25 Jahre CNN "Wir werden erst abschalten, wenn die Welt untergeht"

Der Newssender CNN hat das globale Nachrichtengeschäft revolutioniert. Doch nicht allen ist anlässlich des 25. Jubiläums zum Jubeln zumute: Ted Turners 24-Stunden-Kanal aus Atlanta hadert mit chronischer Quotenschwäche, erbarmungsloser Konkurrenz und hausinternen Querelen.

Von , New York


CNN-Boss Turner: Gebräu aus Seriösität und Spektakel
AFP

CNN-Boss Turner: Gebräu aus Seriösität und Spektakel

New York - Die Welt hielt den Atem an. Am 21. März 1980 um 22.55 Uhr amerikanischer Ostküstenzeit fielen im fiktiven TV-"Dallas" drei Schüsse, die über alle Kontinente hallten. Es war - und ist bis heute - der effektvollste "Cliffhanger" der Fernsehgeschichte: Das Attentat auf Serien-Fiesling J.R. Ewing, Sekunden vor der saisonalen Staffelpause der Sensationsserie. Monate lang gab es, selbst in Deutschland, nur eine Frage: "Who shot J.R.?"

Die Genialität der "Dallas"-Produzenten hatte noch einen anderen, längst vergessenen Nebeneffekt: Das Rätselraten um J.R. Ewing war der erste, große Quotenköder eines neuen, kleinen Kabelkanals namens Cable News Network, kurz CNN. Denn als der sechs Wochen später, am 1. Juni 1980, auf Sendung ging, erreichte die "Dallas"-Hysterie gerade erst ihren Siedepunkt. Bis zur Enttarnung der "Täterin" im November war das Sommerloch-Drama ein gefundenes Fressen für den Startup-Winzling aus Atlanta. Denn der musste ja 24 Stunden am Tag mit "News" füllen - ein in jenen Zeiten irrwitziges Unterfangen, das noch keiner gewagt hatte.

Und so "molk" CNN die "Dallas"-Story bis zum Gehtnichtmehr. Sicher, so manch anderes war los im Premierenjahr: Die Olympischen Spiele von Moskau fanden ohne die USA statt, der Iran-Irak-Krieg brach aus, Polens Solidarnosc wurde gegründet, Ronald Reagan zog ins Weiße Haus ein, John Lennon wurde erschossen. Doch nur "Dallas" bot dem Team um Medien-Tausendsassa Ted Turner jenes Gebräu aus Seriösität und Spektakel, das bis heute die Welt des globalen TV-Nachrichtengeschäfts prägt.

1,5 Milliarden potentielle Zuschauer

Es ist ein Geschäft, das CNN überhaupt erst erfunden hat, als der Sender an jenem Sonntag um Punkt 18.00 Uhr aus improvisierten Studios zu senden begann - mit der US-Nationalhymne. "All news, all the time", versprach Turner damals großmundig. "Wir werden erst dann abschalten, wenn die Welt untergeht." CNN, schrieb John O'Connor, der Fernsehkritiker der "New York Times", zum Programmstart, sei trotz aller Anfangspannen "ein Zeichen der unvermeidbaren Zukunft".

CNN-Newsroom in Atlanta: "Die Industrie umgewälzt"
AP

CNN-Newsroom in Atlanta: "Die Industrie umgewälzt"

In der Tat: Heute ist CNN ein Imperium mit fünf Einzelsendern (CNN/US, CNN Headline News, CNN International, CNN en Español, CNN Airport Network), zwei Radiostationen und drei Websites. Aus acht Korrespondentenbüros sind 42 geworden, aus 1,7 Millionen US-Haushalten, die CNN anfangs sehen konnten, 1,5 Milliarden (potentielle) Zuschauer in praktisch jedem Land der Erde. Auf dem TV-Newsmarkt, dessen einsamer Pionier CNN war, drängeln sich längst über 70 Rivalen. "CNN hat die Industrie umgewälzt", sagt Joan Bieder, Journalismus-Dozentin an der University of Berkeley.

