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31.08.2010
 

Handy-Dauerquassler

Zieh Leine, Labertasche!

Telefonitis: Weltenlenker am unsichtbaren DrahtZur Großansicht
Corbis

Telefonitis: Weltenlenker am unsichtbaren Draht

Im ICE, auf der Straße, in der Airport-Lounge: Handy-Dauerquassler nerven überall. Sie lenken die Welt - und labern doch nur ins Nichts hinein, beschwert sich Reinhard Mohr. Eine Tirade gegen den Plagegeist mit Headset.

Wie bei vielen anderen Veränderungen des Alltags bemerkt man zunächst noch gar nichts. Erst allmählich steigen beiläufige Beobachtungen von der vorbewussten Wahrnehmung an die Oberfläche des Bewusstseins. Es begann vor ein paar Jahren, als immer mehr Menschen beim Gehen auf dem Bürgersteig mit sich selber sprachen. Nicht, dass man dergleichen nicht selbst schon praktiziert hätte, und mit wachsendem Alter scheint das Selbstgespräch sowieso immer beliebter zu werden. Frei nach Woody Allen: Das Selbstgespräch ist ein Gedankenaustausch mit jemandem, den ich mag.

Immerhin versuchten die meisten Monologisierer, ihre Lippen zu schließen, wenn der Blick eines Passanten sie traf. Ein wenig peinlich war es dann doch.

Die neueste Generation der Experten für den Ein-Mann-Dialog aber denkt gar nicht daran, dass irgendetwas an ihnen peinlich sein könnte. Im Gegenteil. Lautstark und völlig unbekümmert schicken sie ihre Wörter und Satzfetzen an die frische Luft, während sie im Strom der Menschen weiterschwimmen, als sei es das Natürlichste der Welt, die Menschheit mit Äußerungen zu beglücken, die kein erkennbares Gegenüber haben.

Eine ganz neue Sorte von Autisten scheint hier auf den Plan zu treten, selbstbewusst, gut angezogen, gerne auch in Pferdelederschuhen.

Weltengeschiebe live und authentisch

Doch wer genau hinschaut, entdeckt einen kleinen weißen Faden am Oberkörper, manchmal auch nur einen Knipser am Ohr. Jetzt ist alles klar: Sie sind "cablé", wie der Franzose sagt, "on", fully connected, verbunden mit der Welt. Sie sind die Masters of the Universe, die Weltenlenker am unsichtbaren Draht. Sie reden ins Nichts, wissen aber alles. Zum Telefonieren mit der Hand am Handy, der Mutter aller Störerplagen, sind sie zu faul oder zu ängstlich (gefährliche Strahlung!), vor allem aber: Viel zu beschäftigt.

Ihre Kommunikation, ob beruflich oder privat, ist derart pausenlos und flächendeckend, äußerst dringlich und unaufschiebbar, ja regelrecht kriegsentscheidend, dass sie in jeder nur denkbaren Haltung und bei jeder nur denkbaren Tätigkeit in der Lage sein müssen, ihre soeben gefassten Beschlüsse dem Herrn Dr. Müller-Lüdenscheid von Buffinger & Bergsdorf oder wenigstens der eigenen Sekretärin unverzüglich mitteilen zu können.

Die altmodische Reihenfolge - Denken, Niederschreiben, Abschicken, Anrufen - hat längst schon ausgedient. Heute geht es um den virtuell vernetzten Prozess globaler Kommunikation in Echtzeit, und so darf auch beim Überqueren der Straße, am Eingang eines Kaufhauses, im Zug, am Restauranttisch, auf der Toilette oder in der Sauna keine Zeit verloren werden. Das Büro, früher der repräsentative Ort distinktionsbewusster Führungspersönlichkeiten, hat sich in die profane Öffentlichkeit verlagert. Verbrachten einst nur durchgeistigte Literaten wie Jean-Paul Sartre ihre kreativsten Arbeitsstunden im Café (wobei sie sich meist recht still verhielten), so scheint sich heute der arbeitsintensivste Teil des weltweiten Managements in den ICE-Großraumwagen, Airport-Lounges, auf palmenumstandenen Terrassen und überhaupt überall dort abzuspielen, wo der Latte Macchiato fließt wie einst Milch und Honig im Paradies.

