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YouTube-Jubiläum: "Würden Sie gern 24 Stunden unter Beobachtung stehen?"

Ein Interview von Daniel-C. Schmidt

Kulturkritiker Savage: Demokratie im Internet ist noch nicht reif Zur Großansicht
Getty Images

Kulturkritiker Savage: Demokratie im Internet ist noch nicht reif

YouTube wird zehn Jahre alt, inzwischen ist das Videoportal eine der meistgeklickten Webseiten der Welt. Der Kulturkritiker Jon Savage erklärt, wie YouTube uns verändert hat - und warum Justin Bieber sich über Pöbeleien nicht wundern darf.

Zur Person
  • Jon Savage, geboren 1953, in London, ist ein britischer Kulturkritiker, Journalist und Buchautor. Bekannt wurde Savage für seine popkulturellen Beobachtungen in diversen Dokumentationen sowie seine Bücher "England's Dreaming" (1991) über die Anfänge der Punk-Bewegung und "Teenage: die Erfindung der Jugend" (2007), in dem er das Phänomen Erwachsenwerden begründet.
SPIEGEL ONLINE: YouTube ist nach Google und Facebook die Webseite mit den meisten Besuchern. 300 Stunden Videomaterial werden dort pro Minute hochgeladen. Konnten Sie sich vor zehn Jahren vorstellen, dass aus einer Webseite mit ein paar Musikvideos mal ein globales Phänomen werden würde?

Savage: Undenkbar. Ich selbst arbeite seit Jahren an Musikdokumentationen. Anfangs schien YouTube eine wunderbar einfache Sache zu sein, weil man dort viele tolle Aufnahmen von früher fand, die es nirgendwo sonst gab.

SPIEGEL ONLINE: Und dass die Seite einen Koloss wie MTV überholen würde, konnte man ja auch nicht gleich vermuten.

Savage: Ich fand MTV nie wirklich gut. Ich erinnere mich an die Anfangsjahre des Senders: Man musste stundenlang warten, bis endlich das Video kam, das man sehen wollte. Zusätzlich hat MTV den fatalen Schritt getan, sich von seiner Kernkompetenz zu entfernen. Was war MTV denn? Music Television. Plötzlich liefen da sinnlose Reality-Shows anstelle von Musik...

SPIEGEL ONLINE: ...während man bei YouTube einfach den Künstlernamen eintippen und das Video seiner Wahl ansehen kann.

Savage: Genau. Wenn ich sehen will, wie James Brown 1966 bei seinen Auftritten aussah, kann ich das auf der Seite finden.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Aufstieg von YouTube hat sich eine neue Jugendkultur und sogar Branche entwickelt: Ein YouTube-Star zu sein, der Schminktipps gibt oder Videospiele bespricht, ist ein Vollzeitjob. Hat die Webseite das Verhältnis zwischen harter Arbeit und dem Streben nach Ruhm verändert?

Savage: Dass Teenager YouTube-Stars werden wollen, ist kaum überraschend in einer Gesellschaft, die das Berühmtsein so hoch hängt wie unsere. Wir dürfen nicht vergessen, dass Jugendliche in den meisten Fällen die Werte ihrer Umgebung widerspiegeln. Und wir leben nun einmal in einer Zeit, in der Prominenz als eines der höchsten Güter gilt. Sie finden ja auf YouTube im Grunde alles: Viele gute Parodien zum Beispiel, aber auch schreckliches Zeug - Dschihadisten-Videos, üble Propaganda. Es wird noch eine Weile dauern, bis sich das alles wirklich erklären lässt. Wir stecken mitten in einer technologischen Revolution, deren Bedingungen erst nach und nach klar werden.

SPIEGEL ONLINE: Ohne YouTube hätten wir bestimmte Bilder vom Arabischen Frühling nie zu Gesicht bekommen.

Savage: Das Konzept von der "Demokratie im Internet" halte ich für sehr unausgereift. Ich habe gerade das Buch "Das digitale Debakel" von Andrew Keen in der Hand gehabt, das die These vertritt, dass Demokratisierung durch das Internet etwas Illusorisches hat, weil allein die vier, fünf Internetriesen wie Facebook, Amazon oder Google das Geschehen bestimmen. Natürlich haben diese Firmen eine wahnsinnige Macht, andererseits gibt es immer wieder Möglichkeiten, Demokratie voranzutreiben. Aber im Internet ist auch sehr viel Raum für Dinge, die man nicht hören oder sehen möchte.