Doch nicht allen ist zum Jubeln zumute, wenn CNN jetzt sein erstes Vierteljahrhundert feiert. Was vor allem die internationalen CNN-Fans nicht merken: Der unbescheidene Erdensender ("News-Leader of the World") knabbert besonders im alten Heimatrevier USA an chronischer Quotenschwäche, gnadenloser Konkurrenz, Konzeptkrisen und Personal-Querelen.

Lexikon historischer Dramen

Wie mies die Stimmung in der Senderzentrale von Atlanta ist, offenbarte ein internes Memo, das CNN-Vizepräsidentin Cindy Patrick Anfang Mai an alle Mitarbeiter verschickte. Demnach soll der gesamte Nachmittags-Sendeblock der US-Ausgabe ab Juni wegen fehlendem Anchorpersonal und Quotenschwund konsolidiert und zum Teil vom CNN-Angebot aus London ersetzt werden. Die Konsequenz: Sendetechniker dürfen sich neue Jobs suchen. "Ich ermuntere Euch alle, Euch bei turnerjobs.com nach anderen Chancen zu umzuschauen, die Euren Talenten entsprechen", schrieb Patrick in Anspielung auf die Personal-Website des Turner-Konzerns.

Fernseh-Fiesling J.R. Ewing (Larry Hagman): Die "Dallas"-Hysterie gemolken
DPA

Fernseh-Fiesling J.R. Ewing (Larry Hagman): Die "Dallas"-Hysterie gemolken

Jaja, die Quotenschwäche. Anfangs noch belächelt als charmantes Manko eines Newcomers, dem die Konkurrenz gerne auch mal Kameras und Kabel lieh, ist der Kampf um eine feste, junge und konsumorientierte - sprich: für die Werbekunden attraktive - Zuschauerbasis zur Achillesferse von CNN geworden. Zwar legte der Stammsender im April nach Monaten erstmals wieder leicht zu und kam auf täglich 893.000 Primetime-Zuschauer. Doch der Hauptrivale Fox News blieb mit 1,5 Millionen Zuschauern weit vorne. Auch sind solche Zuwächse zumeist temporär: So sackte CNN/US am Montag voriger Woche zur Hauptsendezeit schon wieder auf 581.000 Zuschauer ab - während Fox News auf 1,6 Millionen anschwoll.

Es ist das alte Dilemma des Mediengeschäfts: Nur in Krisenzeiten horcht das Publikum auf. So ist die Hitparade der CNN-Topquoten zugleich ein Lexikon historischer Dramen: Falkland-Krieg, Explosion des Space Shuttles "Challenger", Tschernobyl, Lockerbie, Berliner Mauerfall, erster Golfkrieg, Anschlag von Oklahoma City, TWA-Absturz vor Long Island, Lady Dianas Tod, 11. September, Afghanistan-Krieg, Irak-Einmarsch, Tsunami, Papsttod. Dazwischen: Flaute.

Alte Standards verraten

In seinen Festschriften betont CNN also eher Qualität denn Quantität - indem es sich, wie auch in der endlosen TV-Eigenwerbung, als "vertrauenswürdigste Nachrichten-Organisation der USA" rühmt. Das Gütesiegel stützt sich auf Umfragen des Pew Research Centers. Was CNN verschweigt: Der Anteil der Leute, die CNN laut Pew "vertrauenswürdig" finden, fiel in den letzten sechs Jahren von 42 auf 32 Prozent. "Die einst dominierenden Glaubwürdigkeits-Ratings von CNN", schrieb das Center in seinem jüngsten Report, "sind abgerutscht."

Terror-Anschlag vom 11. September 2001: Nur in Krisenzeiten horcht das Publikum auf
REUTERS

Terror-Anschlag vom 11. September 2001: Nur in Krisenzeiten horcht das Publikum auf

Den erst im Dezember berufenen neuen Programmchef Jon Klein irritiert das nicht. "Wir gewinnen den Qualitätskrieg bereits, wenn auch nicht den Quotenkrieg", beharrte er jetzt im "Atlanta Journal-Constitution". "In einem Jahr dürften wir Quotenwuchs erreicht haben."

