25 Jahre RTL Eine ehrenwerte Fernsehfamilie

Hütchenspieler und Castingshow-Schleifer: Bei der Jubiläumsgala versammelte Oliver Geissen allerhand zwielichtige, aber extrem erfolgreiche Vertreter der ehrenwerten RTL-Familie um sich. Der passende Termin für einen Sender, der 1984 aus dem Geist des Ganoven- und Glücksrittertums geboren wurde.

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Erinnern sie sich noch an Salvatore, den italienischen Hütchenspieler, der in den frühen Tagen von RTL die Programmpausen überbrückte? Damals plante der Sender schon großzügige Werbeunterbrechungen ein – für die allerdings noch gar nicht genug Produktinformationen akquiriert werden konnten. Also musste immer wieder der Südländer mit seinen lackierten Walnussschalen ran und lasziv in die Kamera lispeln: "Wolle Sie mit meine Nüssen spielen, äh?" Seinen Gewinn hatte man schnell wieder verspielt.

So war es in den frühen Tagen des telekommunikativen Zuschauermelkens, für die RTL steht wie hierzulande kein anderer Sender.

Das Schöne an der Gala am Samstagabend, die sich die inzwischen in Köln beheimateten Fernsehveranstalter zum 25. Geburtstag bereitet hat: Die Verantwortlichen standen zu ihrer Vergangenheit, zelebrierten sie mit gewohnt unsubtiler Ironie. Der unvermeidliche Oliver Geissen, der seine Interviews ja mit dem gleichen Feingefühl zu führen weiß, mit dem ein Schulhofschläger seiner Leidenschaft nachgeht, versammelte zu diesem Zweck eine illustre Runde von fiktiven Trickbetrügern und Castingshow-Schleifern auf der Studiocouch. Da durfte Hütchenspieler Salvatore nicht fehlen.

So feierte man jenes Jubiläum, das bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz zur öden Selbstlegitimierung geworden wäre, als Parade voller Protz, Prunk und Peinlichkeiten. Eine durchaus selbstreflexive Angelegenheit. Schließlich steht der Sendebeginn von RTL am 2. Januar 1984 in einem bescheidenen Luxemburger Funkhaus, das nicht zu Unrecht "Die Garage" genannt wurde, für die Geburt eines bis dahin in Deutschland neuen Fernsehtyps aus dem Geist des Ganoven- und Glücksrittertums.

Und eine Person verkörpert dieses Prinzip wohl besser als jede andere: Dieter Bohlen. Mit seiner damals frisch gegründeten Formation Modern Talking spielte er in der RTL-Garage das Video zu "You're My Heart, You're My Soul" ein – und legte auf diese Weise den Grundstein für eine äußerst einträgliche Arbeitsbeziehung. Die RTL-Verantwortlichen feierten ihren treuesten partner in crime nun auf ganz eigene Weise: Erst zählten sie seine Verkaufserlöse auf ("160 Millionen Platten!"), dann ließen sie sein Œuvre vom Deutschen Filmorchester Babelsberg als stilvollendetes Medley zur Aufführung bringen. Dieter fand's okay, ließ sich durch die klassizistische Aufwertung seiner Autoscooter-Hymnen aber nicht beeindrucken. Er habe da orchestermäßig natürlich schon was Eigenes am Start, ein Musical über das eigene Leben.

Auf Almosen ist man eben nicht angewiesen – nicht der "DSDS"-Oberschleifer Bohlen und auch der Rest der ehrenwerten RTL-Familie nicht. Die Zurschaustellung der eigenen finanziellen Potenz gehörte schließlich schon immer zum Geschäft. So ließ RTL denn auch noch mal selbstironisch all die kostenintensive Modevergehen der ersten Jahre Revue passieren ließ, von den Krawattenkatastrophen des "Der Preis ist heiß"-Moderators Harry Wijnvoord (1783 Stück insgesamt!) bis zur grellen Mafiabraut-Garderobe der selbsternannten Glamourberaterin Frauke Ludowig. Man kam eben von ganz unten, konnte sich dann aber ordentlich was leisten. Warum sollte man das nicht zeigen?

Dabei gab es ja auch etliche Resozialisierungsmaßnahmen für dieses schreckliche (und schrecklich aufgedonnerte) Kind unter den deutschen Fernsehsendern. Den betont unglamourösen Günther Jauch etwa (1941 Sendungen für RTL!), der dem Publikum auf spielerische Art Wissen und soziales Gewissen vermitteln sollte. Oder die Diplompädagogin Katharina Saalfrank, die als "Super Nanny" (auch schon über hundert Sendungen!) für die Befriedung jener Plattenbaukampfzonen sorgt, in denen das RTL-Publikum möglicherweise Hause ist. Oder den Finanzberater Peter Zwegat, der mit seinem Erfolgsformat "Raus aus den Schulden" derselben Klientel bei der Rückkehr in die Liquidität verhelfen soll, die der eigene Sender zuvor durch Telefongewinnspiele mit in die finanzielle Krise getrieben hat. Auch auf diese RTL-Sozialarbeiter blickte man stolz zurück.

