Berlin - Ihre späte Feindschaft war größer, viel größer, als es ihre frühe Freundschaft jemals war. Peter Hacks, der am vergangenen Donnerstag gestorben ist, und Heiner Müller. Die zwei intellektuellen Herrscher und Beherrscher der DDR, die einsamen Kämpfer um den nach Brechts Tod verwaisten, großen, allzu großen Dramatikerthron. Anfangs kämpften sie gemeinsam. Hacks, der früh Etablierte und Gefeierte, der 1955 von München aus ins einzig wahre Dichterland übergesiedelt war, und Müller, der, lange bevor Hacks ähnliches widerfuhr, von den DDR-Behörden attackiert, zensiert und aus den offiziellen Staatsgremien ausgeschlossen wurde. Kaum jemand protestierte damals. Niemand verteidigte Müller in der entscheidenden Sitzung des Schriftstellerverbandes, aus dem Müller 1961 ausgeschlossen wurde. Niemand außer Hacks. Später wurden sie erbitterte Feinde. Aus Neid. Aus Selbstsucht. Vielleicht auch aus Liebe zu einer Frau.
Im Nachlass Heiner Müllers, den das Archiv der Berliner Akademie der Künste verwahrt, findet sich, in einer Fülle von Notizen, Entwürfen und kurzen Bemerkungen, immer wieder der Name Hacks, immer wieder der Name des alten Freundes. Und es findet sich ein Blatt mit Grundsätzlichem. Ein spätes, handschriftlich beschriebenes Blatt, das wir hier erstmals veröffentlichen und auf dem Müller sich rückblickend, nicht ohne späte Boshaftigkeit, um eine Einordnung des Werkes seines liebsten Feindes, des "Nurphilosophen", wie er ihn hier nennt, bemüht. Und blättert man weiter, immer weiter durch viele Seiten pergamentenes, vergilbtes Papier mit Müllers schwer lesbarer Handschrift, durch das Labyrinth des Entworfenen, Erdachten und Erhofften, gelangt man irgendwann zu einer kleinen Sammlung einiger Papiere, eingeschlagen in ein geknicktes weißes Blatt. Darauf steht: "P. Hacks".
Es sind Briefe und Postkarten, die Peter Hacks an Heiner Müller schrieb. Bislang unveröffentlichte, herzliche Übereinkunft verkündende Dokumente aus der Zeit ihrer größten Freundschaft. Und hämisch-ironische aus der Zeit danach. Auf den ersten, handschriftlichen Postkarten aus dem Jahr 1958 preist Hacks Müllers frühes Stück "Lohndrücker", das zunächst an allen Bühnen abgelehnt worden war. Hacks, der damals als steil aufsteigender Komet am Theaterhimmel galt, hatte in den unterschiedlichsten Publikationen verkündet, dass Müller mit diesem Stück bewiesen habe, "der derzeit begabteste Autor für das Theater der Deutschen Demokratischen Republik" zu sein, und empfahl ihn dringend als Zuarbeiter, für die "mobilen dramatischen Brigaden", mit denen Hacks das Theater bis in die letzte Ecke des großen Dichterlandes tragen wollte.
Und sogar bis nach Ungarn. "Meine Lieben", schreibt er auf einer Postkarte, die er 1958 von einer Theaterreise nach Budapest an Heiner Müller und seine Frau Inge sandte, "ich habe hier im Radio behauptet, dass alle Ungarn ,Lohndrücker' spielen müssen, aber es hat keinen Zweck; sie finden das Stück völlig dogmatisch. Ein intelligentes Volk", fügt er ironisch an und endet: "Seid schön brav, während wir weg sind, schreibt mal ein Stück. Viele Grüße von dem Peter." Und auf einer Karte aus Bitterfeld bittet der Dramenbrigadist um die Zusendung eines "Lohndrücker"-Exemplars, dann würde er "Herrn Müller" gerne später berichten, "was ich damit unter den Proletariern erlebe. Schönen Gruß auch an die Inge. Bestens Peter Hacks."