Auf dem Weg zu diesem "Quotenwuchs" hat Klein sein Haus ausgerechnet zum 25. Jubiläum in die x-te Programmreform seit Bestehen des Senders gestürzt: weniger Nachrichten, mehr Features und "Specials". Kritiker werfen dem Sender deshalb vor, damit seine alten Standards verraten zu haben. Das gesamte TV-Nachrichtengeschäft, klagt Leroy Sievers, langjähriger Producer von ABC News, sei "zum Teufel" - "weil CNN es verdummt hat", wie er der Zeitung "L.A. Weekly" sagte.

Naserümpfen über den Kessel Buntes

In der Tat wimmelt es im CNN-Stammprogramm schon seit Wochen nur so von "weichen Themen": Gesundheit, Diät, Sterbehilfe, Sexualmörder, Sensationsprozesse. Selbst Anchorman Anderson Cooper, Vorzeige-Star des Networks, gibt das zu: Er ringe täglich mit der Mischung aus Wichtigem und Vulgärem, klagte der Absolvent der Elite-Uni Yale neulich vor Studenten der Kansas University. Das Geschäft mit den TV-News sei zum Zirkus verkommen: "Wenn du laut genug brüllst, bekommst du deine eigene Kabel-Show."

CNN-Reporterin Amanpour (im Irak): "Geschichte bahnbrechender Triumphe"
DPA

CNN-Reporterin Amanpour (im Irak): "Geschichte bahnbrechender Triumphe"

Andere haben an CNN auch politisch etwas auszusetzen: Konservative werden nicht müde, CNN genau so wegen linker Tendenzen zu bekritteln ("Clinton News Network") wie die Linken Fox News wegen Rechts-Polemik attackieren. In der Tat ergaben Umfragen während des letzten Präsidentschaftswahlkampfs, dass Demokraten lieber CNN guckten und Republikaner lieber Fox News. Andererseits musste sich CNN, wie alle Networks, den Vorwurf gefallen lassen, es habe zu Beginn des Irak-Kriegs relativ unkritisch für die Regierung getrommelt und sich vom live übertragenen Invasionstaumel der "eingebetteten" Reporter mitreißen lassen.

Manche dieser Reporter mucken jetzt auf. Zwar lässt sich Chefkorrespondentin Christiane Amanpour im PR-Material zum Jahrestag artig lobend zitieren: Die Geschichte von CNN - und die ihrer eigenen Karriere - sei eine Geschichte "bahnbrechender Triumphe". Doch CNN-Stars wie Aaron Brown, Chef der Hauptnachrichten-Show "NewsNight", rümpfen bereits öffentlich die Nase über den Kessel Buntes, den ihnen Klein neuerdings als Menü verordnet.

"CNN hat Probleme"

"Irgendjemand hat auf dem Wege hierher beschlossen, dass unsere Sendungen diese Woche einen Haufen Crime-Storys machen sollen", nörgelte Brown vorige Woche in einer E-Mail an seine Fans. Und, nachdem er selbst einem watteweichen Reportage-Special über Gerichtswissenschaft weichen musste: "Die Sendung ist heute live, und ich bin's auch. Es ist schön, mal wieder etwas halbwegs Normales zu machen."

Auch anderen ist das Lachen vergangen. Bill Hemmer, Anchorman der aus New York gesendeten Morgensendung "American Morning", soll als Korrespondent ins Weiße Haus wechseln, will aber nicht und hält daher fröhlich nach Job-Alternativen bei der Konkurrenz Ausschau. Polit-Moderatorin Judy Woodruff, journalistisches Urgestein in Washington, hat gekündigt, angeblich weil sie zur Reporterin degradiert werden sollte. "CNN hat Probleme", resümiert der Medien-Blog mediabistro.com.

Trotzdem wird nun erst mal kräftig gefeiert. In Sondersendungen präsentiert CNN dazu unter anderem "Countdowns" der "25 wichtigsten Nachrichtenmomente, die die Welt veränderten", dazu gibt's die "25 faszinierendsten Persönlichkeiten". Vorerst noch als Moderator letzterer Show im Ablaufplan: Bill Hemmer.

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