Alles begann mit einem SPIEGEL-ONLINE-Kommentar, den Autor Erich Follath über den "rassistischen" israelischen Außenminister Avigdor Lieberman schrieb - mit Worten der Kritik, die er dem deutschen Außenminister in den Mund legte. Es gab heftige Reaktionen, unter anderem vom SPIEGEL-Kollegen Henryk M. Broder. Dann folgte ein Essay Follaths über Irans Präsident Mahmud Ahmedinedschad und Israels Premier Benjamin Netanjahu, die er - ohne sie moralisch gleichzusetzen - "Zwillinge im Geiste" nannte, "beide gefangen in der Absolutheit ihres Anspruchs, beide besessen von einer messianischen Mission". Wieder antwortete Broder sehr kritisch auf seiner Website "Achse des Guten". Follath schickte dem Kollegen daraufhin eine Mail - und eröffnete so einen Briefwechsel, der ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt war, aus dem die beiden Kontrahenten dem SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE aber Auszüge zur Verfügung stellten.
Lieber Kollege Broder,
Was ist denn bloß mit dem selbstironischen, die jüdischen Rechtsaußen früher kritisch begleitenden Broder passiert, dem Mann, der "Die Irren von Zion" geschrieben hat? Warum, lieber Kollege, verteidigen Sie inzwischen sogar einen Politiker wie den rassistischen Scharfmacher Lieberman, von dem Sie doch auch wissen müssten, dass er eine Schande im israelischen Außenamt ist? Diesen Mann, der nach eigenen Aussagen "palästinensische Gefangene im Toten Meer ertränken" und den Assuan-Staudamm sprengen wollte. Weshalb soll nur ein Israeli wie beispielsweise der Historiker Tom Segev sagen dürfen, was wir doch alle empfinden, die wir dieser Tage sehenden Auges durch Israel reisen, nämlich dass das Land selbstmörderisch nach rechts rückt, dass die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der Palästinenser ständig wächst, dass von Liebermans Partei "Fremdenhass geschürt" wird?
Mit freundlichen Grüßen EF
Lieber Herr Follath,
In Ihren Worten ist die ewige deutsche Sorge darüber zu erkennen, ob denn die Israelis die Lehren aus der Geschichte wirklich gelernt hätten. Als es Scud-Raketen auf Tel Aviv regnete, äußerte sich diese Sorge in der Aufforderung, nicht zurückzuschießen, das könnte die Situation eskalieren lassen und zu einem Krieg führen. Damals wie heute wurde ganz selbstverständlich angenommen, es sei gute alte jüdische Tradition, sich nicht zu wehren. Denn die Welt mag tote Juden und ist bereit, ihnen Mahnmale zu widmen, nimmt es ihnen aber übel, wenn sie sich nicht dem Weltfrieden zuliebe aus der Geschichte verabschieden wollen.
Sie fragen: Was ist denn bloß mit Broder passiert? Ich sag es Ihnen gerne. Es gibt jetzt zum ersten Mal seit dem Sechstagekrieg eine existentielle Bedrohung für Israel. Sie machen nun den Vorschlag, Ahmadinedschads genozidale Phantasien "metaphorisch" zu verstehen, und wundern sich anschließend darüber, dass ich Ihnen nicht folgen kann. Ich erkläre Ihnen auch gerne, warum Israel nach rechts gerückt ist. Als Bibi gewählt wurde, war Ahmadinedschad schon vier Jahre im Amt. Vier Jahre lang bekamen die Israelis mit, wie er mit Europa, den USA und der Uno Katz und Maus spielte, wie immer neue Sanktionen angedroht wurden und wie er derweil sein atomares Potential ausbaute, während verkommene "Experten" wie Udo Steinbach erklärten, Europa habe keinen Grund, sich bedroht zu fühlen. Bibi ist die Reaktion auf Mahmud, nicht umgekehrt.
Beste Grüße, Ihr HB
Lieber Kollege Broder,
Neben all Ihren hübschen Spitzen gegen mich finde ich in Ihrem Text eine bemerkenswerte und höchst diskussionswürdige Passage: die, in der Sie erklären, warum Israel Ihrer Meinung nach in seiner Existenz heute umfassender bedroht ist. Darüber sollten wir mal jenseits aller Polemik diskutieren.
Darüber, ob diese existentielle Angst vor Terror und dem Mann in Teheran in diesem Ausmaß berechtigt ist. Oder ob eher eine andere Macht Israel gefährden kann - nämlich Israel selbst, durch seine Besatzungspolitik und seine, auch nukleare, Über-Rüstung, durch seine Haltung "uns ist die Welt egal, sie ist ja ohnehin gegen uns".
