100 Jahre Adorno Ein Platz, ein Denkmal, ein Zentrum?

Pünktlich zum 100. Geburtstag des Philosophen Theodor W. Adorno hat die Stadt Frankfurt ihrem berühmten Denker auf dem Adorno-Platz ein Denkmal gesetzt. Der Adorno-Forscher Stefan Müller-Doohm fordert jedoch mehr: Die Einrichtung eines Zentrums soll das Andenken an das unfreiwillige Idol der 68er bewahren.


Philosoph Adorno: "Monument für das schöpferische Denken"
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Philosoph Adorno: "Monument für das schöpferische Denken"

Frankfurt/Main - "Die Stadt, aus der Adorno 1934 von den Nazis vertrieben wurde, schuldet ihm das", sagte Stefan Müller-Doohm gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Der 1969 gestorbene Frankfurter Soziologe und Philosoph wäre an diesem Donnerstag 100 Jahre alt geworden. "Die Einrichtung des Zentrums mit einer Bibliothek sowie mit einem Film- und Tonarchiv ist eine kulturelle Pflicht-Aufgabe der Stadt und des Bundes", meinte der an der Universität Oldenburg lehrende Forscher, der gerade "Adorno - Eine Biografie" bei Suhrkamp veröffentlicht hat. Mit Tagungen und Kongressen müsse Werk und Wirken Adornos lebendig gehalten werden. Nach den Vorstellungen Müller-Doohms sollte es ähnlich arbeiten wie das Arnold-Schönberg-Zentrum in Wien oder das James-Joyce-Zentrum in Zürich, also eindeutig auf den Namensgeber hin orientiert sein.

Theodor Wiesengrund Adorno habe als glaubwürdiger Repräsentant der Intellektuellen im Nachkriegs-Deutschland die brisanten Themen seiner Zeit aufgegriffen und moralische Maßstäbe gesetzt, sagte der Wissenschaftler. "Mit dem Satz 'Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch' konnte er nicht mehr zurück in den Elfenbeinturm der reinen Theorie. Er wurde damit auch als politische Leitfigur wahrgenommen." Das Verhältnis zwischen der 68er-Studentenbewegung und Adorno war nach Ansicht von Müller-Doohm "ein tragisches Missverständnis. Und das wird von den 68ern, die es noch gibt, heute auch eingestanden.

Zwar hat Adorno mit seinem Imperativ, Auschwitz dürfe sich nie wiederholen und mit seiner Forderung nach einer Erziehung zur Mündigkeit auch maßgebliche Impulse zur Hochschulreform gesetzt. Eine 'revolutionäre Situation' für einen Umsturz hat er jedoch nie gesehen. Seine Warnung vor einem Kurzschluss zwischen kritischer Theorie und politischem Handeln haben die linken Studenten überhört. Die Sorge Adornos vor einem neuen Totalitarismus und Autoritarismus in der Studentenbewegung habe sich als sehr begründet erwiesen.

Künstler Zakharov, Adorno-Denkmal: Bild des Augenblicks
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Künstler Zakharov, Adorno-Denkmal: Bild des Augenblicks

Ob Müller-Doohms Forderung erhört wird, bleibt abzuwarten. Die Stadt Frankfurt setzte ihrem berühmten Denker immerhin einen Tag vor seinem 100. Geburtstag ein Denkmal. Das Monument ziert seit Mittwoch einen Platz in der Nähe der Universität, der bereits seit 1995 nach dem Mitbegründer der "Frankfurter Schule" benannt ist. Das 220.000 Euro teure Denkmal ist ein Arbeitszimmer in Glaswänden und wurde von dem in Köln lebenden Russen Vadim Zakharov gestaltet. Unter dem zweieinhalb Meter hohen Glaswürfel stehen ein Schreibtisch und ein Stuhl, die allerdings nicht den erhaltenen Originalmöbeln ähneln. Darauf befinden sich Adornos philosophisches Hauptwerk, die "Negative Dialektik", ein handverbessertes getipptes Manuskript, ein Notenblatt und ein Metronom. Damit sollen Adornos Arbeitsschwerpunkte als Philosoph und Komponist dargestellt werden. Ein schwarz-weißes Labyrinth außerhalb des Kubus ist mit Zitaten aus Büchern des Philosophen beschriftet. Der Künstler Zakharov interpretiert sein Werk als "Monument für das schöpferische Denken", als Bild des Augenblicks, in dem der Denker verschwindet und nur der Gedanke bleibt.

Bislang hatte auf dem Platz ein Krieger-Denkmal gestanden - nicht gerade passend für einen Kritiker von Herrschaftssystemen und Militarismus, wie die Stadt im Adorno-Jubiläumsjahr erkannte. Zakharov hatte sich bei einem Wettbewerb 2002 gegen fünf Konkurrenten durchgesetzt. Udo Kittelmann, Direktor des Museums für Moderne Kunst (MMK) und Jury-Mitglied, hält das Denkmal für "intelligent und sensibel genug, um neugierig auf Adorno zu machen". Ein Abbild der Person sei nicht zeitgemäß und werde Adorno nicht gerecht.



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