Von Tobias Becker
Die Kollegen des Wirtschaftsmagazins "Capital" kümmern sich um die wichtigen Fragen, es sind Fragen aus der Welt der Konzerne und des Konsums - und manchmal auch Fragen aus der Welt der Kultur. "Was ziehe ich an zur Theaterpremiere in der Hafencity Hamburg?", ist eine dieser Fragen. Im Septemberheft steht sie auf Seite 140, auf einer dieser Seiten, die Anzeigenkunden lieben, weil unter einem hübschen Vorwand viele hübsche Produkte aufgelistet sind, nebst Preis und Internetadresse des Anbieters.
Falls Sie sich schon immer gefragt haben, woran Sie den klassenbewussten "Capital"-Leser an einem klassenkämpferischen Theaterabend erkennen können - reißen Sie die Seite aus und nehmen Sie sie mit zur Uraufführung der Schiffsrevue "Vor uns die Sintflut". Der "Capital"-Leser wird dort eine "Ausgeh-Kombi" aus Kaschmir für 1410 Euro ("Legerer Kontrast zum Abo-Publikum") tragen, eine Horn-Sonnenbrille für 199 Euro ("Auch bei Scheinwerferlicht die See nicht aus den Augen verlieren"), einen Seesack für 155 Euro ("Wenn die Sintflut kommt, passt alles Hab und Gut hinein"), ein Messing-Spektiv für 44,95 Euro ("Das Opernglas für Freibeuter") und, ein bisschen Distinktion muss erlaubt sein, eine Automatikuhr im Rotgoldgehäuse für 171.000 Euro ("Da macht man selbst auf dem Sonnendeck große Augen").
Zirkuszelt im Reichenghetto
"Das ist ja zum Brüllen komisch", sagt Schorsch Kamerun, 47. "Die meinen das ernst, oder? Wie können die das ernst meinen?" Kamerun ist Sänger der Diskurs-Punkband Goldene Zitronen, Mitbetreiber des linksalternativen Golden Pudel Clubs - und Regisseur der hysterisch-surrealen Revue "Vor uns die Sintflut", in der auf einem Luxusdampfer Reich und Arm aufeinanderprallen, Touristen und Malocher, Reisende und Flüchtlinge, Oberdeck und Unterdeck. "Ein Schiff ist ein schönes Setting", sagt er, "eine 1a-Klassenmetapher." In Szene setzen wird er sie in einem Zirkuszelt am Strandkai, in Hamburgs Reichenghetto Hafencity, das betuchten Bewohnern einen industrieromantischen Ausblick auf Containerhafen und Hafenarbeiter bietet - ansonsten aber noch etwas steril wirkt.
Kamerun, der vor vier Wochen aus München zurück nach Hamburg gezogen ist, hat darüber nachgedacht, ob es okay ist, an diesem umstrittenen Ort der Hamburger Stadtentwicklung aufzutreten - und ihn dadurch kulturell zu beleben, ihn aufzuwerten. Sein Ergebnis: Es ist okay, genauso okay wie ein Auftritt mitten in der Stadt. "Die subventionierte Kunst tritt meist in den Zentren auf, auf den Promenadendecken", sagt Kamerun. "Ich glaube, wir thematisieren den Ort, an dem wir spielen, das ist der Unterschied. Wir machen das Projekt nicht, um die Hafencity hip zu machen." Hinzu kommt, dass er in seinem kulturellen Umfeld, in seinem Kiez, in seinem Club keinen mehr bekehren könnte: "Das Spielen im eigenen Saft kann langweilig sein."
Sechs Wochen en suite
Das Zirkuszelt und sein Standort passen perfekt zur klassenkämpferischen Schiffsrevue, geboren aber ist das Setting aus der Not, da die Außenspielstätte Gaußstraße rundum erneuert wird - und erst Ende Oktober wieder teilweise zur Verfügung steht. Mit Kameruns Uraufführung startet das Thalia-Theater in die zweite Spielzeit unter Intendant Joachim Lux. Die Show wird nicht im üblichen Repertoire-Betrieb laufen, bei dem sich verschiedene Inszenierungen Abend für Abend über die ganze Spielzeit hinweg abwechseln, sondern sechs Wochen lang en suite, an 23 Abenden insgesamt. Dann ist Schluss.
Krank werden sollte in diesen sechs Wochen niemand, da keine der Rollen doppelt besetzt ist. Und allzu schlechtes Wetter geben sollte es auch nicht: "Die Frequenz von Regentropfen scheint auf der Frequenz von Sprache zu liegen", sagt Kamerun. "Wenn es richtig stark regnet, versteht man im Zelt nur Rauschen."
Nun ja, das kann heiter werden, im Hamburger Herbst. Zur Not tröstet eine Zeile aus einem alten Song der Goldenen Zitronen, den Kamerun in seiner Inszenierung recyceln will: "Ja, für eine Fahrt ans Mittelmeer, Mittelmeer, Mittelmeer, geb' ich meine letzten Mittel her, Mittel her, Mittel her".
Vor uns die Sintflut. Uraufführung am 4. September, weitere Aufführungen am 5., 8., 9., 10., 16., 17., 18., 19., 23.-26., 29. und 30. September, Thalia im Zelt, am Strandkai in der Hamburger Hafencity, nahe Marco-Polo-Terrassen / Unilever-Haus, Kartentelefon 040/32 81 44 44.
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