Von Georg Seeßlen
Tsunami bei Penang: Neue Welle unbarmherziger Bilder
Nach der großen Welle, die weite Landstriche in Südasien verheerte, haben wir eine neue Erzählung und neue Bilder der Katastrophe in unserer Welt. Weil die Welle an sich nicht recht ins Bild zu bannen war - ihr Anblick scheint nur wenig über ihre Zerstörungskraft auszusagen - und weil daher erst die Montage einen Eindruck von der Gewalt dieser Katastrophe vermitteln kann, sind erneut einige der Abbildungsverbote gefallen, werden erneut Codes von Information und Unterhaltung verändert. Die Barmherzigkeit unserer Spendenaktion wird mit einer Unbarmherzigkeit der Bilder erkauft. Doch wie bei jeder Katastrophe betrachten wir in der letzten Phase des schrecklichen, schönen Bilderrauschs ernüchtert, was nach der nihilistischen Natur die Bildermaschinen und ihre Vertreter angerichtet haben.
Von Tag zu Tag sah man die Kameras näher an die Verletzten und Toten herangehen, von Tag zu Tag wurde länger auf den psychischen Zusammenbruch der Überlebenden gehalten, von Tag zu Tag wurden die Krankenhäuser gründlicher nach Versehrten durchforstet. Leichen in langen Reihen, Verbrennungen, verlorene Kleidungsgegenstände, hilflose Menschen, die verzweifelten Kinder. Dann aber auch gleich wieder: Schwenk auf unsere allgegenwärtigen "Prominenten", die überall exklusiv von ihren "schlimmsten Stunden" berichten und die sich von der Welle der Hilfsbereitschaft vor die Kameras tragen lassen. Spätestens hier freilich verrät das Bild in unserer illustrierten Zeitschrift nicht mehr, ob es sich um die Montage des Promis vor real zerstörtem Strand plus Welle handelt oder ein Reklame-Poster für die nächste Sendung vom Dschungelcamp.
Wir brauchen die Bilder der Katastrophen, sonst wäre unser Geiz noch geiler, unser Herz noch leerer
Man muss gar nicht besonders genau hinsehen, um festzustellen, worin der Bild-Unterschied im Leiden eines westeuropäischen und eines asiatischen Menschen besteht, worin der Bild-Unterschied zwischen dem Leiden eines Mannes und einer Frau besteht, worin der Bild-Unterschied zwischen dem Leiden eines reichen und eines armen Menschen besteht, worin der Unterschied zwischen dem Leiden eines "Prominenten" und eines normalen Menschen besteht. Die Katastrophe macht die Menschen nicht nur zu Opfern einer unbarmherzigen Bild- und Erzählmaschine, mitten drin werden sie auch zu Darstellern einer symbolischen Ordnung. Die Katastrophe ist die große Verweigerung von Sinn, Ordnung und Dimension, doch bereits mit dem ersten Bild, das jemand von ihr macht, wird sie nicht nur für mediale Vermarktungsstrategien, sondern darin auch für die Konstruktion symbolischer Ordnung missbraucht.
Aber wir brauchen die Bilder der Katastrophen und ihrer Opfer, wird man dem entgegenhalten. Das Bild des menschlichen Elends ist der Preis dafür, dass wir hierzulande einen "Spendenrekord" erzielen, dass Staaten sich durch Hilfsbereitschaft ihren Platz in der Weltordnung sichern wollen, dass sogar über Schuldenerlass gesprochen wird (nicht aber über Veränderungen des Welthandels). Wir brauchen die Bilder der Katastrophen, und wir brauchen sie in einer bestimmten Form, sonst wäre unser Geiz noch geiler, unser Herz noch leerer, und sonst bliebe uns nichts anderes übrig, als auf den Nihilismus der Katastrophe mit einem eigenen Nihilismus zu antworten. Wie sollte eine Mediengesellschaft denn anders trauern als in ihren Medien?
Es gibt Bilder, die man nur in der Wir-Form versteht
Die Rituale der Bildermaschinen haben ihre eigene Grammatik in der Herstellung wie im Verbrauch der Bilder. Sie produzieren als Adressaten das mythische Wir, und sie setzen es voraus. Es gibt Bilder, die man nur in der Wir-Form versteht. Wir - das ist das System der Fernsehzuschauer und Zeitungsleser, der Mediennutzer in der freien Welt. Und dieses Wir wird nicht nur tröstend in den Alltag, sondern auch ins politische Selbstbild einbezogen: Angesichts der Tsunami-Katastrophe geht es "Uns" ja noch wahrhaft unglaublich gut.