SPIEGEL ONLINE: Was nicht darüber hinwegtäuscht, dass wir zwar Teil dieser Community sind, aber nicht wirklich teilnehmen, weil wir allein vor unserem Bildschirm sitzen.

Savage: Es ist ja nicht schlimm, vor dem Bildschirm zu hocken. Das Problem des Internets ist eher die Dichte an Information, die lähmend wirken kann: Ein unendlicher Fluss an Eindrücken und Hinweisen - und das oft ohne Kontext. Genau darüber sprachen die Menschen damals, als Punk aufkam: Raffung von Inhalten und Verknappung unserer Aufmerksamkeitsspanne. Damit beschäftigen wir uns jetzt, 50 Jahre später, wieder.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es also an der Zeit, unsere etablierte Vorstellung von Kommunikation zu überarbeiten, weil YouTube das Sitzen vor dem Bildschirm längst zu einer Form von Interaktion gemacht hat?

Savage: Natürlich hat das Internet Menschen einander auch nähergebracht. Aber es ändert nichts daran, dass der Bildschirm eine Art Trennwand zwischen Nutzern und der realen Welt darstellt. Das ist per se weder besonders gut noch besonders schlecht - so ist das Internet. Worauf es ankommt, ist vielmehr, eine sinnvolle Navigation durch das Netz zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Mit YouTube haben Medien auch ein Stück weit ihre Funktion abgebeben, Informationen exklusiv an ihre Zielgruppe verbreiten zu können. Jeder kann scheinbar hinter die Kulissen gucken und sich seine eigene Meinung bilden.

Savage: Das ist kaum aufzuhalten. Wohin das führt, kann noch niemand genau sagen, weil niemand kontrolliert, was wo in welcher Form auftaucht. Fakt ist: Es passiert und Medien wie Mediennutzer müssen sich damit arrangieren.

SPIEGEL ONLINE: Heute hat jeder ein Smartphone, alles kann schnell online gehen. Wir kriegen mit, wie der zwölf Jahre alte Justin Bieber seine ersten Gesangsversuche hochlädt und finden gleichzeitig all seine Fehltritte auf YouTube.

Savage: Sicherlich. Obwohl Medien schon immer all diejenigen belohnt haben, die bereit waren, ihr Leben öffentlich zur Schau zu stellen. YouTube ist eine Verfeinerung dieses alten Spiels - aber eigentlich gar nicht neu.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch hat YouTube dazu geführt, dass wir vorsichtiger geworden sind - bei allem, was wir tun und sagen. Weil alles überall aufgenommen und hochgeladen werden kann.

Savage: Diese Wahl hat Justin Bieber von Anfang an getroffen. Wenn man sich einmal für die öffentliche Entblößung entscheidet, lässt man sozusagen ein Tier von der Leine, das man nie wieder einfangen kann. Das beginnt aber bereits mit der Entscheidung für ein öffentliches Leben - nicht erst, wenn die Fehltritte bei YouTube hochgeladen sind.

SPIEGEL ONLINE: Ist das bei Politikern gut oder bedenklich, dass sie 24 Stunden am Tag unter Beobachtung stehen?

Savage: Würden Sie gerne 24 Stunden unter Beobachtung stehen? Ich sicher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Nein, aber Sie und ich stehen auch nicht durch unser Amt zwangsläufig in der Öffentlichkeit.

Savage: Niemand sollte ständig von der Öffentlichkeit begutachtet werden. Jedem Menschen sollte man mal eine Pause gönnen. Es sei denn, wir sprechen von Leuten wie den Kardashians, die sehr viel kaputt gemacht haben, weil sie die Vorstellung fördern, dass es sich lohne, ein Leben in der Öffentlichkeit auszuleben. Was kompletter Blödsinn ist.


