Von Sven Siedenberg
Keiner hat das Lebensgefühl der achtziger und neunziger Jahre in eine so aufregende Formensprache gebracht wie der französische Star-Designer und Innenarchitekt Philippe Starck. Seine Lampen und Stühle, Zitronenpressen und Zahnbürsten sind weltweit Bestseller, seine Hotels allesamt schrill inszenierte Traumlandschaften.
"Ich habe keinen Stil", behauptet er ein wenig kokett. Aber es stimmt: Ein Blick in sein neu aufgelegtes und von ihm selbst gestaltetes Werkschau-Buch "Starck", das 1996 erstmals erschien und alsbald vergriffen war, dokumentiert auf optisch höchst ansprechende Weise seine schier überbordende Phantasie.
Und so verstößt er gegen sämtliche Regeln, bedient sich hemmungslos in der Kunstgeschichte (das "Mondrian"-Hotel in Hollywood etwa macht spektakuläre Anleihen bei den Surrealisten) und lädt seine Arbeiten immer wieder mit Zitaten aus der Alltagskultur auf - wie seinen Plastikhocker in Form eines Gartenzwergs. Die ironische Haltung findet sich auch in den Namen seiner Arbeiten wieder: "Hot Bertaa" nennt sich ein Wasserkessel, "Olly Tango" ein Stuhl, "Jim Nature" ein Fernseher.
Übertroffen wird der Designer Starck in seiner eigenwilligen Kreativität und pulsierenden Energie nur noch von dem Innenarchitekten Starck: Als "Kulträume" werden seine Ausstattungen schon seit Jahren gefeiert. Und als 1989 die Innenräume des New Yorker Hotels "Royalton" fertig waren, sorgten die komplett verspiegelten Badezimmer dafür, dass er zum "Rockstar des modernen Designs" ausgerufen wurde. Doch nicht nur für die Reichen und die Schönen baut und plant Starck. Er propagiert die "Demokratisierung des Luxus", weshalb er 1993 das Fertighaus "Starckinette" entwarf, das inklusive Einrichtung per Katalog bestellt werden kann.
Inzwischen ist Starck, der sich in dem Buch in Rittermontur mit seiner Tochter Ara ablichten lässt oder gar zur indischen Gottheit stilisiert, jenseits der 50. Da kommt man schon ins Grübeln. "Der Designer, der glaubt, dass er nur dazu da ist, die Dinge schöner zu machen, damit sie sich besser verkaufen, ist schwachsinnig oder bestechlich," findet er. Und kürzlich drohte er: "Ich mache Schluss." Weil alles schon da sei, was der Mensch brauche. Das Schöne wollte er durch das Gute ersetzen und widmete sich Ökologie und Philosophie.
Doch zum Glück hat sich der Herr der Dinge noch einmal anders besonnen. Zuletzt entwarf er sogar Mode: Den so genannten "Wolford-Schlauch", ein schulterfreies Minikleid, das sich bei Bedarf in eine knöchellange Abendrobe mit Spaghettiträgern verwandeln lässt. Daraus wird dann sicher auch bald ein ganz wunderschöner Bildband.
"Starck". Benedikt Taschen Verlag, Köln; 448 Seiten; 49,95 Mark.
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