"100.000 Euro Show" Redundanz mit Firlefanz

Hat jemand die "100.000 Mark Show" vermisst? Ja, die Programmplaner von RTL. Sie zogen den Unterhaltungsdino aus der Versenkung, wechselten Währung und Moderatorin - und gehen damit erneut auf den Zuschauer los.

Von Jan Freitag


100.000 Mark sind ein sonderbares Preisgeld. Nicht nur, da die Währung überholt ist, sondern weil es heutzutage einem Konfirmationsobolus näher scheint als den Hauptgewinnen handelsüblicher Fernsehshows. So viel kriegt schließlich bei Jörg Pilawa oder Günther Jauch, wer einen Satz Fragen korrekt beantwortet, ganz zu schweigen von Stefan Raab, den zu schlagen das Zehnfache aufwärts bringt.



Unlängst ließ Sat.1 die Referenzsumme für den besten Starimitator springen und bei "Deal or no Deal" muss man dafür nicht mal annähernd den vollsten Geldkoffer erraten. Kurzum: 100.000 Mark sind eine Menge Holz, klingen aber dennoch verteufelt gestrig im sensationsheischenden Erregungsmedium. Ob sich daran was ändert, wenn man sie einfach eins zu eins in Euro umrechnet?

Inka Bause meint ja und kündigt die "100.000 Euro Show" als "schärfste Spielshow im deutschen Fernsehen" an. Dabei trägt sie zwar nicht die scharfen Hosenanzüge ihrer Vorgängerin der "100.000 Mark Show" zu Beginn der Neunziger, aber immerhin bizarre Riesenknopfblazer-Variationen mit Stehkragen.

Allzweckwaffe der Geriatrie

Inka Bause ist also nicht nur die neue Linda de Mol, der im Frühling mit der "Traumhochzeit" das erste große Comeback eines Formats aus der holländischen Entertainment-Fabrik Endemol misslang. Sie ist auch die neue Ulla Kock am Brink, wenngleich ihr Name weniger Anlass für Wortspiele liefert.

Vor allem aber ist Bause eine Art Jörg Pilawa des Kommerzfernsehens, Tänzerin auf allen Hochzeiten von der RTL-Bäuerinnensuche bis zur MDR-Schunkelsause, eine Allzweckwaffe geriatrischer Abendunterhaltung.

Und was sonst soll "Die 100.000 Euro Show" sein? Sie ist nichts grundlegend anderes als das "Spiel ohne Grenzen", das uns bis 1980 zarte 16-mal in 15 Jahren fesselte. Als steckten wir in der Zeitschleife, spricht Inka Bause beharrlich in der Sprache von damals, sagt "Schäkern", "ihr Lieben", "Chapeau!". Bis auf die Währung und ein grelleres Lasergewitter unterm dichter gewebten Klangteppich hat sich also wenig geändert, seit Ulla Kock am Brinks Show vor acht Jahren ermüdet den Geist aufgab, längst moderiert vom Nachmittagstalker Franklin.

Warum sich der anfängliche Quotenerfolg jetzt wiederholen sollte, bleibt das Geheimnis von RTL und belegt einmal mehr die These, dass der Durchlauferhitzer TV seine Formate offenbar deshalb so gerne verbrennt, weil er sie nach einer Weile als Revival aus der Asche ziehen und mit dem Label "Kult" versehen kann. Wahrscheinlich hat Sonja Zietlow sie längst unter "Die zehn größten Spielshows aller Zeiten" gevotet. Wenn es an Innovation mangelt, hilft nur Emphase.

So freut sich die Inka "100.000-prozentig" auf ihre Kandidaten: "Zwei fesche Burschen aus Heidelberg, die ihr letztes Hemd für 100.000 Euro geben würden" und deshalb im Ankocherfilm schon mal ihre Muckis zeigen.

Das hessische Multikultifußball-Fanpärchen, die Adiam und der Alexander. Zwei Feuerwehrmänner, "unsere Gipfelstürmer, der Jürgen und der Michael". Der Jörg, ein Ellenbogengesellschaftsgewinner nebst Gattin, dem "das Wort Scheitern im Sprachschatz fehlt". Und ein Rugby-Duo namens die Tina und der Marten.

Die Wiederkehr des ewig Seichten

"Seid ihr bereit für unser erstes Spiel?", grölt ihnen Inka aus wenigen Zentimetern Distanz in die Gesichter, und schon beginnen allerlei Spielchen mit Akrobatik, Ausdauer, Kraft und Trivialwissen, ganz wie damals, bei Ulla, nur sprachlich modernisiert, versteht sich. Nun müssen die "Bodys" ins Trapez und die "Brains" an die Pulte. Dazu gehört ein Sprung ins Tauchbecken, wo RTL mit 15 Brillenkaimanen Dschungelcamp-Sadismus zitiert. Beim Quiz weiß die spätere Gewinnerin Aidam dann den vollen Namen von Boris Beckers Neuer, nicht aber den halben des SPD-Kanzlerkandidaten.

Trotzdem: "Waaaahnsinn!", wie es der Inka oft entfährt. Außer Atem hetzt Inka ihre "Power-Paare" durch die diversen Übungen, hinzu kommen Testfragen auf Klamaukniveau. "Die Emotionen kochen hoch!", ruft sie enthemmt in die käfigartige Halle und formuliert damit die genreübliche Bestätigung dessen, was unablässig zu sehen ist. So wie beim "Perfekten Dinner" dauernd aus dem Off versichert wird, dass es Gurken sind, die gerade geschnitten werden. Das Prinzip der Redundanz hat vom Fernsehen Besitz ergriffen? Es ist das Fernsehen selbst.

Immerhin fliegen die beiden Geldsäcke raus, bevor sie sich vom Gewinn "ein kleines Hotel in Südfrankreich kaufen" können, ihr letzter Traum. Außerdem ist bis auf ein Promi-Special an Nikolaus keine weitere Folge geplant. Eine beruhigende Aussicht. Zumindest bis "Der Heiße Stuhl" zurückkehrt. Und das wird er.



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