Theaterstück "15.000 Gray" Die Computerschauspieler

Halb Computerspiel, halb Schauspiel: Die Performance-Gruppe "machina eX" zeigt ihr preisgekröntes Mitmachprojekt "15.000 Gray" am Forum Freies Theater Düsseldorf. Der Auftakt einer zweijährigen Kooperation.

Paula Reissig

Von Johan Dehoust


Wenn die Zuschauer den Theaterraum betreten, geht es sofort ums Ganze: Vor ihnen auf einem Stuhl sitzt ein Wissenschaftler. Weißer Kittel, Hornbrille, Denkerstirn. Um seine Hüfte ist eine Bombe geschnallt. Tick, tick, tick, die Uhr läuft. Dreißig Minuten haben die Theaterbesucher Zeit, um in dem Stück "15.000 Gray" herauszufinden, welche weltverändernde Entdeckung der Professor gemacht hat und wie sie ihn vor der Detonation retten können.

Die Zuschauer müssen in diesem Stück selbst aktiv werden, sie müssen verhindern, dass die Kenntnisse des Wissenschaftlers in die falschen Hände geraten - indem sie Rätsel lösen, die ihnen die Schauspieler stellen. Wie in einem Computerspiel gibt es "cutscenes" und "gamescenes", also Szenen, in denen die Spieler das Handeln von Figuren beobachten, und solche, in denen sie selbst handeln sollen.

"15.000 Gray", das ist das bisher erfolgreichste Projekt von "machina eX", einer Gruppe junger Performer, die sich vor gut drei Jahren an der Uni Hildesheim gebildet hat. Alle neun Mitglieder studierten oder studieren an der kulturwissenschaftlichen Fakultät der Hochschule.

"Wir wollen herausfinden, wie es sich anfühlt, selbst Teil eines Computerspiels zu sein", sagt "machina eX"-Mitglied Nele Katharina Lenz, 26. Deshalb begannen sie damit, Elemente sogenannter Point-'n-Click-Adventures, also von Computerspielen, bei denen das Rätsellösen die Handlung vorantreibt, in die Theaterwelt zu übertragen.

Ihr Motto: Die Realität hat die geilste Grafik. "15.000 Gray", ihr zweites Werk, führte die Gruppe erstmals im vergangenen Jahr beim "100 Grad Festival" im Berliner Theater Hebbel am Ufer auf und gewann damit gleich den Jurypreis.

Noch fünf Level bis zum nächsten Stück

Und nach einer Einladung zum Impulse Festival, einem der wichtigsten Theatertreffen der freien deutschsprachigen Theaterszene, gastieren "machina eX" jetzt mit "15.000 Gray" am Forum Freies Theater Düsseldorf. Noch bis Samstagabend können Besucher hier für eine halbe Stunde zu Computerspiel-Helden mutieren.

Obwohl sich die Teilnehmer untereinander meistens vorher nicht kennen würden, hätten sie sich bisher immer in der Gruppe auf das Spiel eingelassen, erzählt Nele Katharina Lenz. Da das Publikum in der Regel je zur Hälfte aus Computerspielern und Theaterliebhabern bestehe, ergänze es sich schnell sehr gut. Die Computerspieler würden sofort damit beginnen, alle Gegenstände anzufassen und umzudrehen, während die Theatergänger viel stärker darauf achteten, was die Schauspieler machten und sagten.

Auch nach den "15.000 Gray"-Inszenierungen wird am FFT Düsseldorf weiter theatralisch gezockt: Die Rätsel-Abende sind Prologe für eine zweijährige Zusammenarbeit zwischen dem freien Theaterhaus und "machina eX" - eine von 17 derartigen Kooperationen, die die Kulturstiftung des Bundes mit insgesamt 2,5 Millionen Euro unterstützt. Auch die anderen Projekte sind schon in Planung: Die Aktion "Doppelpass" soll jungen, freien Theatergruppen ermöglichen, über einen längeren Zeitraum zusammen zu arbeiten. Unter dem Arbeitstitel "Game on Stage" wollen die "machina eX"-Mitglieder, die mittlerweile in verschiedenen Städten leben, regelmäßig in Düsseldorf zusammen kommen und in fünf Levels ein neues Konzept entwickeln.

Level Eins steht bereits diesen Sonntag an: In einem Barcamp sollen die Besucher bestimmen, welche Themen an der Schnittstelle zwischen Computerspielen und Theater beleuchtet werden. Gamedesigner, Theaterwissenschaftler und Choreografen halten Vorträge und begleiten die Diskussionen. Ein ergebnisoffenes Kick-off. "Wir machen das, weil wir nach unseren Inszenierungen immer wieder feststellen, wie groß der Redebedarf unter den Besuchern ist", sagt Nele Katharina Lenz, die hofft, dass der Tag "machina eX" viele Impulse für die nächsten zwei Jahre am FFT Düsseldorf mitgeben wird.

Falls der Arbeitsprozess doch mal ins Stocken geraten sollte, weiß die "machina eX"-Combo ja, wo sie sich inspirieren lassen kann: an den Spielkonsolen.


"15.000 Gray" am FFT Düsseldorf, 8.-10.11., jeweils 19, 20 und 21 Uhr, Tel. 0211/87 67 87-0. Infos auch bei Game on Stage.

Das Barcamp findet am 11.11. von 11 bis 17 Uhr statt. Um Anmeldung unter lisa.zehetner@fft.duesseldorf.de wird gebeten.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Dr.pol.Emik 07.11.2012
1. Großes Theater …
… finde ich Klasse und zum Mitmachen allemal. Die Truppe ist dabei wenigstens ehrlich, vielleicht macht das die Vorstellung so gut. Ein noch viel größeres Theater, deutlich teuer und dazu auch noch viel verlogener, ist die folgende aktuelle Daueraufführung: *Das Kanzlerduell – des Bürgers Wurst schon verspielt* (http://qpress.de/2012/11/06/das-kanzlerduell-des-burgers-wurst-schon-verspielt/) … aber Vorsicht, selbst wenn sie da umsonst reinkommen, die Sache kann am Ende bös teuer werden. Aber allein das Plakat dazu ist absolut sehenswert. Na dämmert ihnen was, wer da die Sauspieler sind? Kommen ja so viele gar nicht in Frage. Ich fände es erheblich besser und inspirierender, würden wir die hier vorgestellte Theatertruppe in den Bundestag entsenden. Wäre offensichtlich billiger und unterhaltsamer … (°!°)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.