Zum YouTube-Jubiläum haben wir Mitglieder der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion nach ihren Lieblingsclips gefragt: Welches Video lohnt sich, welcher Kanal ist ein Abo wert?

Und das sind unsere zehn Empfehlungen zum Durchklicken:

Obama als Popstar

"Eigentlich müsste ich mich über die Videos von Baracksdubs ärgern. Ein Student aus Tennessee rührt darin in krasser Feinarbeit Reden des US-Präsidenten zu Melodien bekannter Popsongs zusammen - und lässt Ich-geb-mich-gern-cool-Obama noch smarter erscheinen. Als Journalistin müsste ich bei so viel kostenloser PR ganz schmallippig werden. Aber wenn Obama dann Taylor Swifts 'Shake it off' oder 'Can't touch this' von MC Hammer singt, muss ich dermaßen losprusten, dass mich meine Kollegen schon gefragt haben: 'Alles klar bei dir, Sara?'. Thanks, Mr. President." (Sara Maria Manzo)

Wie Obama "Shake it off" singt, kann man hier sehen.

Das Flüstern und Rascheln von "Gentle Whispering"

"Am Anfang dachte ich, das ist einfach nur creepy: Da beschwört eine Frau ihre laufende Kamera mit zartem Geflüster und lässt ihre Finger über die Borsten einer Haarbürste gleiten. Aber dann habe ich Kopfhörer angezogen und gemerkt, es ist der pure Genuss. Auf dem Kanal 'Gentle Whispering' erscheinen ASMR-Videos. Die Abkürzung steht für das Kunstwort 'Autonomous Sensory Meridian Response', für das es keine deutsche Übersetzung, aber einen Wikipedia-Artikel gibt. Das Flüstern und Rascheln in den ASMR-Videos ist für mich eine Wellness-Kur." (Sebastian Meineck)

Ein ASMR-Beispielvideo ist dieses hier.

Der Pelikan mit der Schnabel-Kamera

"Als Wissenschaftsredakteurin schaue ich - natürlich rein beruflich - oft Tiervideos. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Aufnahme von einem Pelikan-Waisenkind aus Tansania, dem seine menschlichen Zieheltern vor dem ersten Flug eine Kamera auf den Schnabel geklebt haben. 'Wir mussten ihm das Fliegen beibringen, indem wir mit den Armen schlagend über den Strand gerannt sind', erzählt sein Ziehvater. Über den Clip habe ich an einem meiner ersten Tage in der Redaktion geschrieben. Obwohl es ein GoPro-Werbeclip ist, ist das Video bis heute eines meiner liebsten Tiervideos, auch, weil keine Katzen darin vorkommen." (Julia Merlot)

Den Pelikan-Flug miterleben können Sie hier.

Die Spiele-Verfluchungen des "Angry Video Game Nerd"

"'Ich hasse das Spiel', 'Ein Haufen Hundescheiße', 'Sogar 'Pong' ist besser': Ich kenne niemanden, der so schön und ausdauernd flucht wie James Rolfe. Als Angry Video Game Nerd testet der Amerikaner seit 2006 Videospiele, bevorzugt schlechte aus der NES-Ära. Er ist sich für keinen noch so unspielbaren Softwaremüll zu schade, und ist ein Spiel nicht schräg genug, macht Rolfe einfach kostümiert Witze. Als ich 2010 das Blog 'Kioskforscher' startete, in dem ich mich durch seltsame Zeitschriften quäle, waren Rolfes Videos meine Hauptinspiration." (Markus Böhm)

Hier geht es zu einer Playlist mit Tests von James Rolfe.

Der gekraulte Plumpori

"Es gibt diese Videos, die einfach gute Laune machen. Mich rettet in grauen Stunden der Clip mit Plumplori Sonya. In knapp einer Minute passiert nicht viel. Ein leicht dickbäuchiges Exemplar der aus Südostasien stammenden Primatenart wird von seiner Besitzerin unter den Armen gekrault. Hört sie damit auf, guckt der Affe verwundert aus seinen Glubschaugen. Leider hat das Video auch eine Schattenseite: Forscher der Oxford Brookes University wiesen darauf hin, dass Plumporis unter Artenschutz stehen. Derartige Aufnahmen förderten aber die Nachfrage nach bedrohten Spezies." (Philipp Löwe)

Hier geht es zum Kraul-Video.

