Von Hobbykoch Peter Wagner
BBQ - das ist weltweit so bekannt wie BMW, CIA oder BBC. Die sprachlichen wie kulinarischen Wurzeln dessen, was in ganz Amerika als "Barbecue" noch immer die mit Abstand beliebteste Fleischzubereitungsart ist, liegen auf der Insel Hispaniola im heutigen Haiti.
Während der französischen Kolonialzeit auf Hispaniola sorgte die Bevölkerungsmischung aus Europäern, Indio-Ureinwohnern und afrikanischen Sklaven für ein Essens- und Sprachdurcheinander, das nicht nur die kreolische Küche gebar, sondern auch die Kurzform des von den Franzosen eingeführten "Barbe à Cul": die Bezeichnung für "vom Kopf bis zum Hintern" im Ganzen auf Drehspießen gegrillte Tiere.
BBQ als Zubereitungstechnik und Lebensgefühl zugleich durchzieht denn auch Geschichte und Geschichten der europäischen Siedler, die in ihren endlosen Trecks durch den nordamerikanischen Kontinent gen Westen zogen. Bis nach dem Bürgerkrieg immer dabei: Grillrost, Dutch Oven (großer, gusseiserner Topf mit drei Füßen in der Glut und Deckel oben drauf) - und die Eigenart, all das so schnell wie möglich wieder zu vergessen, sobald man es zu ein bisschen Grundbesitz und Geld gebracht hatte. BBQ? Das wurde im Laufe der Jahrzehnte in Amerika immer mehr zum Brandzeichen für Unterschichten, Wanderarbeiter oder schwarze Sklaven.
Die Mittelschicht in den Suburbs entdeckte BBQ als Lebensgefühl
Letztere entwickelten nicht zuletzt deshalb viele bis heute weltweit gültige Grillgrundregeln. Sie mussten das kochen, was die weißen Unterdrücker übrig ließen. Rippenstränge zum Beispiel, von denen das meiste verwertbare Fleisch längst abgeschnitten war. Die Leibeigenen in den Südstaaten wurden auf diese Weise wahre Spareribs-Meister: erst in Salzwasser fast gar kochen (die Kochflüssigkeit der Rippchen ergab gleichzeitig eine kräftige Suppengrundlage), nach dem vollständigen Abkühlen 20-30 Minuten räuchern, dann über der Glut kross braten - und erst ganz am Ende mit einer kräftig-scharfen BBQ-Sauce nappiert genüsslich abkauen.
Auch nach Abschaffung der Sklaverei war das Garen am offenen Feuer in den USA lange Zeit eher ein Unterschichtenthema. Erst in den fünfziger Jahren erlebte das Grillen die erste große Renaissance seit der frühen Siedler-Ära: Die neu entstandene Mittelschicht in den endlosen Holzhaus-Suburbs mit ihren grünen Gärtchen entdeckte BBQ als Lebensgefühl, das kollektive Erinnerungen an frühere, vermeintlich freiere Zeiten auslöste. Damit steckte sich bald auch die Oberschicht an, und Amerikas Nouveau Riche feierte ausschweifende Grillpartys - mit dem von George Stephen 1952 erfundenen Kugelgrill waren dank des hohen Deckels nun auch indirekte Grillmethoden möglich, bei denen wegen der milden Hitze das Grillgut auch vor dem Garen mariniert werden darf.
Hierfür werden bei einem Gasgrill mit mehreren Brennern nur die nicht direkt unter dem Gargut liegenden Heizkreise bei niedriger Flamme betrieben. Beim Kohlegerät wird die gut durchgeglühte Holzkohle ringförmig nach außen geschoben. Damit bereiten bis heute viele Amerikaner sogar ihren Thanksgiving-Truthahn zu, und bei so mancher deutschen Großfamilie brutzeln mangels Übergrößenbackofen gleich zwei Weihnachtsgänse nebeneinander auf dem Gasgrill-Rost im Schnee vor der Küchentür.
Der Bierdosen-Grilltrick wurde in den vierziger Jahren erfunden
Ebenfalls gern eingesetzt wird die Methode, Geflügel im Ganzen hochkant zu grillen. Entsprechende Sockel zum Aufstecken des Brathuhns gibt es in jedem Supermarkt in vielerlei Ausführungen - aber das Vorbild für alle ist der in den USA in den vierziger Jahren erstmals gesehene Trick, den Gockel auf eine halb ausgetrunkene Bierdose zu stecken und ihn aufrecht zu grillen.
Das ist ziemlich clever, denn zum einen sorgt das verdunstende Bier für eine Art saftige Dampfgarung von innen, zum anderen gleicht diese Methode die Garzeitenunterschiede (Schenkel brauchen etwas länger als das Brustfleisch) der verschiedenen Fleischteile halbwegs aus.
Um das Bier ist es nicht weiter schade. Das "Budweiser" der US-Brauerei Anheuser Bush, das wir für das Original-Rezept "Chicken on Bud" im Internet aufgetrieben haben (es darf in Europa aus lizenzrechtlichen Gründen eigentlich nicht vertrieben werden) schmeckt ohnehin viel amerikanischer als das tschechische Vorbild - und auch dieses Dünnbier wurde durch die vorgeschriebene Pasteurisierung bei 70 Grad in der Dose noch weiter denaturiert.
Macht nichts, denn dafür mundet der ausgesprochen kross-saftige Broiler all jenen ganz hervorragend, die trotz Jonathan Safran Foer noch den Anblick ganzer toter Tiere mit gespreizten Beinen über glühender Kohle ertragen können.
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