02. August 2007, 15:31 Uhr

DDR-Vergangenheit

Wenn der Genosse mit der Genossin

Von Henryk M. Broder

Adrian Geiges machte als BRD-Genosse in den Osten rüber. Welche Anreize die DDR einem jungen West-Kommunisten bot, schildert das Ex-DKP-Mitglied in einem witzigen Buch. Es zeigt, dass der revolutionäre Kampfauftrag sogar bis ins Schlafzimmer reichte.

Wer in einer Kleinstadt im weinseligen Breisgau aufwächst und es dort zu einem "Bürgerschreck" und "stadtbekannten Rebellen" bringt, der hat seine Lektion fürs Leben gelernt, dem kann nichts passieren, das ihn aus der Bahn werfen würde. Dem stehen alle Wege offen.

So einer schafft es sogar, Berufsrevolutionär zu werden, auch wenn er eine Niete im Sportunterricht ist und stottert. Er muss nur der DKP und ihrer Nachwuchsorganisation SDAJ beitreten. Alles Übrige erledigt die Partei der Arbeiterklasse.

DDR-Symbole: Theorie und Praxis des revolutionären Kampfes
DPA

DDR-Symbole: Theorie und Praxis des revolutionären Kampfes

Adrian Geiges war gerade 19, als er den "Kampfauftrag" bekam, "die Theorie und Praxis des revolutionären Kampfes" zu studieren, worauf er von Freiburg mit der Bundesbahn nach West-Berlin fuhr und dann mit der S-Bahn zum Bahnhof Friedrichstraße. Die Genossen Grenzer waren bereits "instruiert", der Gast aus der BRD wurde bevorzugt abgefertigt: "Genosse, herzlich willkommen in der Deutschen Demokratischen Republik".

Was er dort erlebte, schildert Geiges in einem Buch, das diese Woche bei Eichborn erscheint. Und wer bisher immer noch glaubte, die DDR sei so gewesen, wie sie sich selbst darstellte, der wird hier, witzig und ironisch, eines Besseren belehrt.

Geiges, Deckname "Ratte", war einer von 150 "internationalen Studenten", die am 22. Internationalen Lehrgang der Jugendhochschule Wilhelm Pieck teilnahmen. Eingestimmt wurden sie mit stundenlangen Reden, die mit "nicht enden wollendem Beifall" beklatscht wurden, danach stellte eine Gruppe aus Äthiopien den revolutionären Befreiungskampf tänzerisch vor. Später ging es mit dem Fach "Wissenschaftlicher Kommunismus" weiter.

Außerhalb der Kurse lernten die Studenten etwas anderes. Zum Beispiel, wie man die Regeln umging, die ihnen zum Schutz der sozialistischen Disziplin und Ordnung eingetrichtert wurden. Da war der "Moralbeschluss", der "Beziehungen" zwischen Genossinnen und Genossen aus verschiedenen Ländern verbot. Für Genossinnen und Genossen aus einem Land schien er nicht zu gelten, zumindest bei wörtlicher Auslegung.

Spaß im Schlafzimmer

Also quartierten sich die Genossinnen aus der Mongolei in dem Zimmer ein, in dem die Genossen aus der Bundesrepublik zusammen mit den Genossen aus der Mongolei wohnten, und rückten den Kleiderschrank so zurecht, "dass die Betten der Mongolen von unseren Betten aus nicht mehr zu sehen waren". Genosse "Ratte" war empört. "Die Genossen aus der Mongolei … kannten weder Scham noch Moralbeschlüsse." Dafür hatten sie viel Spaß miteinander.

Bei der Beschäftigung mit der Theorie und Praxis des revolutionären Kampfes lernten die Studenten auch, zwischen Theorie und Praxis zu unterscheiden. Die Genossen aus dem Irak gehörten zu "den befreiten Völkern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas"; das Problem war nur, dass Saddam Hussein, der theoretisch auf der richtigen Seite stand, praktisch ein Despot war, der daheim die eigenen Kommunisten blutig verfolgte. Diesen kleinen Widerspruch erklärten die Lehrkräfte mit der "komplizierten Dialektik des Weltprozesses".