Das Schönste daran: Die Öffentlichkeit darf an all dem Weltengeschiebe ganz unmittelbar, gleichsam authentisch und live teilhaben.

Die Elite artikuliert sich unermüdlich

Wenn Sie, liebe Leser, einmal in die Details der modernen Kohleverstromung, ins weite Feld der drängenden Absatzprobleme für Damenhandcremes oder die Untiefen der industriell gefertigten Babynahrung eintauchen wollen, fahren Sie einfach mal im ICE von Hamburg nach Berlin und zurück. Irgendwo wird ganz sicher ein Herr in Hörweite sitzen, der sich auf höchstem Niveau und äußerst vernehmlich über diese und andere Fachgebiete artikuliert. Selbstverständlich hält er immer wieder mit der Konzernzentrale regen Austausch: "Sagen Sie dem Kollegen Klöbner, dass die PX 3200 morgen von der Rampe muss!"

Sonst droht die Konventionalstrafe, ergänzen Sie murmelnd.

Man denkt ja mit.

Wie gebannt also werden Sie lauschen und Ihren zerfledderten Liebesroman freiwillig beiseitelegen. Schlafen oder dösen, ruhig aus dem Fenster in die Landschaft schauen oder einfach vor sich hin träumen können Sie zwar auch nicht - aber dafür kann Ihnen niemand mehr das wohlige Gefühl nehmen, dass die Welt zu jeder Tages- und Nachtzeit in den tatkräftigen Händen einer unermüdlich arbeitenden Führungselite ist.

Sagen Sie selbst: Wo findet man derartige Geborgenheit heute noch?

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insgesamt 117 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.09.2010 von moppelfrett: ...

Ähm...ja. Oder Sie gehen einfach nicht dran. Wenn ich im Büro bin, bin ich im Büro erreichbar. Wenn nicht, dann nicht. Zudem hab ich ja auch nicht von "allen" Telefonierern dieser Welt gesprochen, sondern von dem [...] mehr...

13.09.2010 von ohno: ...

Und überall laufen fremde Menschen herum und stören die Aussicht! Es ist ein Graus! mehr...

12.09.2010 von Peddersen: ...naja....

konnte er nicht wissen- aber als Selbstständiger in der Baubranche zieh ich mir DEN Schuh nicht an..... Ich bemerke aber immer öfter, daß ich auf der einen Baustelle per Telefon die Probleme der anderen Baustelle löse - bzw. [...] mehr...

02.09.2010 von Saggse: @markolito1 & @Kermit2

Ich glaube nicht, dass ich was falsch verstanden habe, siehe auch die "Anekdote" über den Herrn, der die ihm gegenübersitzende Dame verwirrt hat, wiel er so leise in sein Headset redete, dass diese nicht wusste ob er [...] mehr...

02.09.2010 von markolito1: da haben sie aber etwas gewaltig

missverstanden, es ging hier in der diskussion um telefonate mit doch etwas lauteren pegel. wer sich normal unterhält, so wie alle anderen auch stört ja niemand. wenn das telefonat ebenso laut ist kein problem. aber die meisten [...] mehr...

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Reinhard Mohr

Reinhard Mohr, Jahrgang 1955, studierte in Frankfurt am Main Soziologie und arbeitete als Autor für "Pflasterstrand", "taz" und "FAZ". Bevor er von 1996 bis 2005 als Kulturredakteur zum SPIEGEL ging, schrieb er unter anderem auch Kabaretttexte für Michael Quast und Matthias Beltz. Reinhard Mohr lebt und arbeitet als freier Autor in Berlin-Mitte. Letzte Veröffentlichungen : "Generation Z oder Von der Zumutung, älter zu werden" (Argon Verlag, 2004), "Das Deutschlandgefühl" (Rowohlt, 2005) und "Der diskrete Charme der Rebellion" (Wjs, 2007).

Buchtipp

Reinhard Mohr:
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Beobachtungen eines Stadtneurotikers.

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