So richtig seriös wirkte RTL aber auch am Samstagabend nicht. Gut so, denn auf diese Weise war der Sender bei der Geburtstagsgala ganz bei sich. Er erinnerte an einen in die Jahre gekommenen Mafioso, der es nach seinem Eintritt in die Bürgerlichkeit einfach nicht lassen kann, mit seinem kriminellen Image zu kokettieren.

In diesem Sinne: alles Gute, alter Verbrecher!



insgesamt 488 Beiträge
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Taubenus 09.01.2009
1.
Zitat von sysopMit RTLs neuer "Dschungelcamp"-Staffel und Kati Witts Diät-Casting zeigt sich das deutsche Privat-TV derzeit erneut von seiner miesesten Seite. Doch nicht alles war nur trashig in den letzten 25 Jahren: Was hat Ihnen von den Privaten gefallen?
Yeah! „Trashig“... . Tja, Generation VIVA :)
DJ Doena 09.01.2009
2.
Das letzte Mal, dass ich mit Begeisterung ÖRs geguckt habe, da liefen noch "Ein Colt für alle Fälle" und "Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert" auf ihnen. Als ich über Weihnachten bei meiner Oma zu Besuch war, wusste ich dann auch wieder, warum ich keine ÖRs mehr gucke. Und seit ich mit DVDs und "Sturzbach TV" mein eigenes Programm machen kann, gucke ich auch die Privaten nur noch sehr selten. Wobei die Privaten immer noch als Trailermaschine funktionieren. Auf ihnen habe ich "24", "Lost" und "Smallville" kennengelernt und besitze diese jetzt auf DVD. Auch von "Dr. House" hab ich in den letzten Wochen mal ein paar Folgen gesehen, die mir gefallen haben, was mich verleitet hat, die erste Staffel vom Amazon UK für 13 Pfund (was ja nur noch 14 Euro sind) zu betsellen. Oftmals hängt das deutsche Fernsehen aber generell nur noch hinterher. Die "Battlestar Galactica"-Miniserie hatte ich schon zwei Jahre auf DVD, bevor RTL2 sie mal ausstrahlte. Von zwei meiner Lieblingsserien "Chuck" und "The Big Bang Theory" ist hier in Deutschland noch weit und breit nichts zu sehen.
Peter Werner 09.01.2009
3.
Ein Tiefpunkt sind die Auswirkungen auf den ÖR-Rundfunk. Dort hat man sich zumindest bei den beiden Hauptsendern das Erste und ZDF in der Hauptsendezeit dem Niveau der Privaten angepasst und sendet ebenfalls nur noch Seichtheiten. Höhepunkte? Nun, jeder nach seinem Geschmack. Eine solch herrlich politisch unkorrekte und selbstdemaskierende Sendung wie jetzt aktuelle mal wieder das Dschungelcamp hätte es ohne die Privaten nie gegeben.
Peter Werner 09.01.2009
4.
Zitat von DJ DoenaDas letzte Mal, dass ich mit Begeisterung ÖRs geguckt habe, da liefen noch "Ein Colt für alle Fälle" und "Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert" auf ihnen. Als ich über Weihnachten bei meiner Oma zu Besuch war, wusste ich dann auch wieder, warum ich keine ÖRs mehr gucke. Und seit ich mit DVDs und "Sturzbach TV" mein eigenes Programm machen kann, gucke ich auch die Privaten nur noch sehr selten. Wobei die Privaten immer noch als Trailermaschine funktionieren. Auf ihnen habe ich "24", "Lost" und "Smallville" kennengelernt und besitze diese jetzt auf DVD. Auch von "Dr. House" hab ich in den letzten Wochen mal ein paar Folgen gesehen, die mir gefallen haben, was mich verleitet hat, die erste Staffel vom Amazon UK für 13 Pfund (was ja nur noch 14 Euro sind) zu betsellen. Oftmals hängt das deutsche Fernsehen aber generell nur noch hinterher. Die "Battlestar Galactica"-Miniserie hatte ich schon zwei Jahre auf DVD, bevor RTL2 sie mal ausstrahlte. Von zwei meiner Lieblingsserien "Chuck" und "The Big Bang Theory" ist hier in Deutschland noch weit und breit nichts zu sehen.
Ging mir über Weihnachten Ähnlich als ich bei meinen Eltern zu Besuch war... ... einfach nur grauenhaft was da zur besten Sendezeit präsentiert wird.
Der Markt, 09.01.2009
5. Monty Python bei SAT1
Die Privaten sind eigentlich durchweg unerträglich. Dankbar war ich allerdings, als in den frühen 90ern - ich glaube von SAT1 - die original Monty Pythons-Episoden mit deutschen Untertiteln ausgestrahlt wurden. Ansonsten sind derzeit eigentlich nur "Switch Reloaded" und "Doktor House" sehenswert. Ich habe jedenfalls das Gefühl, daß die Massenverblödung gezielt von oben gesteuert wird.
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