100 Jahre Theater Hebbel am Ufer Bierbank-Rentner und Ballett-Mädchen

Das Berliner Theater "Hebbel am Ufer" wird 100. Dafür holte das Regietrio "Rimini Protokoll" hundert repräsentative Hauptstädter auf die Bühne: Menschen mit Gefängniserfahrung und Sandy mit Silikonimplantaten.

Von Christine Wahl


Berlin – Geahnt haben wir es ja schon immer, aber jetzt ist es amtlich: Mangelndes Selbstbewusstsein gehört nicht zu den Zipperlein, an denen der Durchschnittsberliner krankt. Knapp jeder siebte – so brachte der Theaterabend "100 Prozent Berlin" im hauptstädtischen Hebbel am Ufer ans Licht – hätte nicht übel Lust, den Bürgermeister Klaus Wowereit zu beerben.

"100 Prozent Berlin": Selbstbewusstsein und kriminelle Energie
Barbara Braun / drama-berlin.de

"100 Prozent Berlin": Selbstbewusstsein und kriminelle Energie

Der Regierende selbst, der sich den Befund in der ersten Zuschauerreihe gut gelaunt anhörte, darf sich nichtsdestotrotz entspannt zurücklehnen: Eingedenk der Tatsache, dass ungefähr achtzig Prozent vorbehaltlos seine knackigen Ansichten à la Berlin sei sexy unterschreiben, scheint der Abwahlfuror zumindest nicht akut bedrohlich zu sein.

Die schlechte Nachricht fürs Stadtoberhaupt: Fast genauso viele Berliner – nämlich schätzungsweise siebzig Prozent - stehen schamlos zu ihrer kriminellen Energie und geben auf offener Bühne zu, schon mindestens einmal ein Gesetz gebrochen zu haben. In diesem Punkt wiederum können überraschenderweise die Berliner Verkehrbetriebe aufatmen, obwohl sie es überhaupt nicht verdient haben – hatten sie mit ihrem nervtötenden "Überraschungsstreik" doch am Premierentag die ganze Stadt lahm gelegt: Lediglich eine wackere fünfprozentige Minorität der Gesetzesbrecher tobt ihre illegale Ader an der BVG aus und fährt regelmäßig schwarz. Dafür bekommt sie – was ebenfalls tief in die Berliner Seele blicken lässt - vom Saalpublikum einen sehr warmen Szenenapplaus.

Ort des amerikanischen "Re-Education"-Programms

Ein Theaterabend, an dem man solche aufschlussreichen Dinge erfährt – ebenso klug wie unaufdringlich politisch und gewitzt - kann nur vom Regietrio Rimini Protokoll stammen: Mit ihrem Projekt "100 Prozent Berlin", das hundert nach bevölkerungsstatistischen Gesichtspunkten repräsentative Hauptstädter auf der Bühne versammelt, liefern die zu Recht mit allen erdenklichen Theaterpreisen dekorierten Wirklichkeitsrechercheure Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel das Herzstück der Geburtstagsparty "100 Jahre Hebbel-Theater – das Jubiläum".

Tatsächlich erlebte das Kreuzberger Haus, in dem einst Größen wie Fritz Kortner ein und aus gingen, eine kontrastreiche Geschichte: Ins Leben gerufen wurde es von einem mittellosen ungarischen Journalisten namens Eugen Robert, der - nachdem er von sämtlichen Häusern als Dramaturg schnöde abgelehnt worden war - kurzerhand beschloss, seine eigene Bühne zu gründen und tatsächlich den damals noch gänzlich unbekannten Theaterarchitekten Oskar Kaufmann zu märchenhaften Konditionen für den Kunsttempelbau gewann.

In den Zwanzigern trat hier zwischen Hans Albers, Elisabeth Bergner und Heinrich George alles auf, was Rang und Namen hatte, während das Hebbel unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg als einziges unzerstörtes Theater in den Westsektoren Ort des amerikanischen "Re-Education"-Programms wurde und Gustaf Gründgens hier sein Comeback gab.