Flutopfer am Strand von Khao Lak: Leichen in langen Reihen
Und die Bilder-Lieferung läuft nach einem mittlerweile bekannten Modell ab, in einem Regelkreislauf von Angebot und Nachfrage:
Phase Nummer 1: Die Nachricht sucht ihr "großes Bild". Eine zentrale Metapher für das Geschehen wird gesucht, um die herum sich der weitere Fluss der Erzählungen und Bilder gruppiert. Dieses große Bild der Katastrophe scheint ein Schock, ein Erwachen, das böse Schauspiel einer Kraft, die nicht nur größer als der Mensch, sondern auch größer als die Götter ist (oder was man an ihre Stelle gesetzt haben mag). Es ist das Bild des verwüsteten Strandes, das uns diesmal fassungslos macht. Gerade noch sind sich hier drei Motive auf perfekte Weise begegnet: die grandios idyllische Natur, die "natürliche" Armut der Fischer und die Inszenierung des paradiesischen Luxus.
Phase Nummer 2: Das große Bild wird in die laufenden Erzählungen eingebunden. Die Erzählung löst sich in Seitenstränge auf. Aus der großen Erzählung der Katastrophe werden viele kleine Schicksalsgeschichten. Es gibt keine große Katastrophe, in der nicht verborgen noch die kleinen Geschichten von der wundersamen Rettung lägen. Ein Neben-Aspekt dieser Phase ist eine Art von "Nationalisierung". Jetzt sucht man das eigene unter den Opfern und unter den Helfern.
Phase Nummer 3: Die große Rationalisierung setzt ein. Dumpf zunächst, dann konkreter schälen sich doch Möglichkeiten heraus, dass irgendwo ein Schuldiger zu suchen und zu hassen sei. Wurde hier nicht versäumt, ein Frühwarnsystem einzurichten? Hat man nicht in den USA verabsäumt, erkannte Symptome sofort weiter zu geben? Gibt es da nicht Touristen, die sich weigern, ihren Urlaub abzubrechen, den sie schließlich bezahlt haben? Was machen die berüchtigten Sex-Touristen jetzt? Auf der anderen Seite aber ist die Hilfe angelaufen und bietet einen neuen Bilderfluss. Auf den Schock folgt eine Aufspaltung in Aggression und Sentimentalität.
Phase Nummer 4: Das große Bild beginnt sich zu zersetzen. Die Gegenerzählungen des Peinlichen, des Korrupten setzen ein. Plötzlich entdeckt man hier und dort wieder ursprüngliche Impulse; Neid und Missgunst dürfen wieder zu Wort kommen. Man misstraut plötzlich wieder der Gutheit des Nächsten, mit dem man sich gestern noch im Schmerz vereint wusste. Die Phantasien wie die Arbeitslosen ins Katastrophengebiet zu schicken, verraten etwas von der inneren Verheerung.
Phase Nummer 5: Wir beginnen zu vergessen. Zu Beginn haben wir noch regelrecht Angst vor diesem Vergessen. Aber es ist unausweichlich. Ein kleiner Tod von Bewusstsein und Emotion. In Wahrheit schon die Vorbereitung auf die nächste Katastrophe.
Nur wenige der Rohstofflieferanten in den Bilder- und Erzählmaschinen der freien Welt sind sich bewusst, dass sie weniger Information oder gar Aufklärung betreiben, als eine Art mediales Ritual zu schaffen. Mit dessen Hilfe soll die Katastrophe kulturell verfügbar gemacht werden. Die Dramaturgie dieser visuellen und erzählerischen Aneignung ähnelt gewiss nicht zufällig der familiären "Trauer" in den bürgerlichen Familien des freien und christlichen Westens. Zu ihren Stationen gehören Schock, Trotz und Rationalisierung ebenso wie der Kampf ums Erbe, der Zerfall, die üble Nachrede ins Grab, das Vergessen.
Warum sollte man sich gegen solche Dramaturgie, gegen das Ritual in Form von Nachrichten (und also Waren) zur Wehr setzen, wenn es doch vernünftig ist, wenn es den bestmöglichen Kompromiss zwischen gewährter Hilfe und emotionaler Aneignung bietet? Voltaire, der das Erdbeben von Lissabon nicht nur als Krise der verspotteten Metaphysik, sondern auch als eine seines eigenen rationalen Denksystems erkennen musste, hatte Unrecht: Die Katastrophe widerlegt nicht die Ordnung der "besten aller Welten", im Gegenteil, sie ist zum festen Bestandteil ihrer Konstruktion geworden.
Doch wenn auf diese Weise Hilfsbereitschaft organisiert und politischer Druck erzeugt werden kann, wenn sich auf diese Weise das Echo der Traumatisierung unterbinden und nach dem Schock die Ruhe in der Welt-Wahrnehmung wieder herstellen lässt - müsste man dann nicht das Peinliche und Unwahre dieser Medien-Installation der Katastrophe in Kauf nehmen? Da wir die Welt beschleunigt haben, um ihr mehr Produktivität und Profit abzuverlangen, muss eben auch dies beschleunigt werden: das Enttraumatisieren, die Rückkehr zur besten aller möglichen Welten.
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