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14.08.2010
 

Berliner Tanzfestival

Rote Unterhosen in der Sommerbar

Von Nora Reinhardt

"Tanz im August": Festival mit Herz
Fotos
Dominik Mentzos

Nackte Tänzer, wilde Partys, kuriose Performances: Das Berliner Festival "Tanz im August" ist eine der ältesten und renommiertesten Veranstaltungen für zeitgenössischen Tanz - und sie ist ein großer Spaß.

Jedes Festival braucht ein Herz. Das Herz des Festivals "Tanz im August" ist die Sommerbar im Podewil in der Klosterstraße, ein magischer Ort in Berlin-Mitte.

Auch in diesem Jahr wird es die legendäre Sommerbar geben, die die "Künstler des Hauptprogramms einlädt, kleine Arbeiten zu zeigen". Erstaunlicherweise funktioniert das: Die hochkarätigen Tänzer, Choreografen und Musiker kommen wirklich, um nach den Auftritten im kleinen Kreis zu experimentieren. Vergangenes Jahr, am letzten Wochenende im August, gaben zum Beispiel die Tänzer der berühmten Tanzkompanie Rosas ein enthemmtes Konzert mit urkomischen Cover-Versionen von Beatles-Songs. Kurz zuvor hatten sie sich noch durch das musiklose, ziemlich kopflastige Stück "The Song" von Anne Teresa de Keersmaeker getanzt. Danach feierten die Rosas-Tänzer inmitten der anderen Besucher bis zum Morgen, die Gin Tonics flossen, und plötzlich tauchte ein Mann mit nichts als einer roten Unterhose bekleidet auf.

Sado-Maso-Choreografien

Da das Berliner Tanzfestival am Donnerstag zum 22. Mal eröffnet, muss an dieser Stelle ein Missverständnis aus der Welt geschafft werden. Von einer "familiären Atmosphäre" schwadronieren Zeitungen gerne, wenn sie über Festivals wie "Tanz im August" schreiben. Damit kann jedoch nicht gemeint sein, dass es so brav zugeht wie auf Steffis Konfirmation. Eher, dass man alte Bekannte trifft, die man schon mal nackt gesehen hat: wie Pieter Ampe und Guilherme Garrido, die ihr "Still standing you"-Duett zeigen werden.

Glaubt man dem Titel, können sich die beiden noch leiden. Was nicht selbstverständlich ist: Im Vorjahr zogen sie sich in einem Duett namens "Still difficult" komplett aus - und versohlten sich kreativ tänzerisch den Hintern, bis rote Striemen zurückblieben. Die sado-masochistische Choreografie wurde als eines der Highlights des Festivals gefeiert. 2010 zeigen die beiden nun die Fortsetzung, reißen sich die T-Shirts vom Leib und führen sich an den Pimmeln spazieren. Zeitgenössischer Tanz hat mit Ballett eben nichts mehr zu tun.

Menschenrechte fixieren

Auch die Choreografen Xavier Le Roy, Ivo Dimchev, Jérôme Bel und die Tanzdramaturgin Maren Witte sind dieses Jahr wieder bei "Tanz im August" dabei. Die lebende Tanzlegende William Forsythe zeigt ihre höchst vergnügliche, wenn auch etwas ältere Performance "Human Writes", eine Ehrung der Menschenrechte, die ein Motto des diesjährigen Festivals sind. In "Human Writes" wird die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte abgeschrieben, allerdings nicht mit dem Stift in der Hand, sondern mit schwarzer Wachsmalkreide am Fuß, am Bauch, im Ohr. Die Zuschauer laufen zwischen Tischen mit Papier umher und dirigieren die Tänzer - oder sie schieben sie gleich selbst übers Papier. Alle sind geeint im Bestreben, in einer gemeinsamen Performance die Menschenrechte festzuhalten.

Es ist eben ein Festival mit Herz.


Festival "Tanz im August" vom 19. August bis 3. September an verschiedenen Orten in Berlin - Akademie der Künste, Babylon Kreuzberg, Galeries Lafayette, Hau 1, 2 und 3, Halle Tanzbühne Berlin, Podewil, Radialsystem V, Riehmers Hofgarten und Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Kartentelefon 030/25 90 04 27.

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