Die Inge. Neben der Begeisterung für den Dramatiker Heiner Müller war dessen Frau Inge Müller ein zweiter, vielleicht wichtigerer Anziehungspunkt, der Hacks mit diesem verband. Ein herzliches und schwieriges Verhältnis zwischen zwei Männern und einer Frau Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre. Und Hacks war mit seiner Begeisterung offenbar nicht allein. Viele Männer lagen Inge Müller zu Füßen. Rückblickend schrieb ihr Mann: "Eigentlich waren alle in Inge verliebt, Hacks auch." Und Peter Hacks hatte wohl ein besonders enges Verhältnis zu ihr. Er war der einzige, der sich traute, Inge Müller offen zurechtzuweisen, als diese im Laufe der Jahre immer mehr dem Alkohol verfiel und sich immer aggressiver gebärdete. "Halt die Schnauze!" habe Hacks sie einmal angeschrien, erinnerte sich Müller und fragte sich, ob nicht auch er, der sie immer und immer gewähren ließ, ihr Grenzen hätte aufzeigen müssen.
Dass die fatale Abhängigkeit von ihrem Mann, dem Dramatikerkönig, einer der Gründe gewesen sei, der Inge Müller mehr und mehr verzweifeln ließ, erkannten viele. Hacks hat es ihr einmal sehr deutlich geschrieben. Sie antwortete ihm, es sei schön, dass er sich sorge, aber es interessiere sie nicht sehr, und außerdem: "Auch wenn du mir böse bist, weil ich lieber dem Müller den Dreck wegräume, als mit dir zu arbeiten. Ich liebe ihn. Genügt dir das?"
Nein, es genügte ihm nicht und - vielleicht hat es sich Müller ausgedacht, vielleicht ist es wirklich so passiert: Der endgültige Bruch zwischen Hacks und Müller. In seinen Erinnerungen "Krieg ohne Schlacht" erzählt er vom Tode seiner Frau 1966: "Bei der Beerdigung habe ich mir endgültig Peter Hacks zum Feind gemacht. Ich stand da so ungünstig, und alle mussten mir kondolieren, und Hacks stolperte über eine Unebenheit und fiel vor mir auf die Knie. Natürlich durfte niemand lachen." Ein Kniefall vor Heiner Müller, ein Kniefall vor dem Grab der Frau, die sie beide liebten. In einem Ringen um den ersten Platz, einem Ringen um Repräsentanz und Haltung, den die beiden Dioskuren ausfochten, genügte scheinbar ein symbolischer Moment, um das dünne Band zu zerschneiden, das die gemeinsamen Kämpfer verband.
Konkurrenz und Konflikte gab es von Anfang an. Auch unter den jetzt entdeckten Briefen ist einer, in dem Hacks schon 1961 die Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Theaterprojekt für das Deutsche Theater aufkündigt, da Müller notorisch unzuverlässig sei. Ein Selbstbewusstsein, ja, scheinbar schon Geniekult, der Hacks sehr störte: "Mit großem Scharfblick habe ich erkannt, dass, wenn Dir schon der Sinn für Termine abgeht, es mit dem Sinn für geregelte Tätigkeit nicht besser bestellt sein wird. Ich meine, es kostet mich entsetzliche Mühe, mich zur Arbeit anzuhalten; es ist über meinem Vermögen, Dich zur Arbeit anzuhalten. Schönstens, bis bald, Peter."
