alte so öde ist wie Benzos. Was soll's. Philipp ist tatsächlich ganz ok. Heute hat er mir zwei Karten für Tokio Hotel mitgebracht. Da geh ich aber mit Ronny hin. Hab ich mir von der Bovary abgeschaut: Zugreifen ohne Wenn und Aber. Am Ende gar nicht so blöd, Französisch II. Soll ich den IIIer-Schein nicht tauschen? Die Tussi vom Schliemann-Gymnasium, Marie oder Marei oder so, die will da unbedingt hin, weil ihr neuer Typ zweisprachig is. Wird sie aber ordentlich löhnen müssen. Ich glaub, die hat ein iPhone. Noch.
Hier enden die Aufzeichnungen. Ist dies die musische Selbstermächtigung, die Ursula "Adagio" von der Leyen vorschwebte. Oder verschränken sich hier nicht geistige und merkantile Formen aufs Schlechteste miteinander?
Andererseits: Der junge Mensch weiß die Verhältnisse womöglich besser für sich zu nutzen, als der Kulturpessimist anzunehmen bereit ist - und sei es nur zum Schein.
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Mein Beitrag war recht derbe, deshalb akzeptiere ich ihre wütende Antwort. Um es an 2-3 Punkten sachlich fest zu machen: Eigentlich geht es hier um Bildungsgutscheine. Wenn es die für die Kinder zusätzlich zum Regelsatz [...] mehr...
Nun muss ich endlich auch mal meinen Senf zu diesem Thema dazugeben. Diese endlose Hartz4 sei "zu niedrig"-Debatte ist mir wirklich unverständlich. Ich selbst bin Studentin, habe sehr gute Noten, arbeite MINDESTENS 40 [...] mehr...
... nur im SPON-Forum sind die Diskutanten wesentlich verbissener und humorloser als die Artikel, über die diskutiert wird. Es wimmelt ja nur so von Klugscheißern, Abendland-Untergeh-Sehern und Altkommunisten. mehr...
Wo genau liegt der Anreiz, sich Arbeit zu suchen, wenn sich das Leben ohne Arbeit nicht großartig von dem mit unterscheidet? Mal abgesehen davon dass man 40-50 Stunden mehr Freizeit hat, die ein Großteil sinnlos vertut. Ich [...] mehr...
Vollständig genug? Was sie scheinbar nicht verstehen ist, dass ihr Weg zu Verhältnissen wie in den besagten Ländern führt, wenn man ihn konsequent zu Ende geht. Das müsste ihnen doch zusagen? Ich bin übrigens Freiberufler, [...] mehr...
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