04. März 2008, 09:46 Uhr

Ypsilanti bei Beckmann

Machtanspruch in der dritten Person

Von Christian Teevs

Klare Worte sind ihre Sache nicht - Andrea Ypsilanti lavierte bei "Beckmann" herum, als es um ihre Pläne ging, Ministerpräsidentin in Hessen zu werden. Interessant: Die Hessin wandelte bei ihrem Auftritt auf den Spuren von Heide Simonis.

Reinhold Beckmann freut sich diebisch. Er wirkt so stolz, als habe er gerade einen Riesencoup gelandet. "Das war ein schöner Versprecher", unterbricht der ARD-Moderator Andrea Ypsilanti. Was war passiert? Die SPD-Chefin aus Hessen hatte den Gastgeber mit Beck statt Beckmann angesprochen.

Hessische SPD-Vorsitzende Ypsilanti: Freudsche Versprecher bei "Beckmann"
NDR

Hessische SPD-Vorsitzende Ypsilanti: Freudsche Versprecher bei "Beckmann"

"Alles klar", scheint Beckmann in diesem Moment durch den Kopf zu schießen. Ein freudscher Versprecher. Sie ist mit den Gedanken ganz bei ihrem erkrankten Parteichef. Der hat sie schließlich in ihren Überlegungen unterstützt, sich von der Linkspartei wählen zu lassen. Und damit eine wilde Diskussion in der SPD ausgelöst.

Ypsilantis Fehltritt erinnert an den legendären Versprecher Edmund Stoibers im Januar 2002. Damals nannte der CSU-Kanzlerkandidat seine Gastgeberin Sabine Christiansen fälschlich "Frau Merkel". Und erntete Hohn und Spott. Dagegen ist Ypsilantis Fauxpas bei Beckmann jedoch harmlos und nur für wenige Sekunden komisch. Sie habe die zweite Silbe "verschluckt", verteidigt sich die Frau, deren Umgang mit den Linken derzeit Gesprächsthema Nummer eins in der SPD ist.

Es bleibt der einzige Aufreger einer harmlosen Beckmann-Show. Man kennt es ja: Neues oder gar Überraschendes darf man von dem braven ARD-Talker nicht erwarten. Auch sein Gespräch mit Ypsilanti bietet inhaltlich keinerlei Neuwert. Lässt sie sich von den Linken wählen? "Das ist in mir nicht entschieden." Was ist mit einer Großen Koalition? "Aufgrund der enormen Differenzen schwierig zu lösen." Und die Differenzen in der Parteispitze seien "schade", aber eine "eindeutige Mehrheit" trage den Kurs von Beck mit.

Interessant ist hingegen zu beobachten, wie selbstbewusst die Hessin vor der Kamera agiert. Sie hat sich verändert in den letzten Wochen. Während des hessischen Wahlkampfes wirkte die SPD-Frau oft unsicher, auf kritische Fragen von Journalisten reagierte sie abwechselnd barsch oder genervt und resigniert.

Das Duell mit Roland Koch und der überraschende Wahlerfolg Ende Januar haben sie rasant professionalisiert. Zwar ist die Konstellation in Hessen ohne tragfähige Regierungsmehrheit ohne Zweifel instabil. Doch alleine dieses Patt, eine Niederlage also des CDU-Kronprinzen Koch, war für Ypsilanti ein Riesenerfolg.

Und so gibt sie sich bei Beckmann als die Selbstsicherheit in Person. Ja, sie wisse um die historische Bedeutung ihrer Entscheidung. Und ja, sie sei völlig überzeugt, dass ihre Fraktion im Fall der Fälle hinter ihr stehe. Die zum Greifen nahe scheinende Macht als Ministerpräsidentin lässt Ypsilanti immer wieder von sich in der dritten Person sprechen. "Es geht nicht um Andrea Ypsilanti", wiederholt sie einen Spruch, den sie in den letzten Tagen schon häufig bemüht hat.

"Warum soll ich verzichten?"

Natürlich ein Treppenwitz: In erster Linie und vor allen inhaltlichen Fragen geht es um ihre Person. Das sagt Ypsilanti relativ unverblümt auch an anderer Stelle. Beckmann fragt, ob sie verzichten könne, um eine Große Koalition zu ermöglichen. Alleine die Frage löst Unverständnis bei der SPD-Frau aus. Sie antwortet mit einer Gegenfrage – wiederum in der dritten Person: "Warum soll denn bitte jemand, der einen so hervorragenden Wahlkampf gemacht hat, verzichten?"

Es ist eine Art von Widersprüchlichkeit, die so häufig bei Spitzenpolitikern zu beobachten ist: Zuletzt war es Schleswig-Holsteins damalige Regierungschefin Heide Simonis, die bei Beckmann vor drei Jahren die Frage nach einem möglichen Verzicht mit der erstaunten Gegenfrage beantwortete: "Und wo bleibe ich dabei?"

Nur selten lässt Ypsilanti derartig den Schleier fallen und offenbart ihr persönliches Machtstreben. In ihrem Innern drängt es Ypsilanti zweifellos nach dem Spitzenamt. Sie habe es verdient. Davon ist sie felsenfest überzeugt. Und dieser Anspruch ist ja auch ein Stück weit nachvollziehbar, betrachtet man ihren Weg von der chancenlosen Herausfordererin zur strahlenden (Beinahe-) Siegerin.

Peinlich dann allerdings das Rumgeeiere der Hessin. Selbst bei den nur selten konzisen Nachfragen von Beckmann laviert Ypsilanti auch an diesem Abend. Wie seit Wochen gibt sie der FDP auch an diesem Abend "noch eine Chance", obwohl sie genau weiß: Eine Ampel mit Liberalen und Grünen ist illusorisch. Mit der Linkspartei will sie hingegen noch nicht sprechen, obwohl sie bei einer rot-grünen Minderheitsregierung auf deren Stimmen angewiesen wäre.

Das Hauptproblem der SPD ist demnach auch nicht die Neuorientierung im Umgang mit der Linkspartei. Es ist vielmehr die Kommunikation dieser Strategie. Ein verschämtes "Es geht halt nicht anders" verspricht nur wenig Erfolg. Ehrlicher, aber auch auf lange Sicht klüger wäre ein klare Abgrenzung von Schwarz-Gelb und damit ein Bekenntnis zu Rot-Rot-Grün.

Selbst führende hessische Christdemokraten bekräftigten vor der Wahl, wenn es eine Mehrheit jenseits von Schwarz-Gelb gäbe, werde, ja müsse Ypsilanti diese auch nutzen. Selbstredend ist nun auf einmal der Aufschrei groß. Unablässig spricht die CDU von einem Wortbruch. Doch das ist rein taktisches Geplänkel. Vorstellbar ist vielmehr, dass gerade Koch jeden Respekt vor Ypsilanti verlieren würde, wenn sie ihn am 5. April nicht als Regierungschef ablöst.

Ob sie denn nicht ihrer Parteikollegin einen Rat geben könne, fragt Beckmann am Ende noch Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Diese gilt als enge Beraterin von Ypsilanti. Dennoch lehnt sie dankend ab. Öffentliche Ratschläge seien "immer auch Schläge", sagt Wieczorek-Zeul. Das Zitat stamme von Johannes Rau und sie wolle es beherzigen. Ein Leitspruch, an den sich in diesen Tagen nur wenige Spitzengenossen halten.


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