Von Gunnar Luetzow
Nur mit Mühe erkämpft sich der Besucher den Zutritt zur aktuellen Ausstellung "Apocalypse - Beauty and Horror in Contemporary Art" in der ehrwürdigen Londoner Royal Academy of Arts: Gebückt zwängt er sich durch eine kleine, tief angebrachte Klappe und verliert zwischen den engen, rauhen Wänden eines kleinen Labyrinths sofort die Orientierung. Ist er in einem gruseligen Verlies gelandet? Und wer lauert um die Ecke? Doch in Gregor Schneiders "Keller" wartet nicht etwa der Schrecken, sondern eine Discokugel.
Dieses Aufeinandertreffen von Grauen und Glamour ist bezeichnend für die momentane Verfassung der Londoner Kunstwelt. Die interessanteste Frage anlässlich von "Apocalypse" war daher nicht, wie paradox doch die klinisch reine allwissende Müllhalde von Tim Noble und Sue Webster wirkt. Stattdessen wurde eher bedauert, dass Jarvis Cocker von Pulp doch nicht bei der Fundraising-Party aufgelegt hat. Aber immerhin wurden Elton John, Courtney Love und Ewan McGregor gesichtet. Auch nicht zu übersehen: Prada, und zwar nicht nur als Marke, sondern auch in Gestalt von Miuccia Prada persönlich.
Für den schnellen Schock zwischendurch sorgen Roger und Dinos Chapman, die sich an Goyas "Schrecken des Krieges" versucht haben. 83 handkolorierte Radierungen, die vom Duktus irgendwie niedlich und von den Motiven irgendwie grausig daherkommen und mit vielen Swastikas deutlich machen: Böse! Zusätzlich ist vermerkt: "Sexy Heil Motherfucker". Die Chapmans sind es auch, die mit "Hell" das Kernstück der "Apocalypse" liefern: Neun in Form eines Hakenkreuzes plazierte Schaukästen zeigen ein Inferno, in dem tausende von Spielzeugsoldaten massakriert werden. Über dem Eingang des Lagers steht "Kunst macht frei", und in weißen Kreisen auf rotem Grund prangt: ein Smiley. So weit, so preiswert: Erworben hat das Werk nämlich der Kunstsammler und Werbeguru Charles Saatchi, der in diesem Fall wohl niemanden mehr für die Pressearbeit engagieren muss.
Nicht viel besser ist es um die Saatchi Gallery, die Heimat der einst schockierenden "Young British Artists", bestellt, in der derzeit mit "Ant Noises 2" wieder einige der üblichen Verdächtigen von Damien Hirst bis Sarah Lucas vorgestellt werden. Da kann Tracey Emin mit noch so starken Arbeiten versuchen, die volle Kontrolle über eine erschütternde Biographie zurückzugewinnen und ihre gesammelten Einsamkeiten und Verzweiflungen auf Decken nähen - das besser verdienende Publikum kommt dennoch mit der Jubiläumsausgabe von "Vanity Fair" unter dem Arm und betrachtet die Galerie als Jahrmarkt der Eitelkeiten: Neues Piercing, neue Tasche, neues Kind.
Haben Pop und Promis also die Kunst komplett gegessen? Nicht ganz: In der auf eine lange Tradition des Engagements zurückblickenden Whitechapel Gallery im Londoner Osten wird derzeit mit "Protest and Survive" von Paul Noble und Matthew Higgs noch einmal der "bescheidene Versuch" unternommen, "die politische Stimme zu finden, die immer wieder unter den Teppich gekehrt wird". Wo mit so hohen Einsätzen gespielt wird, geht natürlich einiges verloren: So wirkt der ebenfalls in der "Apocalypse" vertretene Wolfgang Tillmanns ambivalent: Auch wenn er in seiner Fotoinstallation auch Aufnahmen eines nächtlichen Hubschraubereinsatzes über Los Angeles oder streikender Arbeitskräfte zeigt, bleibt dennoch ein Nachgeschmack von Lifestyle.
Dessen garantiert unverdächtig sind die Arbeiten Paul Grahams, der Mitte der achtziger Jahre in Sozialämtern fotografierte: Vier Generationen Hoffnungslosigkeit finden sich im Neonlicht der schäbigen Räumlichkeiten ein, präzise dargestellt wird in dieser eigentümlichen Leere die absolute Abwesenheit all dessen, was ein Leben zumindest zumutbar machen würde. Ebenfalls so ergreifend wie schlicht ist Richard Hamiltons "Behandlungszimmer", das den Charme des während der Thatcher-Jahre ausgebluteten Gesundheitswesens versprüht. Auf einem Monitor, der über einer leicht schmuddeligen Liege angebracht ist, hält die eiserne Lady in kleinbürgerlich-idyllischem Ambiente ihre Antrittsrede. Wir haben verstanden, und wenn nicht, nehmen wir uns am Ausgang ein Poster von Felix Gonzalez-Torres und Christopher Wool für den Heimweg mit, sofern es einen gibt: "Die Show ist vorbei. Die Zuschauer stehen auf, um ihre Plätze zu verlassen. Zeit, die Mäntel einzusammeln und nach Haus zu gehen. Sie drehen sich um. Keine Mäntel mehr und kein Zuhause".
Royal Academy of Arts: "Apocalypse - Beauty and Horror in Contemporary Art". Bis 15. Dezember
Saatchi Gallery: "Ant Noises 2". Bis 26. November
Whitechapel Art Gallery: "Protest & Survive". Bis 12. November
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