Seit viereinhalb Jahren, unter Matthias Lilienthal, heißt das Hebbel am Ufer programmatisch HAU und darf sich mit Fug und Recht als theatraler Trendsetter bezeichnen: Neben dem Stammhaus umfasst das "Kreuzberger Theaterkombinat" zwei weitere benachbarte Bühnen, die jährlich insgesamt um die 120 Premieren (!) der nationalen wie internationalen Avantgarde stemmen und ihr Hochgeschwindigkeitstheater dabei nicht nur für die benachbarten Künste und kulturtheoretische Debatten, sondern auch weithin in Richtung Realität öffnen.

Symbolisch für jedes Hebbel-Jahr ein Berlin-Bewohner

Rimini Protokoll, die statt Schauspielern so genannte Experten des Alltags – also Menschen, die sich mit dem Thema des Abends qua Profession auskennen – auf die Bühne stellen und hehres Dramengut wie Schillers "Wallenstein" in einer grandiosen dokumentarischen Version mit Vietnam-Veteranen, dem Weimarer Polizeipräsidenten und einem Intrigen der eigenen Partei zum Opfer gefallenen Mannheimer CDU-Bürgermeisterkandidaten in der Wirklichkeit ankommen ließen, stehen repräsentativ für dieses Konzept.

Riminis Geburtstagsgeschenk also: Symbolisch für jedes Hebbel-Jahr ein Berlin-Bewohner. Gecastet wurde diesmal allerdings nur der erste der Hundertschaft: Thomas Gerlach, ein professioneller Bevölkerungsstatistiker. Von ihm aus ging das Verfahren im Kettenprinzip weiter: Gerlach schlug einen Nächsten vor, der wiederum einen Anderen und so weiter – unter Berücksichtigung der bevölkerungsstatistischen Kategorien Alter, Staatsangehörigkeit, Stadtbezirk, Familienstand und Geschlecht.

Am Ende steht nun ein Hauptstadtbevölkerungsquerschnitt auf der Bühne, der sich in Variation einer ruhmreich belustigenden Werbekampagne mit Fug und Recht "Du bist Berlin" aufs T-Shirt hätte schreiben können: Vom Kleinkind im Ballettdress über den Bierbank-Rentner mit Schäferhund bis zum afrodeutschen Basecap-Träger.

Im Spiel mit dieser Repräsentativität besteht der Clou des Rimini-Abends: Das Regietrio wiederholt sozusagen auf offener Bühne die statistische Befragungspraxis – und fördert dabei Überraschendes zu Tage: Wer war schon einmal im Gefängnis (schätzungsweise ein Viertel!), wer zog nach 1989 aus dem West- in den Ostteil der Stadt (drei; umgekehrt sechs), wer kann von seinem Einkommen leben (höchstens zwei Drittel), wer hat je Knut im Zoo besucht (keine schlappen fünfzehn!), lauten etwa die Fragen. In Ja-Nein-Fällen gruppiert sich die Hundertschaft auf verschiedenen Bühnenseiten; für Multiple-Choice-Fragen gibt es Farbkarten. Und zwischendurch bekommt die statistische Masse Gesichter und darf ihre persönliche Beziehung zu eigens mitgebrachten Gegenständen erläutern: "Hallo, ich bin die Sandy, und man erkennt mich an meinen Silikon-Implantaten".

Eine Erkenntnis des Abends, die sich hinterher sofort überprüfen lässt: Jeder zweite Berliner ist ein sangesfreudiger Mensch mit Chorerfahrung: Beim von Matthias von Hartz konzipierten anschließenden Orchesterkaraoke, bei dem das Rias-Jugendorchester Kracher von "Hey Jude" über "I will survive" bis zu "Major Tom (Völlig losgelöst)" spielt, kommt das Moderatorenduo so gut wie nicht zu Wort. Twens, die Dieter Bohlen und das ganze Superstar-Konzept um nochmal hundert Jahre älter aussehen lassen würden, als sie ohnehin schon wirken, geben sich mit prominenten Kulturschaffenden wie der Hamburger Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard (die hinreißend "Siebzehn Jahr, blondes Haar" schmettert) das Mikro in die Hand und haben selbst die hartgesottensten Mitmachtheaterverweigerer unter den Hochkulturkonsumenten nach einer Viertelstunde zu kollektivem Mitsingen und –Klatschen animiert.

Selten war der Befund, der Saal koche, so angebracht. Und selten verließ man ein Theater so uneingeschränkt gut gelaunt und mit dem hundertprozentigen Wunsch, so möge es ruhig noch drei mal hundert Jahre weitergehen.



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