Meinen Sie wirklich, was Sie da schreiben: "Die Welt mag (nur) tote Juden"? Ist das nicht eine Obsession? Und noch eine Kernfrage: Wie hart dürfen/können/sollen Deutsche denn die israelische Politik kritisieren? Ich habe geschrieben, dass die Garantie des israelischen Staates durch die Deutschen nicht nur eine Selbstverständlichkeit sei, sondern eine politische Grundvoraussetzung. Sie nannten das abschätzig ein "Lippenbekenntnis". Ich könnte mir vorstellen, hätte ich diesen Satz nicht geschrieben, wäre er von Ihnen eingefordert worden, nach dem Motto: Er kriegt nicht einmal hin, diese Worte auszusprechen.
Ihr EF
Lieber Herr Follath,
ich bin der Überzeugung: Europa sagt das eine und macht das andere. Natürlich gibt es eine "Solidarität" mit Israel, und einige Politiker (Merkel z. B.) meinen es sogar ernst. Aber es gibt noch etwas anderes: das schlechte Gewissen der Europäer (nicht nur der Deutschen) gegenüber den Juden, eine offene Rechnung, die man gerne abschließen möchte, den Wunsch, jemand möge den Job zu Ende bringen, den die Nazis nicht zu Ende bringen konnten. Israel ist ein Störenfried im doppelten Sinne. Erstens stört es den Frieden im Nahen Osten, zweitens den Seelenfrieden der Europäer, weil es sie ständig daran erinnert, was sie gemacht bzw. geduldet haben. Wenn also, Gott behüte, Ahmadinedschad Israel angreifen sollte, wäre das für die Europäer aus zwei Gründen sehr erfreulich: Erstens würde der vorletzte Holocaust im Dunst des letzten verschwinden, zweitens könnten sie das nachholen, was sie '33 bis '45 versäumt haben: sich mit den Juden zu solidarisieren.
Dazu gehört auch die unglaubliche Konjunktur, die einige jüdische Rentner, Dummköpfe, Selbsthasser und Bruchpiloten in der Bundesrepublik genießen. Bis hin zu Alfred Grosser, dem Politologen aus Paris. Man lässt Juden reden, die mit sich und mit Israel ein Problem haben. Das ist viel eleganter, als wenn man selber in den Ring steigen würde. All die Segevs, Burgs, Oz', Avnerys, das sind die nützlichen Idioten des schlechten Gewissens der guten Deutschen. Großzügigerweise hat ja Ahmadinedschad vorgeschlagen, Israel nach Deutschland zu verlegen. Gebt den Juden Schleswig-Holstein - und alles wird gut.
Ihr HB
Lieber Kollege Broder,
Europa, schreiben Sie, sei beseelt von dem "Wunsch, jemand möge den Job zu Ende bringen, den die Nazis nicht zu Ende bringen konnten". Abseitiger geht's nimmer. Aber Sie führen den Gedanken ja dann tatsächlich weiter aus. Als ich das nochmals las und dann ein drittes Mal, da hab ich es bemerkt: Hier spricht nicht Henryk M. Broder, der augenzwinkernde, lustvoll provozierende Easy Rider der deutschen Sprache - Börne to be wild -, hier spricht einer, der das wirklich ernst meint. Und deshalb sollten wir darüber reden, und ich denke, es geht auch, ohne einen Psychiater zu Rate zu ziehen. Das Problem ist, Israelis und Palästinenser müssten sich endlich in den anderen hineinversetzen, um zu erkennen, was sie sich gegenseitig antun. Das gelingt in der aufgeheizten Atmosphäre, in der jeder jedem alles unterstellt - nur keinen guten Willen -, überhaupt nicht mehr.
Natürlich haben die Israelis jedes Recht, sich eine ultranationalistische Regierung zu wählen und sich einen Außenminister zu leisten, dessen Grundpositionen knapp rechts von Dschingis Khan anzusiedeln sind - aber woher nur in aller Welt nehmen viele Israelis den Anspruch und die Erwartung, dass niemand in Europa dies kritisieren sollte?
Sie schreiben vom permanenten "schlechten Gewissen der Europäer" gegenüber Israel: Ich weiß nicht, warum sie das haben sollten, jedenfalls in meiner Generation. Scham ja, Scham für das, was im Namen der deutschen Nation begangen wurde, Scham dafür, was die anderen europäischen Nationen historisch nicht verhindern wollten oder konnten. Aber Schuld? Sie ist geheuchelt und unangebracht bei denen, die mit dem Holocaust schon altersmäßig nichts zu tun haben konnten. Wieso glauben Sie eigentlich, lieber Herr Broder, dass die wahren Israel-Freunde diejenigen sind, die israelische Politiker mit harter Kritik verschonen? Könnten die wahren Antiisraelis nicht vielmehr diejenigen sein, die das Land als Hort der Holocaust-Überlebenden über jede Kritik erhaben finden?
Ihr EF
Lieber Herr Follath,
Sie sind doch ein kluger Mensch, erfahrener Schreiber und routinierter Hingucker. Warum tun Sie dann so, als ob Sie mich nicht verstehen würden? Als ob das, was wir auf der Oberfläche sehen können, alles wäre, was es zu sehen gibt? Wenn Sie mir kurz folgen mögen, kommen wir beide sicher ohne einen Psychiater aus.