Für die breite Öffentlichkeit wurde der Bruch der beiden erst im Jahr 1973 deutlich, als Hacks ein Epigramm "Auf Macbeth von Heiner Müller" veröffentlichte. Barbarisch sei das Stück, fand Hacks: Müller habe Shakespeare zum Krüppel geschlagen und "aus dem Original ein zeitbezogenes, schlechtes Stück gemacht". Zuvor schon hatte er Wolfgang Harich animiert, gegen das Stück vorzugehen. "Da muss man doch was dagegen tun, aber ich kanns nicht machen, als Kollege." Hacks, der inzwischen selbst mehrfach mit der Zensurbehörde in Konflikt geraten war, war wohl am meisten über die Anmaßung Müllers empört, sich quasi als Wiedergänger Shakespeares zu gebärden.
Obwohl er selber wenige Jahre zuvor Müllers Nachdichtung von "Philoktet" noch scheinbar neidlos "besser als von Sophokles" genannt hatte. In einem der jetzt gefundenen Briefe rät er dem Dichterkollegen, der dieses Stück bei Suhrkamp veröffentlichen wollte, zu großer Vorsicht: "Der Unseld will immer Verträge machen, wie er will und nicht wie der Dichter will. Auch muss man all seine Verträge gut lesen; denn er bescheisst. Grüss die Inge, schönstens Peter."
In den siebziger Jahren, als Müller mehr und mehr zu dem streitbaren intellektuellen Repräsentanten wurde, der Hacks so gerne gewesen wäre, zog er sich ästhetisch immer weiter in einen historisierenden Klassizismus und politisch in einen verbohrten Stalinismus zurück, feierte den Mauerbau, die Ausweisung Biermanns und sah nach Ulbrichts Absetzung fast überall nur noch Niedergang und Verfall.
Müller schreibt dazu in seiner jetzt gefundenen Hacks-Notiz: "Der 'Nurphilosoph' - einmal an den Punkt gekommen, wo er das sozialistische Experiment, für das er sein Leben + sein Denken reduziert hatte - für gescheitert (+ abbruchreif) hielt -" hier bricht Müller ab. Da kam nichts mehr bei Hacks, so wie Heiner Müller ihn sah. Und setzt neu an: "davor der Versuch Brecht zu legitimieren indem er versuchte, ihn in seinem geliebten 19. Jahrhundert unterzubringen, neben Ibsen (dem bürgerlichen Liquidator der Tragödie)". Und wieder Brecht also, um dessen Stuhl sie beide zeitlebens stritten. Und auch Müller, am Anfang der Notiz, erklärt: "Hacks - fester Platz in der Literaturgeschichte". Doch dann wird auch dieses Lob sogleich vergiftet mit dem spöttischen Zusatz: "als Erfinder des klassizistischen Kabaretts".
Da half keine Vermittlung mehr. Die beiden waren Feinde. Und zumindest Hacks zelebrierte diese Feindschaft auch. Im Januar 1986 sandte er Heiner Müller zwei Schmähgedichte auf diesen. "Lieber Heiner", schrieb Peter Hacks, "ich habe folgende Gedichte geschrieben, in denen Du vorkommst." Der Aufbau-Verlag, so erklärte Hacks, wolle die schönen Anti-Müller-Gedichte nur in dem Falle drucken, "dass Du Dich nicht beleidigt fühlst". "Vielleicht ist Dir", so schreibt er, "an der Erhaltung der beleidigenden Gattung gelegen, und vielleicht bist du bereit, darüber ein Statement abzugeben." Hacks bereitete das Statement schon einmal vor: Müller möge erklären, daß Müller weder in der Öffentlichkeit noch in seinem Herzen Vorwürfe gegen die nebenstehenden Gedichte von Peter Hacks erheben werde.
Natürlich legt er noch ein zweites Statement bei, in dem Heiner Müller das Gegenteil unterschreiben konnte. In dem Textkonvolut, das sich im Archiv befindet, ist jedes Statement zweimal erhalten. Die Kopie sollte Müller zurücksenden. Er sandte sie nicht zurück, und natürlich veröffentlichte Hacks die Gedichte trotzdem. Als letzte literarische Dokumente einer herzlichen, großen, unversöhnlichen, deutschen Feindschaft.
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