Von Gunnar Luetzow
Ein nostalgischer Hauch durchweht das Werk der jungen amerikanischen Künstlerin Christine Hill - Bauchläden, Second-Hand-Boutiquen, Tourismus. Nun, da sich im Zeitalter der rasant ansteigenden Übertragungs- und Speicherkapazitäten schon der Moment abzeichnet, an dem das Internet den Fernsehstar killt, erbarmt sich die Teilnehmerin der documenta X eines weiteren, bald vergangenen Highlights: Der TV-Talkshow. Vom 9. September an zeigt sie in der New Yorker Feldmann Gallery die Ausstellung "Pilot" die komplette Entstehung einer Late Night Talkshow.
Doch wird nicht etwa auf einem Monitor in einem ansonsten leeren Raum ein bereits perfektes Produkt präsentiert, das sich nur unwesentlich von seinen Vorbildern unterscheidet. Statt dessen wird für den Besucher der gesamte Herstellungsprozess in seinen unterschiedlichen Phasen und Aspekten transparent gemacht: Sowohl ein kleines Studio, in dem am 6. Oktober die Aufzeichnung der Show stattfindet, als auch das Büro, von dem aus alles organisiert wird, sind zu besichtigen. Natürlich darf auch der typische Gästeraum nicht fehlen, in dem sich die Talk-Gäste vor ihrem Auftritt entspannen sollen - Man auf ein spannendes Ergebnis gespannt sein, denn Christine Hill unternimmt den mutigen Versuch, mit den Mitteln des Mediums eine überzeugende Alternative zum Fernsehen, wie wir es kennen, vorzustellen.
Dabei ist sie kein Glotzenjunkie und ihr Fazit ist nach eingehender TV-Recherche ernüchternd: "Bei den Shows im Tagesprogramm geht es immer um irgendwelche armen Leute, die aus dem Landesinneren da hingeschleppt werden und jetzt ihr Leid dem ganzen Land berichten dürfen. Das ist ein echt hartes Ding. Als ich einmal bei einer Talkshow im Studio war, betrug der Gesamt-IQ des Publikums etwa 100. Draußen war ein superschöner Tag, aber weil Tickets und Frühstück gratis waren, gingen die Leute dahin." Ihre Kritik richtet sich jedoch nicht nur gegen das Medium Fernsehen und seine oft fragwürdigen Inszenierungen, sondern darüber hinaus gegen den von Autoren wie Neal Gabler ("Life, the Movie") beschriebenen Trend, auch den restlichen Teil der Wirklichkeit nach den Kriterien des Showbiz umzubauen.
Hills absoluter Traumgast wäre die populäre TV-Moderatorin Barbara Walters: "Sie tut immer so, als wäre sie mit all diesen Berühmtheiten befreundet. Und was auch immer ihre Gäste im Leben erreicht haben, immer fragt sie: Was hält Ihre Frau davon? Die in meine Fernsehshow zu kriegen wäre ideal. Das wird aber wahrscheinlich nicht klappen, weil man sie nur ironisch befragen könnte - was wiederum keiner ihrer Leute erlauben wird."
Trotz aller Skepsis ist Christine Hill ihrem erklärten Idol schon näher gekommen. Auch wenn man nie so genau weiß, ob sie ihn nun ironisch oder unironisch verehrt: Den Talkmaster Conan O'Brian, über den sie wohl mehr weiß als viele andere. "Biographische Details haben mich immer interessiert. Schon als Kind sucht man sich ja seine Stars aus und lernt alles über sie. Die Zeitschriften veröffentlichen alles, als ob es etwas ganz Besonderes wäre: Conan O`Brian ist am 17.4.63 geboren worden! Aber was soll das, kenne ich ihn dadurch näher? Ich finde es interessant, wie sehr sich die Leute mit der Biographie von anderen beschäftigen, schließlich sollte man sich doch mal mit seiner eigenen beschäftigen. Das ist es schließlich, was zur Verfügung steht."
Christine Hill: "Pilot". Ronald Feldman Fine Arts, 31 Mercer Street, New York, NY 10013; Dienstag-Samstag von 10-18 Uhr
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