Bei der Lektüre des "Neuen Deutschland" lernte man, "zwischen den Zeilen" zu lesen. Hieß es da, ein Treffen habe in "offener kameradschaftlicher Atmosphäre" stattgefunden, bedeutete das: "Es flogen die Fetzen." Andernfalls wäre zu lesen gewesen, das Treffen habe "im Geiste allseitiger brüderlicher Übereinstimmung" stattgefunden.

Republik der Simulanten

Die Exerzitien im "Kloster der reinen Lehre" waren so aufregend wie eine Nachhilfestunde in Geschichte, bei der die Schüler genau das hersagen, was die Lehrer hören wollen, und die Lehrer wissen, dass sie von den Schülern nicht für voll genommen werden. Die "Jugendhochschule" war ein Modell der DDR, in der man gut zurechtkam, wenn man sich gegenseitig etwas vormachte. Die fehlende Reisefreiheit motivierte viele Eltern, ihren Kindern exotisch klingende Namen wie Mandy, Candy und Ricco zu geben, für alle übrigen Fälle galt die Faustregel des realen Sozialismus: "Die tun so, als würden sie uns bezahlen, wir tun so, als würden wir arbeiten."

Dass die DDR eine Republik der Simulanten war, in der von Antifa und Demokratie über Freiheit bis Vollbeschäftigung und Weltniveau praktisch alles gefakt wurde, ist als Erkenntnis weder überraschend noch erschütternd. Man kennt das System aus Filmen wie "Sonnenallee", "NVA" und "Good Bye, Lenin!", Komödien, über die nur lachen kann, wer nicht in der DDR leben musste.

Neu ist: Geiges alias Ratte erzählt seine DDR-Geschichte aus der Perspektive eines Westdeutschen, der "rübergemacht" hat, um sich freiwillig einem Selbstversuch zu unterziehen. So wie andere sich wochenlang in einen Wohncontainer einsperren lassen oder bei "Die Burg – Prominent im Kettenhemd" mitspielen.

Auch Geiges suchte nicht nur die Erfüllung seiner politischen Sehnsüchte, er war eine männliche Jungfrau, die sich nach menschlicher Wärme sehnte. Als er dann Sandy traf, eine kritische Sozialistin, die der SED beigetreten war, um die Verhältnisse von innen zu verändern, wurde ihm klar: "Ihr Körper verkörperte die DDR, von der ich träumte."

"Souvenir" vom ausländischen Freund

Mit Sandy wurde es zwar nichts, weil sie einen anderen DKP-Genossen vorzog, dennoch schlossen "Ratte" und seine Freunde die Jugendhochschule Wilhelm Pieck erfolgreich ab. Auch die Teilnehmerinnen aus der DDR waren mit der Bilanz zufrieden. "Von den 150 FDJlerinnen waren 150 schwanger." Die staatliche Geburtenhilfe von 1000 Ost-Mark war stärker als der "Moralbeschluss". Für einige war ein Kind auch ein "Souvenir", das sie an einen ausländischen Freund erinnern sollte, den sie nicht besuchen durften.

Nach seiner Lehrzeit in der DDR kehrte Geiges in die Bundesrepublik zurück; er hatte den Auftrag, "sie zu verändern", die Transformation des kapitalistischen Systems zum Sozialismus voranzutreiben. Es waren die Tage von Pershing II und Cruise Missiles, und die Friedensfreunde der DKP schmiedeten ein "breites Bündnis" gegen die aggressiven Pläne der Nato. Über vier Millionen Bundesbürger unterschrieben den "Krefelder Appell".

