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S.P.O.N. - Der Kritiker: Das Böse noch böser

Eine Kolumne von

Das Trauma-Jahr 2015 begann mit Charlie Hebdo und steigerte sich rasch in einen allgegenwärtigen Ausnahmezustand. Wo kamen auf einmal all die Terroristen her? Und wo all die Rassisten? Die Antwort der Politik ließ einen ratlos.

Wo kamen auf einmal all die Terroristen her? Und wo all die Rassisten? Taliban-Faschisten und Tweedsakko-Nationalisten.

Deutschland wurde deutscher, gröber, gefährlicher: AfD-Biologismus, die Angst alter Männer, die Wut junger Männer, die Wut junger Frauen und "Fotze, Fotze" als politisches Argument.

Terror von rechts, im Fall der NSU von Behörden und V-Männern gefördert, im Fall der Anschläge auf Flüchtlingsheime aus der Mitte heraus begangen, eine Art "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" mit Brandbeschleuniger.

Die Flüchtlinge wirkten bei alldem wie ein Prisma: Das Böse wurde böser, das Gute wurde besser. Die Hetze nahm zu, die Hilfe auch. Es ging auf einmal wieder um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

Die einen sagten: Dieser Staat ist auf Solidarität, Hilfe, Menschlichkeit gebaut - das ist das Fundament, das ist die Legitimation, eine andere gibt es nicht.

Die anderen sagten: Der "Staat" ist in Gefahr und "in Selbstaufgabe" - eine Interpretation von nationalem Egoismus, die das Prinzip der Demokratie gegen die Menschen wendet und es damit pervertiert.

Ordnung, wie sie von Teilen der CDU und CSU bis zur staatstreuen Fraktion der SPD beschworen wird, ist aber kein Wert an sich; Humanität ist es schon.

Neid, Hass, Härte

Und das ist das Verbindende in diesem Krisenjahr 2015, eines wie kaum ein anderes, eines, das viele ratlos machte: Je mehr Politiker Regeln beschwören, die unbedingt einzuhalten sind, desto deutlicher wird, dass sie oft außer diesen Regeln nichts haben, an das sie glauben.

Austerität als Religion. Die Folgen dieser inhaltsleeren Funktionärspolitik sind in vielen Ländern Europas zu sehen: Rechter Populismus besetzt die Lücke an konstruktiver Politik, und linke Politik als Widerstand gegen das demokratiefeindliche Spardiktat wird als Gefahr für die Demokratie gebrandmarkt.

All das aber sind Symptome an der Oberfläche: Die Entsolidarisierung der europäischen Gesellschaften hat mit der Wirtschafts- und Finanzkrise einen neuen Schub und eine neue Dimension bekommen - die Folgen von sieben Jahren ökonomisiertem Denken sind eine Schwächung der Mitte, die direkte politische Konsequenzen hat.

Denn wenn die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich zunimmt, wie Thomas Piketty gezeigt hat, dann hat das auch Auswirkungen auf Neid, Hass, Härte in der Gesellschaft.

Und so hängen die beiden großen europäischen Krisen des Jahres 2015 zusammen: Die Euro- und die Flüchtlingspolitik der EU haben zum einen gezeigt, wie groß die institutionellen und inhaltlichen Leerstellen sind.

Vor allem aber wurde deutlich, dass der Hintergrund all dessen, was wir erleben, eben auch eine Veränderung im Wesen des real-existierenden Kapitalismus ist.

Der Wahnsinn hat Methode

Das erklärt nicht alles. Der Hass gegen Flüchtlinge ist rassistisch motiviert, aber er ist auch von der Angst getragen, in dieser Gesellschaft keinen Platz mehr zu haben. Die Wut findet ihr Ventil in einem Klima zunehmender Spannungen.

Was die Flüchtlinge angeht, ist der Zynismus dabei kaum noch zu überbieten: All die Jahre schaut die EU, schaut Deutschland weg, während das Morden in Aleppo und Homs und all den anderen syrischen Städten passiert - und nach den Anschlägen von Paris im November findet sich auf einmal eine Koalition, die nun bombt, aber ohne Sinn und Ziel.

Gleichzeitig wird die Türkei zum Partner, weil Erdogan die Flüchtlinge stoppen soll - und mordet weiter die Kurden, die doch die Einzigen sind, die Daisch etwas entgegensetzen, die mit der Grund sind, dass die Flüchtlinge überhaupt fliehen.

