25 Jahre Privat-TV Happy Birthday, Quotenhechler

Privatsender starteten in Deutschland vor 25 Jahren. Kein Grund zu feiern? Doch, natürlich. Jedenfalls wenn sich die Programmchefs wieder auf den Mut der Anfangsjahre besinnen - anstatt ängstlich ihr Publikum zu hätscheln.

Von Peer Schader


Entschuldigung, wir wollen Ihnen ja nicht die Krise vermiesen, aber vielleicht vergessen Sie die schlechte Stimmung mal kurz, es gibt immerhin was zu feiern: unser Fernsehen nämlich. Im Ernst. Vor 25 Jahren starteten mit RTL und Sat.1 Deutschlands erste Privatsender – und das ist, allen Nörgeleien am Programm zum Trotz, doch ein Spitzenjubiläum.



Oder glauben Sie ernsthaft, dass das eine Alternative wäre: auf die vielen bunten Programme zu verzichten und den öffentlich-rechtlichen Sendern ihr Unterhaltungsmonopol zurückzugeben? Wäre die Fernsehwelt tatsächlich eine bessere, wenn wir uns nicht mehr über "Deutschland sucht den Superstar" aufregen könnten, den Kandidatinnen von "Germany's Next Topmodel" beim Andicken zusehen und uns von Stefan Raab bei "TV total" in den Schlaf quatschen lassen?

Die privatwirtschaftlich finanzierten Sender haben unsere Unterhaltungskultur geprägt. Dagegen kann man sich sträuben, rückgängig machen lässt es sich nicht. Und das ist ja auch gar nicht notwendig, solange wir die Lust haben, uns kritisch mit dem auseinanderzusetzen, was das Fernsehen uns vorsetzt, mit den Tiefschlägen genauso wie den Höhepunkten.

Zwischen Grauen und Vertrauen

Der Start von RTL und Sat.1 vor einem Vierteljahrhundert wurde von der Erwartung begleitet, ein vielfältigeres, am Publikum orientiertes Programm zu entdecken – und gleichzeitig der Angst, dass das auf Dauer kein besonders vertrauenerweckender Maßstab für gutes Fernsehen sein würde. Irgendwie hat sich beides erfüllt.

Dabei ist das Problem längst nicht mehr das, was das Privatfernsehen seinen Zuschauern zeigt. Sondern das, was es ihnen vorenthält.

In den achtziger und neunziger Jahren waren RTL und Sat.1 Programme, die Akzente setzten – indem sie eben nicht mit öffentlich-rechtlicher Nüchternheit glänzten, sondern mutig und spontan neue Formate kreierten. Allein schon, weil das fehlende Budget mit Kreativität ausgeglichen werden musste, auch auf die Gefahr hin, damit zu provozieren.

Das hat eine Weile ganz gut funktioniert. Aber es ist nicht mehr viel davon übrig. Aus dem Fernsehen, das Impulse gibt, ist eines geworden, das ängstlich seine Marktanteile beaufsichtigt. In dieser Hinsicht sind die privaten Sender ihren öffentlich-rechtlichen Konkurrenten ähnlicher, als das beide Seiten zugeben würden.

Zuschauer werden, so scheint es, nicht mehr begeistert, sondern verwaltet, aus Angst vor sinkenden Quoten und ausbleibenden Werbegeldern. Die Überzeugung, dass Sendungen nicht dem Mainstream entsprechen müssen, weil sie gerade dann ein neugieriges Publikum finden, das sich am Altbewährten satt gesehen hat, ist verschwunden.

Nicht, dass die privaten Sender mit ihren Programmen Geld verdienen wollen und sie über Werbung finanzieren, ist das Ärgernis, sondern, dass in der Branche kaum noch jemand daran glaubt, dass das mit guten Ideen zu schaffen sein könnte.