Sie werden nicht annehmen, nur die Juden hätten ein Problem mit dem Holocaust, weil sie die Betroffenen waren, weil in fast jeder Familie irgendwo mindestens ein Foto rumsteht, auf dem Angehörige zu sehen sind, von denen man weiß, dass sie tot sind und mit wessen Hilfe sie vom Leben zum Tod befördert wurden. Auf der Gegenseite steht dann oft ein Foto vom Opa oder Vater in Wehrmachts- oder SS-Uniform. Meine Erfahrung ist, dass diese Familien ein noch größeres Problem haben, völlig unabhängig davon, was Opa wirklich gemacht hat. Die Vorstellung, was er gemacht haben könnte, reicht.
Zum einen imaginieren sich die Deutschen immer mehr in die Rolle der Opfer, deswegen wird alle drei Monate ein "Tabu" gebrochen, das "Vertreibung" oder "Gustloff" oder "Bombenholocaust" heißt, deswegen rutschen die Juden, die jetzt Zionisten heißen, immer weiter auf die Seite der Täter, die sich den Palästinensern gegenüber so verhalten, wie sich die Nazis den Juden gegenüber verhalten haben. Man könnte sagen: Je schuldiger die Juden/Zionisten werden, desto unschuldiger fühlen sich die Deutschen/ Ex-Nazis. Das ist doch ganz einfach.
Kein Mensch wird durch Leiden in einen moralischen Ritterstand erhoben, auch nicht die Juden. Aber die Deutschen können nicht nur die Erinnerung daran, was sie (bzw. deren Eltern und Großeltern) den Juden angetan haben, nicht ertragen, sie tun sich noch schwerer mit der Vorstellung, die Juden könnten ihnen moralisch überlegen sein, weil sie so gelitten haben, und das ist noch nicht alles. Es gibt ja noch schlechte Juden, Krawallos wie Leon de Winter und mich, die nicht aufhören können, in alten Wunden zu stochern.
Ihr HB
Lieber Kollege Broder,
Sie schreiben: "Kein Mensch wird durch Leiden in einen moralischen Ritterstand erhoben, auch nicht die Juden" - genauso ist es. Deshalb ist es auch großer Quatsch, von den durch erlittene Pein angeblich geläuterten, "sensibilisierten" Juden einen höheren Menschenrechtsstandard zu verlangen als von Angehörigen anderer Nationen. Aber auch der Umkehrschluss ist richtig: Aus dem früher erlittenen Leid erwächst nicht der Anspruch, sich internationalen Maßstäben und Normen entziehen zu dürfen. Israel aber spielt permanent die internationale Primadonna. Jeder Uno-Beschluss zur Siedlungspolitik eine Zumutung, jeder Rot-Kreuz-Bericht zu Menschenrechtsverletzungen "kriminell einseitig".
Glauben israelische Politiker diesen Unsinn? Oder steigern sie sich in die Opferrolle absichtlich hinein, um sich nicht an ihren eigenen demokratischen Maßstäben messen zu müssen?
Wir kommen immer wieder in unserer Diskussion zu der Frage zurück: Wann nimmt Kritik an Israel antisemitische Züge an? Wer entscheidet das? Und ich darf noch eine neue Frage hinzufügen: Unterscheidet sich Antisemitismus von anderen Formen des Fremdenhasses, insbesondere vom Hass auf alles Islamische? Wenn Sie Israel Menschenrechtsverletzungen durchgehen lassen, die man anderswo anprangern würde, beispielsweise den Einsatz von Streubomben oder auch nur das Ausgrenzen der Gaza-Bevölkerung, wenn Sie Israel also sonderbehandeln - fördern Sie dann nicht den Antisemitismus?
Ich war in Dachau und Jad Vaschem. Von der empfundenen Scham kann mich keiner erlösen. Von der nichtempfundenen Schuld muss mich keiner erlösen. Also bitte: Es mag den von Ihnen bemühten (Selbst)Erlösungsantisemitismus ja geben, aber kleben Sie ihn mir nicht an. "Wer Jude ist, bestimme ich!", hat Karl Lueger, der antisemitische Bürgermeister von Wien vor hundert Jahren gesagt. Nun drehen Sie bitte nicht den Spieß um und sagen: "Wer Antisemit ist, bestimme ich."
Ihr EF
Lieber Herr Follath,
ich schlage vor, wir gehen zusammen essen, brüllen uns an, und wer zuerst heiser ist, zahlt die Rechnung, okay? Chinese, Thai oder Vietnamese?
Ihr HB
Lieber Herr Broder,
sehr einverstanden mit dem Essensvorschlag auf unkoscherem Gelände! Bei dem hohen Unterhaltungswert unserer Beiträge für die ja mit Kopien unseres Schriftverkehrs einbezogene Chefredaktion wird das als Info-Gespräch abgerechnet.
Viele Grüße, EF
Lieber EF,
so machen wir es.
Und unkoscher muss es sein, sonst komm ich nicht mit.
Ihr HB
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