Vom Revolutionär zum Quotenkönig: Wie Adrian Geiges sich nach der Wende durchschlug

Geiges machte eine Lehre in einem parteinahen Verlag, um sich für höhere Aufgaben zu qualifizieren: Er arbeitete als Drücker für die SDAJ und das von ihr herausgegebene Jugendmagazin "Elan", das heißt, er warb Mitglieder und Abonnenten. Für seinen Einsatz wurde er mit einer Reise nach Vietnam belohnt, wo die Vertreter der herrschenden Arbeiterklasse in schwarzen Mercedes-Limousinen über unbefestigte Straßen rasten, die für den übrigen Verkehr gesperrt worden waren.

Auch in der Bundesrepublik war das Bekenntnis zum Kommunismus mit Privilegien verbunden. Man traf sich am Wochenende auf dem Land, konsumierte viel Alkohol und spielte "Flaschendrehen". Das Mädchen, "auf das sich dann der Hals der Flasche richtete", wurde ebenfalls konsumiert, vor den Augen der anderen Teilnehmer.

Zorniger Diener der Partei

Geiges avancierte zum Reporter des Magazins, dem er schon als Werber gedient hatte. Jetzt schrieb er sozialkritische Geschichten. Einmal suchte er eine junge Frau, die eigentlich Automechanikerin werden wollte, aber keine Lehrstelle fand und deswegen "ihren Körper verkaufen" musste. Eine aufwendige Recherche im Frankfurter Bahnhofsviertel, "in Bordellen, Bars und Peepshows", blieb ohne das gewünschte Ergebnis. Nach mehreren vergeblichen Anläufen und nachdem er über den Unterschied von "wahr und wahrhaftig" aufgeklärt wurde, lieferte er eine Geschichte ab, die zwar nicht stimmte, aber "den Anforderungen der Redaktion" entsprach.

Wo es darum ging, den menschenverachtenden Kapitalismus zu entlarven, mussten eben Opfer erbracht werden.

Geiges’ halb zorniger, halb selbstverliebter Blick in seine Vergangenheit als Diener der Partei offenbart mehr als ein Missverständnis, das auf den Namen "Revolution" hörte. Die DKP, als politische Partei irrelevant, war in der Tat die fünfte Kolonne der SED, die zu sein sie immer abstritt. Vor allem aber war sie ein gut funktionierendes wirtschaftliches Unternehmen, das vielen treuen Genossen den Lebensunterhalt garantierte.

Das dazu benötigte Kapital wurde zum großen Teil von Kurieren herbeigeschafft, "die tatsächlich mit Plastiktüten voll Geld die Grenze von Ost nach West überquerten". Der Kostgänger im Westen kollabierte, nachdem die DDR den Konkurs anmelden musste und es sich nicht mehr leisten konnte, die Arbeit der Genossen auf der anderen Seite der Mauer zu subventionieren.

Geiges reagierte antizyklisch. Er zog dahin, woher der Wind der Perestroika wehte, nach Moskau, wo er bei einem Buchverlag als Lektor anheuerte. Mit umgerechnet acht Dollar im Monat verdiente er nicht viel, aber mehr als die meisten Lohnabhängigen. Dafür musste er nur zwei Tage in der Woche arbeiten. Die verbleibende Zeit nutzte er, um die russische Seele zu erforschen und Krawallreportagen für das Boulevardmagazin eines privaten deutschen TV-Senders zu produzieren – am liebsten über "Menschenhändler", die junge Russinnen aus Moskau an Zuhälter in Berlin lieferten. So blieb er sich selbst treu und wurde nebenbei auch noch "Quotenkönig" des Programms.

Heute lebt der Ex-Revolutionär in Peking, als Mitarbeiter eines großen deutschen Verlages. Ein lebender Beweis für die alte Weisheit, dass kein Herz hat, wer mit 20 kein Kommunist ist, und keinen Verstand, wer es mit 40 noch immer ist.


Adrian Geiges: "Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann". Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 316 Seiten; 19,95 Euro.


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