15. August 2007, 09:26 Uhr

Reality-Show "Survivor"

Plapperschlangen im Paradies

Von Christian Buß

Hauen, Stechen, Lästern: Das aufwendige Wildlife-Spektakel "Survivor", das Pro Sieben gestern an den Start schickte, funktioniert nicht anders als eine stinknormale Castingshow. Statt Stimmkraft präsentierte man in der Südsee allerdings Mucki-Power.

Den Fluch von "Popstars" und all den anderen Talentwettbewerben wird das deutsche Privatfernsehen nicht so schnell los, da können sich seine Macher ruhig in die hintersten Winkel der Welt verkriechen. So wie jetzt für die Sendung "Survivor", für die im Südchinesischem Meer 18 Freiwillige um zehn Minuten Ruhm und 250.000 Euro Preisgeld kämpfen. Das Pro-Sieben-Format, produziert übrigens von der einstigen "Deutschland sucht den Superstar"-Jurorin Shona Fraser, ist eigentlich nichts anderes als eine Castingshow unter freiem Himmel.

Wildlife-Show "Survivor": Hauen, Stechen, Lästern
ProSieben/Oliver S.

Wildlife-Show "Survivor": Hauen, Stechen, Lästern

Eine Schar ehrgeiziger Gestalten, so zeigte die erste Folge am gestrigen Abend, hat man da vorgecastet: Die Männer haben schlichte kantige Visagen wie aus einem Gesichtswasserwerbespot, üben aber angeblich umso exotischere Berufe aus wie "Outdoor-Trainer" oder "Footvolley-Spieler". Die Frauen führen ihre vorgebräunten Bauch-Beine-Po-Bodys in Bikinis über den Sandstrand. Geschickt hat man in diese telegene Schar nun mit ein paar extremen Charakteren gespickt; mit der verwöhnten Göre zum Beispiel, die partout nicht beim Bambushüttenbau mit anpacken will, oder mit dem blassen Besserwisser, der erfolglos die Führung an sich zu reißen versucht.

Sofort waren da die Fronten geklärt, das Gezicke bei "Germany's next Topmodel" ist nichts dagegen. Werbemodel Michael etwa wusste schon nach einem Tag auf dem einsamen Eiland über die träge Jura-Studentin Sonja: "Ihre Faulheit ist ein Wesenszug." So raunte, zischelte und intrigierte man sich durchs Wildlife-Casting: Plapperschlangen im Paradies.

Am deutlichsten wird die Parallele zu Quotenkrachern wie "Popstars" allerdings bei dem mit viel Zinnober in Szene gesetzten Ausschlussverfahren. Denn die zwei gegeneinander antretenden Teams müssen nach und nach Leute rauswählen, und diese Zeremonie zog sich gestern unter der umständlichen Moderation von Sascha Kalupke in die Länge wie die letzte Papstwahl. Man musste aufpassen, dass man nicht einschlummerte; den vielen tosenden Werbeunterbrechungen kam da durchaus eine Art Wachhaltefunktion zu. Jeder einzelne Wahlzettel wurde in die Kamera gezeigt und vorgelesen, am Ende löschte Moderator Kalupke feierlich eine Fackel und blies der verstoßenen Showteilnehmerin auf diese Weise symbolträchtig ihr Showlebenslicht aus.

An "Survivor", der Adaption einer schwedischen Erfolgssendung, die inzwischen in die unterschiedlichsten Länder lizenziert wurde, gibt es eigentlich nichts, was man nicht irgendwo anders schon mal im hiesigen Fernsehen gesehen hat.

Dschungel-Darwinismus - wie im Büro

Der des Nachts unter Fackelschein tagende "Inselrat", bei dem die unliebsamen Team-Mitglieder aussortiert werden, erinnert an die RTL-Reality-Show "Dschungelcamp", die elendig scheiternden Versuche des Feuermachens an die ARD-Wissenschafts-Soap "Experiment Steinzeit", die lästige Infrarot-Kamera, mit der die Kandidaten auch beim Popeln in schwärzester Nacht eingefangen werden können, an "Big Brother" und schließlich die einfältigen Spiele, zu denen die konkurrierenden Trupps antreten sowie an den jüngsten Sommerpausenfüller "Entern oder Kentern". Und wie bei der Erfolgsserie "Lost" hat man bei "Survivor" ein Flugzeugwrack vor der pittoresken Dschungelkulisse aufgebaut.

Der deutsche Fernsehzuschauer dürfte sich gestern Abend also gleich heimisch gefühlt haben im tropischen Ambiente. Zumal die Scharmützel unter den Casting-Combatanten sich wohl gar nicht so sehr von denen auf der eigenen Arbeit unterschieden. Angeblich soll ja durch die forcierten Abenteuer vor eindrucksvoller Naturkulisse der Teamgeist der Teilnehmer gestärkt werden, in Wirklichkeit aber wurde dann doch nur der ganz normale Büro-Darwinismus praktiziert: Hauen, Stechen, Lästern – so kommt man offensichtlich auch im Dschungel am besten über die Runden.

Dass die beiden konkurrierenden Trupps, das blaue Team "Tasik" und das gelbe Team "Gunung", in den Farben der FDP daherkamen, mochte dabei dem Zufall geschuldet sein. Die Strategien des Überlebenskampfes könnte man trotzdem mit Fug und Recht neoliberal nennen: Jasmin zum Beispiel, die über Magenschmerzen klagte und die Kampfkraft der Truppe empfindlich schwächte, drohte gleich beim ersten Inselrat rauszufliegen. Auch vor der Kamera ist sich nun mal – Teamgeist hin, Psychogequatsche her – jeder selbst der nächste.


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