Von Wolfgang Höbel
Am Ende hatte Deutschland einen Kultur-Superstar in ihm gefunden. Einen, den fast alle ganz doll lieb hatten. Aus dem Schund-Filmemacher und Provokationstheaterkünstler, dem umstrittenen Opernregisseur und abseitigen Kunstaktionisten Christoph Schlingensief war plötzlich eine Art Heiligenfigur zu Lebzeiten geworden. Ein Mann, der sich selber wunderte, wie massiv ihm durch sein öffentliches Sterben die Sympathien und die Anerkennung der Menschen plötzlich zuflogen.
"Ich freue mich über die Wärme, die ich zu spüren bekomme", hat Christoph Schlingensief in so einem Moment zugegeben - nur werde ihn das nicht hindern, "den Leuten zu sagen, in was für einer verlogenen Scheiße wir alle leben".
Er wollte ein Aufklärer sein und ein Rebell, ein Bußprediger und Mahner, das war eine seiner Rollen. Und als er im Mai und im Juni zum letzten Mal auf der Bühne stand, in Brüssel und Hamburg und Wien unter anderem, da verkündete er in einem Stück namens "Via Intolleranza II" noch einmal mit allen äußeren Anzeichen des Zorns, dass er selber und die Menschheit zum Scheitern verdammt seien. Die Erdbewohner könnten einander nicht mal helfen, der Liebende nicht seinem Geliebten und der Europäer nicht dem Afrikaner. Wer das erkenne, der müsse einsehen: "Die innere Sintflut bricht los."
Da war zum Beispiel Schlingensiefs legendärer Aufruf zur Bundestagswahl 1998. Mithilfe der Anhänger seiner eigens gegründeten Partei "Chance 2000" und sämtlicher deutscher Arbeitsloser wollte er das Urlaubshaus des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl fluten - durch gleichzeitiges Baden im Wolfgangsee in Österreich. Und da war die Ankündigung, für die Aktion "Rettet den Kapitalismus" 10.000 Zehn-Mark-Geldscheine vom Berliner Reichstagsgebäude fliegen zu lassen. Slogan: "Schmeißen Sie das Geld weg und retten Sie die Marktwirtschaft!"
Schlingensief, der Apothekersohn aus Oberhausen, hat durch solche in der Umsetzung oft kläglich verläpperten Einfälle einen heiteren Irrsinn offenbart. Er hat die Verhältnisse zum Wirbeln gebracht, wie das vor ihm im Nachkriegsdeutschland vielleicht nur Joseph Beuys gelang.
Als Leidender, als heiliger Narr wurde Schlingensief berühmt
Schlingensiefs stets (und öfter ohne erkennbares Ziel) rasende Phantasie machte ihn für Freunde und Feinde undurchschaubar. Als er 1997 auf einem Plakat zur Tötung des Bundeskanzlers aufrufen ließ, wurde er auf der Kasseler Documenta verhaftet und von den Feuilletonisten als billiger Provokateur geschmäht. Wenn er in der Berliner Volksbühne mit einem Megafon ins Publikum brüllte und sich das Hemd vom Leib riss, um zu zeigen, wie ihm die deutsche Politik gefährliche Allergiepusteln auf die Haut brennt, dann johlten die Zuschauer und ächzten die Rezensenten.
Als Leidender, als heiliger Narr, der die Übel der Welt persönlich nimmt, wurde Schlingensief berühmt. Für Filmprojekte wie das Pubertätswerk "Rex, der Mörder von London" und den späteren Klassiker "Das deutsche Kettensägenmassaker" ließ er üppig (und notfalls auch eigenes) Blut fließen.
Für Theaterabende wie "Rocky Dutschke" in der Berliner Volksbühne sprang er mit eitrigen Blasen auf der nackten Brust durchs Publikum. Der Gedanke, dass seine Kunst eine einzige üble Krankheit sei, ist keine üble Verleumdung seiner Verächter - sondern eine alte Grundüberzeugung des Entertainers und Selbstinszenierungskünstlers Christoph Schlingensief.
Schon als Teenager empfand der Autodidakt Schlingensief einen Hang zum Trash, so hat er selbst behauptet. Er drehte Schmalfilme, die zum Beispiel Titel trugen wie "Wer tötet, kommt ins Kittchen". Dann lernte er den Experimentalfilmer Werner Nekes kennen, der ihm das Kino zu einer noch schrägeren und brutaleren Kunst hindeutete. In München arbeitete der Student Schlingensief dann unter anderem als Assistent beim Kinoroutinier Franz Seitz - fürs Mainstreamkino aber war er da schon verloren.
