Von Christian Buß
Man kann sich gut vorstellen, wie Frank Plasberg bei der Vorbereitung zur gestrigen Extra-Ausgabe von "Hart aber fair" seine Mitarbeiter anwies, ihm unbedingt auch einen vorzeigbaren deutschen McCain-Fan ranzuschaffen. Und wie glücklich dann alle waren, als man die Zusage des "Zeit"-Herausgebers Josef Joffe erhielt, der zuvor bei der Wahlkampfberichterstattung als einer der wenigen dem hierzulande so wenig geliebten Republikaner zur Seite stand.
Obama-Talk bei "Hart aber Fair": "Die ganze Welt hat mitgewählt"
Doch ach, selbst der streitbereite Zeitungsmann gab sich am Ende dem Rausch des historischen Moments hin. Nachdem Joffe die ganze Sendung über versucht hatte, betont nüchtern den als Heilsbringer gefeierten Obama auf Menschenformat zurück zu schrumpfen, kapitulierte schließlich auch er. "Die ganze Welt hat mitgewählt", jubilierte Joffe. Obama sei ein "Weltkandidat in einer Weltwahl" gewesen.
Es war eine glücklich verkaterte Runde, die Frank Plasberg da um sich versammelt hatte. Die Nacht zuvor hatte man mit Freunden vor dem Fernseher verbracht, und wie nach einer Party, die eigentlich nicht zu Ende gehen soll, versuchte man noch einmal die Augenblicke des Glücks ein bisschen über die Nacht hinaus zu dehnen. Aber das Tagesgeschäft forderte nun mal seinen Tribut.
So gesehen war es für Frank Plasberg am Mittwoch gar keine glückliche Fügung, die erste deutsche Fernsehtalkshow nach der historischen US-Wahl moderieren zu dürfen. Der Sendung fehlte, das lag in der Natur der Sache, der Fokus; man mäanderte aufgekratzt und ein bisschen überreizt zwischen gestern und morgen hin und her.
Geradezu übermütig hantierte der Moderator zum Beispiel an seinem Pult herum, mit dem er die Einspielfilmchen abspulen kann – und präsentierte eines davon gleich zweimal. Darin wurden schon mal die euphorischen Headlines der deutschen Tageszeitungen des nächsten Tages präsentiert, und die ähneln sich am heutigen Donnerstag von rechts bis links gespenstisch: So titelt die "Bild" "Yes, we can Freunde sein" und die "taz" "Wir sind Obama".
Alle lieben Obama. Wie soll man da diskutieren?
Klar, alle lieben Obama. Aber wie soll man über so einen denn nun diskutieren? Wo es keine zwei Meinungen gibt, da kann kein Disput erwachsen. Die "Hart aber fair"-Redaktion versuchte sich aus dieser misslichen Lage zu befreien, indem sie dem Talk eine verspielt eurozentrische Fragestellung voranstellte: "Welcome, Mr. President – werden die Amis jetzt vernünftig?"
Eingeladen hatte man neben zwei deutschsprachigen Fernsehschauspielern mit amerikanischem Pass, Désirée Nosbusch und August Zirner, auch den Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele und Stefan Prystawik, den Sprecher der US-Republikaner in Deutschland. Und natürlich erfüllten die beiden Herren aus den gegensätzlichen politischen Ecken mit leidenschaftlichem Einsatz den Zweck ihrer Einladung.
Während Ströbele auf die völkerrechtlichen Verstöße des scheidenden Präsidenten hinwies ("Was Bush im Irak gemacht hat, dafür werden andere Staatsoberhäupter vor den Internationalen Gerichtshof gestellt"), füllte der US-Republikaner vor Ort noch einmal pflichtschuldig das hierzulande gepflegte amerikanische Feindbild aus. Wer sonst würde schon vor laufender Kamera Sätze wie diesen sagen: "Wir Amerikaner glauben an Gott, die Deutschen an Mülltrennung."
Viel Zeit zum Reden hatte Mr. Prystawik jedoch nicht, denn meistens fuhr ihm Frank Plasberg leicht genervt über den Mund. Mit Einspielern erinnerte er dann immer wieder an amerikanische Unarten – die man dann in Anlehnung ans Obama-Mantra "Yes, we can" mit der immer gleichen Frage abschloss: "Wird das jetzt besser?"
So wurde neben dem superlativen Pro-Kopf-Ausstoß an Kohlendioxid auch die Plastikgeldseligkeit der Amis ins Visier genommen. Die 970 Milliarden Dollar Kreditkarten-Schulden in den USA skizzierten die ARD-Redakteure denn gar als Mentalitätsproblem, das einen Teil zur internationalen Finanzkrise beigetragen hat.
Einer Nation auf Pump, wer will ihr vertrauen?
Obama, so die etwas sehr naive Hoffnung der meisten Diskutanten, werde das jetzt anders machen.
Andererseits begeisterte man sich im Studio dafür, dass der Wahlgewinner durch seine geschickte Internet-Kampagne ganze 600 Millionen Dollar Spendengelder eingesammelt hat. Nur Hans-Christian Ströbele fand das irgendwie unsittlich. Doch wie man es auch einschätzt: Für den Sieg Obamas haben viele kleine Leute ihre Kreditkarten überzogen, auch sein Sieg ist also irgendwie einer auf Pump.
Aber das war nur einer von vielen Widersprüchen in dieser übermüdeten und überreizten Talkrunde, die ein einziges Paradoxon darstellte. Antiamerikanischer Reflex und Verbrüderungsstimmung, bei Plasberg gehörte das gestern zusammen.
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