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11. September im Kino: "Zu früh! Zu früh!"

Von , New York

Ende April läuft in den USA "United 93" an, der erste Hollywood-Kinofilm zu den Anschlägen vom 11. September 2001. Schon der Trailer sorgt für Empörung und dramatische Reaktionen. Ändern wird das nichts: Eine ganze Welle von Filmen über die Terrorakte kommt auf die Kinozuschauer zu.

New York - Es beginnt harmlos, idyllisch fast. Flughafenszenen, jeder kennt sie: Einchecken, Passagiere am Gate, Gesprächsfetzen, Durchsagen, vertraute Geräuschkulissen der Jetlag-Generation. Flugbegleiter plaudern, der Pilot erbittet Geduld: "Leider werden wir etwa 30 Minuten Verspätung haben." Dann startet United Airlines Flug 93 in den Sonnenaufgang.

Plötzlich ändert sich der Rhythmus. Ein Jet knallt ins World Trade Center. Dann ein zweiter. In der Kabine von UA 93 springen vier Entführer auf. Auf den Mienen der Passagiere spiegeln sich Angst, Entsetzen - dann Entschlossenheit zur Gegenwehr. "Wir müssen es jetzt tun", flüstert einer. "Du weißt, was passiert, wenn wir rumsitzen." Ausblende, Titel: "United 93".

Zwei Minuten und 25 Sekunden dauert der Film-Trailer, der seit ein paar Tagen in 3000 US-Kinos gezeigt wird, unmittelbar vor Spike Lees Thriller "Inside Man". 145 gefühlsgeladene Sekunden: Der Trailer wirbt für den Streifen "United 93", der Ende April hier anläuft. Der erste Hollywood-Film, der sich mit dem Horror des 11. September 2001 befasst - ein Horror, der heute noch vielen in den Knochen sitzt.

Zumindest in New York und Los Angeles, wo der Clip zu brüsken Reaktionen führte. Das Publikum wartete auf Denzel Washington und Clive Owen beim Bankraub; der 11. September-Flashback kam völlig unvorbereitet. Im Grauman's Chinese Theatre in Hollywood riefen sie: "Zu früh! Zu früh!" Im AMC Loews Lincoln Square in Manhattan rannten einige Zuschauer heulend aus dem Kino. "Ich glaube nicht, dass die Leute so weit sind", seufzte Kinomanager Kevin Adjodha und nahm den Trailer wieder aus dem Programm.

Bereits drei Wochen vor seinem Kinostart hat "United 93" in den USA eine unerwartete - oder etwa kalkulierte? - Lawine der Emotionen losgetreten. Dahinter steht jene Frage, die eines Tages unweigerlich kommen musste: Ab wann darf die Entertainment-Industrie ein nationales Trauma wie den 11. September anpacken? Wann ist die Zeit der Pietät vorbei?

"United 93" dramatisiert die letzte Reise des gleichnamigen Fluges. UA 93 war der vierte der damals entführten Jets und der einzige, der sein Terrorziel nicht erreichte: Nach einem Aufstand der Passagiere, den viele Angehörige am Telefon mitverfolgten, stürzte er in Pennsylvania ab. Alle 37 Passagiere, inklusive Entführer, und sieben Crew-Mitglieder starben.

Mit "United 93" prüft Hollywood, ob die Ära der Verarbeitung des 11. Septembers durchs Massenkino beginnen kann. Der Film - inszeniert vom britischen Thriller-Spezialisten Paul Greengrass ("Blutsonntag", "Die Bourne-Verschwörung"), doch ausnahmslos mit Unbekannten besetzt - eröffnet am 25. April das Tribeca Film Festival in New York und kommt drei Tage später landesweit ins Kino.

Es ist der erste Vorbote einer ganzen Welle von Filmen, die den 11. September thematisieren. Im August folgt Oliver Stones "World Trade Center" mit Nicolas Cage. 2007 soll ''Reign O'er Me'' anlaufen, über einen Mann, der seine Familie verlor, sowie "102 Minutes'', gestützt auf die "New York Times"-Rekonstruktion der Zeit zwischen Einschlag und Einsturz der Zwillingstürme. Beim Tribeca Film Festival haben außerdem sieben Kurzfilme und sechs Features über den 11. September 2001 Premiere.

Ist die Zeit wirklich gekommen? Die ersten Reaktionen auf "United 93" zeigen: Die Geister scheiden sich. "Keine Ahnung, wann die Zeit reif dafür ist", sagt Carole O'Hare, deren Mutter Hilda Marcin an Bord von UA 93 war - und die, wie alle Hinterbliebenen übrigens, ihr Einverständnis zu "United 93" gegeben hat. "Ich weiß nur, dass die Zeit bisher nicht reif gewesen wäre."

"Boykottiert diesen Film!", wütet jedoch ein Mann namens Paul Antoine in dem Internetforum, das die Produktionsfirma Universal Studios für "United 93" eingerichtet hat. "Dies ist der abscheulichste und schamloseste Akt der Profitmache aus einem schrecklichen Ereignis."

"Man weiß nie, wann der richtige Moment für einen solchen Film ist", räumt auch Regisseur Greengrass ein. Doch der Segen der Angehörigen habe ihn ermutigt. Seinen Schauspielern trug er auf, die jeweiligen Familien zu kontaktieren, um ihre Darstellung so authentisch wie möglich zu gestalten.

Die aktuelle Empörung hat indes noch einen anderen Grund: die erzwungene Erinnerung. Wer nicht will, muss sich "United 93" ja nicht ansehen. Jene Zuschauer aber, die den Trailer jetzt im Kino serviert bekommen, haben keine Wahl - auch wenn Universal betont, es annonciere "United 93" ausnahmslos vor nicht jugendfreien Filmen.

Auch anderweitig versucht Universal, den Empfindlichkeiten Rechnung zu tragen. Die Website zu "United 93" bietet, neben dem Forum (530 Eintragungen bis gestern), Links zu Opfergruppen der Terroranschläge und Mini-Biografien jedes einzelnen UA-93-Insassen.

Boykottaufrufe und Empörung hin oder her - gegen die Flut der Filme über den 11. September wird all das nichts ausrichten. Die Würfel sind längst gefallen, denn schließlich gibt es hier für Hollywood viel Ruhm einzuheimsen, wie schon mit der Aufarbeitung eines früheren US-Traumas, Vietnam. Michael Ciminos Drama "Die durch die Hölle gehen" gewann 1978 den Oscar für den besten Film. Aber natürlich ist auch viel Geld im Spiel: Der TV-Film "Flight 93" war im Januar die erfolgreichste Sendung in der Geschichte des hiesigen Kabelsenders A&E.

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