Der Außenseiter Schlingensief hat es mit einem seiner schraddeligen, kunterbunt durcheinander erzählenden Autorenfilme namens "United Trash" dann sogar mal bis ins Programm der Filmfestspiele in Cannes geschafft. Trotzdem empfand er es selbst als erlösenden "Glücksfall", als er 1993 an die Berliner Volksbühne gerufen wurde - später erinnerte er sich: "Ich hatte ein paar Filmchen gedreht, hing sonst aber nur rum."
Als ähnliche Form der Rettung empfand er zehn Jahre später den Ruf zur Oper und zur Bildenden Kunst. Nirgends hielt er es lange aus, ständig schwirrte sein Schädel von neuen Projekten und Einfällen. "Passion impossible" hieß eine seiner Theaterarbeiten.
So aggressiv und abstoßend aber die Szenen und Geschichten manchmal wirken mochten, die in seinem Kopf entstanden, der Künstler Schlingensief selbst verstrahlte von Anfang an eine irritierende Liebenswürdigkeit und Liebesbedürftigkeit. Gut möglich, dass sich aus diesem scheinbaren Widerspruch auch die Kraft seiner Kunst nährte.
"So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein!"
Ganz sicher aber schlug Schlingensiefs poetische Herzlichkeit die Zeugen seines öffentlichen Sterbens in Bann. Anfang 2008 erfuhr er, dass er an einer besonders aggressiven Krebsart erkrankt war. Er ließ sich bestrahlen und mit Tabletten behandeln. "So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein!" hieß sein Krebstagebuch. In Interviews sagte er selbstzerknirschte Sätze wie: "Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte, weil ich nie wusste, wie man glücklich wird." Und im Sommer 2008 zeigte er beim Festival Ruhrtriennale das Spektakel "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir". Eine grandiose Feier seiner sehr vorläufigen Errettung. Mit flackernden Kerzen und Chorgesang, Kindheitsfotos und Filmbildern aus der Klinik, die ihn auf einem Bett liegend zeigen, wie er elend schluchzt: "Bitte nicht berühren!"
"Aus mir bricht eine große Wut, eine große Bösartigkeit aus", hat Schlingensief damals behauptet. In Wahrheit waren seine Auftritte und Theaterarbeiten der letzten Monate, sein Trommeln für die Gründung eines so genannten Operndorfs im Burkina Faso bei allem Furor weniger von Zorn als von einer hinreißenden Genauigkeit und emotionalen Hitzigkeit geprägt.
Aller finale Versöhnungskitsch blieb ihm fremd. "Ich stolpere durch ein Horrorgebiet", schrieb Christoph Schlingensief im April in einer E-Mail über seine Angst vor dem Tod, aber noch habe er "sozusagen Spielzeitverlängerung."
Das Spiel, das nun, ein paar Wochen vor Schlingensiefs 50. Geburtstag, zu Ende ist, hat sich durch einen Spaß und eine Leidenschaft ausgezeichnet, für die wir dankbar sein sollten.
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das einzig grenzenlose ist die menschliche Dummheit. Und noch etwas: Herrn S. als Rebell und Provokateur hinzustellen, das kann ja nur von absolut spießigen Weicheiern aus dem gut versorgten bürgerlichen Lager kommen. Wie hier [...] mehr...
Nun ja, Pocher Fans konnten sich noch nie für abstrakte Kunstformen begeistern. Die kommen nie bis zum Aha-Effekt. Bei Pocher scheint dies simpler zu sein.:-)) mehr...
Nun, Sie hätten sich Ihren Beitrag auch sparen können, denn eben genau diese kritische Funktion von Schlingensiefs Kunst habe ich beschrieben, die Sie - zugegebenermaßen etwas einfach - ebenfalls ansprechen. Allerdings muss man [...] mehr...
Der Moralist CS der sich einer verstaubten scheinbar provokanten Bildsprache bediente die im Mainstream hysterisch,kleingeistig überzeichnete Reaktionen hervorriefen,und somit vorhersehbar waren sind mir zu plakativ auf das [...] mehr...
Sehr schönes Video! Harald Schmidt ist genial - Schlingensief einfach nur peinlich. Der größte Provokateur Deutschlands ist Dr. Thilo Sarrazin - Schlingensief war dagegen nur links-liberaler Mainstream und hat offene [...] mehr...
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