Eine Frage der Unterhaltung

Dabei stünden die Chancen gar nicht schlecht, man müsste sich bloß mal mit all den Leuten unterhalten, die gutes Fernsehen machen wollen: Autoren, Produzenten, Redakteuren. Die meisten von ihnen werden am Ende mit ihren Vorschlägen abgebügelt, weil im Sender einer Angst vor der eigenen Courage kriegt. Neue Shows, die nicht augenblicklich einen zufriedenstellenden Marktanteil erreichen, werden in Windeseile abgesetzt; Programme, die funktionieren, hingegen so lange kopiert, bis sich die Zuschauer langweilen. Das wird nicht ewig so weitergehen können.

So wie ARD und ZDF vor 25 Jahren plötzlich neue Konkurrenten hatten, geht es heute den etablierten Privatsendern – nur, dass der Wettbewerb nicht mehr durch Nachkömmlinge im eigenen Medium droht, sondern durch das Internet. Im Internet ist all das möglich, was das Fernsehen seit Jahren vernachlässigt: das Neue, Abseitige, Ungewöhnliche – das vielleicht irgendwann auch zum Mainstream wird. Bis dahin aber müssen sich die Macher im Netz wenigstens keine Gedanken machen, von Marktforschern auseinander genommen und möglichst massentauglich wieder zusammengesetzt zu werden.

Dass das Fernsehen am Netz zugrunde geht, wie Medienapokalyptiker gerne behaupten, ist unwahrscheinlich – jedenfalls in den kommenden Jahren. Richtig ist hingegen, dass es sich massiv verändert – und selbst daran Schuld ist, weil es von vornherein ein Großteil der Programme ausblendet, die es attraktiver machen könnten.

Der Ehrgeiz, intelligente Sendungen – auch Unterhaltungsprogramme! – hinzukriegen, beschränkt sich bei vielen Verantwortlichen gerade mal auf die Stunden nach 20 Uhr, weil dann die meisten Zuschauer vor dem Schirm sitzen. Die übrige Zeit, vor allem am Nachmittag, wird Fernsehen bloß noch simuliert, mit einem Programm, das nichts mehr will – außer sein Publikum mit einfach gestrickten Dokusoaps, Ermittler-Reihen oder Boulevardquatsch ruhigzustellen. Wer mehr erwartet, schaltet gar nicht erst ein. Unser Fernsehen beschränkt sich selbst: als Teilzeitmedium.

Im Dschungel der Ironie

Wie gut, dass es noch immer Ausnahmen gibt: Momente, in denen sich Pro Sieben traut, einen Irren wie Stefan Raab gegen alle bisher gültigen TV-Gesetze fünfstündige Liveshows am Samstagabend veranstalten zu lassen. Selbst RTL lässt von Zeit zu Zeit erkennen, dass dort noch nicht alle Ironie verloren gegangen ist, jedenfalls wenn man sich die Mühe macht, das in Kürze wieder beginnende Dschungel-Camp nicht bloß als Trash-Veranstaltung zu sehen.

Nur Sat.1 hat sich längst aus der ersten Reihe verabschiedet und sendet auf Autopilot. Dafür drängt Vox nach vorn: Selbst wenn das Publikum verhalten auf aufwendige Eventshows wie "Mein Restaurant" reagiert, lässt sich an solchen Experimenten der unbedingte Wille erkennen, ein Fernsehen zu machen, das seinen Zuschauern noch etwas bieten will - und sei es bloß eine Stunde gute Unterhaltung.

Wenn das Privatfernsehen auf Dauer relevant bleiben will, darf es nicht den Fehler machen, die Menschen vor dem Fernseher als notwendiges Übel zu sehen, als dumme Mehrheit, die sich mit Telefongewinnspielen melken lässt oder mit Schleichwerbung hinters Licht führen.

25 Jahre Privatfernsehen: Natürlich ist das ein Grund zu feiern. Und wenn dadurch ein paar Leute an den Pioniergeist der Anfangsjahre erinnert werden, hat es sich schon gelohnt.



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