Wahnsinn. Aber, Hamlet, 2. Aufzug, 2. Szene: Der Wahnsinn hat natürlich Methode. Der Wahnsinn hat immer Methode. Vor allem dann, wenn er zur Realität wird.

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Kolumne - Der Kritiker
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 74 Beiträge
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1. Die Methode die der Wahnsinn hat ist nicht so neu!
Tolotos 27.12.2015
In allen Krisen stellt man fest, dass das Böse aus den Löchern kriecht, sobald es glaubt, dass die Gesellschaft es nicht mehr schafft, es zur Verantwortung zu ziehen. Die realen Brandstifter und die verbalen Brandstifter fühlen sich durch den Eindruck bestärkt, dass ihr Weltbild von einem nicht mehr bedeutungslosen Teil der Gesellschaft geteilt wird. Und Politiker müssen sich ja ohnehin nicht verantworten. Viele von ihnen würden sich auch mit den Teufel selbst verbündeten, wenn sie glauben, dass das ihnen mehr Wählerstimmen bringt und so ihrer Karriere fördert
2. richtige Analyse ohne Lösung
vatimamo 27.12.2015
solange wir alle in dem globalen System des egoistischen Kapitalismus mitspielen, ohne Alternativen aufzuzeigen, werden die Folgen für Mensch und Umwelt fataler. Erst wenn die Folgen direkt erlebbar werden wir reagieren. Im Vergleich zum Tier haben wir wenig, falls überhaupt, einen voraus.
3.
aljoschu 27.12.2015
"Ordnung, wie sie von Teilen der CDU und CSU bis zur staatstreuen Fraktion der SPD beschworen wird, ist aber kein Wert an sich; Humanität ist es schon." Ja, Humanität ist ein Wert an sich - aber wenn einmal die staatliche Ordnung den Bach hinunter gegangen ist, dann geht ihnen auch der Humanismus, als Wert an sich, flöten, Herr Diez. Schauen Sie sich die Länder an, in denen genau das geschehen ist: Ex-Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen, Ukraine, ... Überall dort hatten die USA ihre Finger im Spiel, weil sie den "Regime Change" vor Augen hatten bzw. Russland verdrängen oder Schaden zufügen wollten - mit expliziter Billigung der EU und Deutschlands. Hinterlassen aber haben sie Massenmord, Flucht und Vertreibung, Folter, Zerstörung und post-moderne Dystopien.
4.
katzenheld1 27.12.2015
Jeder Staat sollte auf auf Solidarität, Hilfe, Menschlichkeit gebaut sein. Die Sozialsysteme meines Landes basieren auf dem Solidarprinzip. Diese Solidargemeinschaft wird finanziert von den Menschen, die in diesem Staat in diese Systeme einzahlen. Das ist das Fundament, das ist die Legitimation meines Staates. Die europäischen Gesellschaften in Form ihrer Staaten haben sich für die jeweils zu ihnen passenden Solidarsysteme entschieden, in der EU wird eine Angleichung der Solidargemeinschaften angestrebt, ist aber noch lange nicht erreicht. In arabischen und afrikanischenGesellschaften wird eine Solidargemeinschaft ausschließlich auf der Basis der Familien-/Stammes-/Religionszugehörigkeit gelebt und auch so gewollt. Diese Gesellschaften wollen so leben und sich nicht ändern – wie die Parallelgesellschaften in Frankreich, England, Schweden und natürlich Deutschland deutlich zeigen. Sie leben aber vom Geld der anderen Gesellschaft, sogar die Mitglieder arabischer Clans in Deutschland (finanziell sehr erfolgreich mit organisierter Kriminalität) nehmen auch noch „Stütze“ mit. Momentan zeigt sich also, dass Solidarität, Hilfe und Menschlichkeit auch in Deutschland zunächst immer der eigenen Gemeinschaft zugedacht wird. Solange es möglich und machbar ist, dann auch anderen Gemeinschaften, Gesellschaften und Staaten. Ich finde diese Gewichtung nicht nur legitim, sondern überlebensnotwendig. Aber natürlich auch (am Ende meiner Gewichtungsskala für Solidarität, Hilfe und Menschlichkeit steht ja der Staat) nationalistisch.
5.
agua 27.12.2015
Ich denke,dass wir(die Menschen)uns an all diesen Wahnsinn gewöhnen werden müssen.Wichtig bei vielen politischen,teils unmenschlichen Entscheidungen ist,dass jeder sich auf seine eigene Mitmenschlichkeit besinnt und in diesem Sinne handelt. Ein frohes Neues Jahr für Herrn Diez aus Portugal.
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.


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