Von Karin Schulze
Fünf Jahrhunderte dauerte es, bis das Ulmer Münster fertig war. Gleich gegenüber, im Ulmer Kunstverein, hat Dan Perjovschi gerade einmal fünf Tage Zeit, sein Werk zu vollenden. Dabei ist sein Anspruch ist nicht eben gering. Ein Bild vom Zustand "unserer westlichen Gesellschaft im 21. Jahrhundert" soll es werden.
Hektik entfaltet der 1961 geborene und in Bukarest lebende Künstler deshalb aber noch lange nicht. Er hat sich einen Tisch ans Fenster gerückt, darauf ein Dutzend Eddings, ein kleinformatiges schwarzes Notizbuch und etliche Zeitungen. Ab und zu steht er auf und malt direkt auf die Wand des Kunstvereins eine der schnellen, bissigen Zeichnungen, für die er in der Kunstwelt berühmt ist.
Seit Perjovschi 1999 den Fußboden des rumänischen Pavillons bei der Venedig-Biennale mit etwa 3000 anarchischen Skizzen übersäte, reißen sich die kleinen und großen Ausstellungshäuser um ihn: Auf die von Kohlenstaub geschwärzten Wände der Kokerei auf der Essener Zeche Zollverein zeichnete er mit weißer Kreide ein grandioses Panorama, das vom postindustrielle Ruhrgebiet bis ins postkommunistische Osteuropa reichte. Und im Foyer des New Yorker MoMA durfte er eine zehn Meter hohe Wand besetzen und selbst Themen wie den Irakkrieg touchieren.
"Less is more"
Perjovschi macht fühlbar, was Arbeitslosigkeit meint, wenn er ein Strichmännchen haltlos durch das "o" des Wortes "Job" hindurchrutschen lässt. Bei ihm speist der Banker den Bettler mit einem lässigen "Less is more" ab. Und er fängt die anfänglich Ohnmacht gegenüber der Ölkatastrophe am Golf von Mexiko ein, indem er sie mit "I put a spill on you" betextet - ein Wortspiel aus "Ich verhexe dich" und "Ich lasse Öl auf dich fließen".
Bei jedem seiner Projekte verschafft sich Perjovschi zunächst einen Eindruck von der Umgebung. In Ulm ist er durch die Fußgängerzone gegangen und runter zur Donau, hat in Souvenirshops studiert, wie die Stadt sich vermarktet. Er hat die aktuellen Zeitungen gelesen und erste Skizzen in eines jener kleinen schwarzen Bücher gemalt, die als Fundus für seine Faserstift-Tableaus fungieren.
Dann hat er sich im Kunstverein an die allmähliche Verfertigung seines aktuellen Bildes von der Welt gemacht, hat mit seinen so amüsanten wie analytisch scharfen Kommentaren das Ulmer City-Marketing abgewatscht und sich hergemacht über die Debatten um Google Street View, den Moschee-Bau am Ground Zero und Deutschlands ökonomische Rolle in Europa.
Perjovschis Talent war in Rumänien früh entdeckt worden. Schon mit zehn Jahren kam er auf eine Kunstschule. Das anschließende akademische Studium aber habe nichts als einen "mediokren Maler" aus ihm gemacht, erzählt Perjovschi. Zwar habe er zur Freude seiner Mitschüler immer schon die Lehrer karikiert, nur habe lange niemand, auch er selbst nicht, die künstlerische Dimension seines Humors entdeckt. Noch in der Zeit der kommunistischen Zensur hat er dann einmal seine Wohnung bis hin zum Fernseher mit Papier eingepackt und darauf Skizzen aus dem Leben eines Paares gezeichnet. Zusammen mit seiner Frau hat er dann noch zwei Wochen in der Installation gelebt. Und nur Freunde bekamen sie zu sehen.
Nach dem Sturz Ceaucecus begann er für die angesehene rumänische Wochenzeitschrift "Revista 22" Illustrationen und Karikaturen zu zeichnen und wurde gleichzeitig mit freien künstlerischen, aber noch nicht humoristischen Arbeiten erfolgreich. Seine jetzige cartoonartige Arbeitsweise hat er bei seinem Biennale-Auftritt 1999 fast zufällig entdeckt. Damals war eigentlich ein aufwändigeres Projekt vorgesehen. Als das Geld dafür auf sich warten ließ, hat er sich kurzerhand auf den Boden des Pavillons gekniet, diesen mit unzähligen kleinen Skizzen übersät und dafür, schon aus Zeitgründen, auf seine karikierenden Arbeiten zurückgegriffen.
"Größer, rauer und aggressiver"
Musste man an diese zarten Zeichnungen noch nahe herantreten, um sie zu entziffern, sind seine Sketche heute größer, rauer und aggressiver. Inhaltlich aber sind sie nach wie vor dezidiert kritisch gegenüber Machtstrukturen, aber sensibel und emphatisch gegenüber den Sorgen der Menschen. Manche Einfälle schaffen es nie heraus aus dem Skizzenbuch, weil Perjovschi sie bloß spaßig, zu vulgär oder zu provokativ findet. Bei seinen besten Einfällen aber ist es, als würde er nur noch durchpausen, was sich im kollektiven Unbewussten schon abzeichnet.
Dabei sind seine poetischen bis sarkastischen Visualisierungen keine endgültigen Wahrheiten, sondern Momentaufnahmen, die bei Ausstellungsende einfach übermalt werden. Wichtiger als die Vermittlung konkreter Inhalte ist ihm denn auch, dass der Betrachter denkt: "Das sieht so leicht aus, das kann ich auch." Dieser ermächtigende, demokratische Aspekt liegt ihm besonders am Herzen. Kein Wunder, dass er von Ulm kurz nach Stuttgart hinüberfuhr, um sich den Teil des Hauptbahnhofes anzusehen, an dem sich der Protest gegen "Stuttgart 21" akkumuliert: Der Bauzaun am abrissgeweihten Nordflügel ist übersät mit Zeichnungen, Aufrufen, ätzenden Kommentaren, mit Kerzen, Puppen und Blumen. Da stand er dann lange, der Profi des gezeichneten Protests, und freute sich an der "Denk mal!"-Ästhetik und dem lebendigen Ausdruck einer Debatte. Klar, dass ihm, zurück in Ulm, auch zu Stuttgart noch einiges eingefallen ist.
Dan Perjovschi: Where are we now? 22. August bis 17. Oktober im Kunstverein Ulm.
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