Apples seltsames Anti-Windows-Video

"YouTube ist ein Archiv. Hier findet man legendäre Filmszenen wie etwa 'This one goes to eleven' aus 'Spinal Tap'. Und man kann Filme und Videos ansehen, die es sonst fast nirgendwo gibt. So wie 'Winsongs 95'. Dave Garr, damals Marketing-Manager bei Apple, drehte das Video im Stil eines TV-Shopping-Clips anlässlich der Einführung von Windows 95. Aufgemacht als Werbung für eine Musiksammlung werden fiktive Hits wie 'Highway to Dell' und 'Stand by your Manual' angepriesen. Dann spielen Garr und Kollegen Musikvideos nach, in denen sie über das damals neue Microsoft-System lästern. Schön ist das nicht, aber unterhaltsam - einmal." (Matthias Kremp)

Hier finden Sie das Winsongs-95-Video.

Die Trashfilm-Kritiken von Brandon Tenold

"Der Kanadier Brandon Tenold ist Experte für den filmischen Bodensatz, den auch ich liebe: Für türkische 'Spiderman'-Remakes aus den Siebzigern mit einem komplett muskelbefreiten Superhelden im Faschingskostüm. Für Martial-Arts-Filme, in denen Kung-Fu-Kämpfer, die wundersamerweise so ähnlich wie Bruce Lee heißen, gegen Dracula kämpfen. Tenold kritisiert diese B-Movies: sarkastisch, aber so passioniert, dass sofort klar ist: Er findet es gut, dem 'So bad it's good'-Gefühl eine Plattform zu geben. Und die hat selbst ein Bruce Leong verdient." (Eva Thöne)

Hier geht es zum Kanal von Brandon Trenold.

"David after Dentist"

"'Is this real life?', 'Will this gonna be forever?': Was nach existenziellen Fragen des Lebens klingt, sind die Äußerungen eines benommenen Siebenjährigen nach einem Besuch beim Zahnarzt. Im Mai 2008 wurde David DeVore ein Zahn entfernt. Die Folgen der Narkose hat sein Vater für die Nachwelt festgehalten. Zu sehen ist ein leicht benebelter Grundschüler, der unter anderem über die Anzahl seiner Finger rätselt. Das Video bringt mich immer wieder zum Lachen. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt trotzdem, denn Klein-David wird dieses Video wohl mindestens genauso lange nicht mehr los wie ich." (Anna-Sophie Schneider)

Den Clip "David after Dentist" finden Sie hier.

Die Stop-Motion-Clips von PESfilm

"Der Stop-Motion-Künstler 'PES' würzt seine Nudeln mit dem Kaleidoskop. Unter seiner Schreibtischlampe flattern keine Motten, sondern Dokumentenklammern. In seinen surrealen Clips belebt er Gegenstände aus dem Alltag und inszeniert sie in ungewöhnlichen Zusammenhängen. Seine Videos sind Hochglanzproduktionen mit kristallklaren Sounds, die ich mir immer wieder anschauen kann. Nur zu Hause nachmachen werde ich sie nicht: Für eine frische Guacamole zum Beispiel halbiert 'PES' keine Avocado, sondern eine Handgranate." (Sebastian Meineck)

Zum Guacamole-Video geht es hier.

Der Pachelbel-Rant

"Dieser Clip gehört längst zu den YouTube-Klassikern. Ende 2006 hochgeladen, leidet die Aufnahme unter einer bedauerlich schlechten Bild- und Tonqualität. Trotzdem macht es immer wieder Spaß, dem US-Komiker Rob Paravonian zuzuschauen und zuzuhören, wie er erzählt, weshalb er Pachelbels Canon in D voller Inbrunst hasst - und ihm doch nicht entkommen kann. Die achteilige Akkordfolge, die er als junger Cellist immer wieder spielen musste, hat schon Bands wie Green Day, Aerosmith und den Beatles zu Hits verholfen." (Matthias Kremp)

Das Wut-Video von Rob Paravonian finden Sie hier.

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