25 Jahre Videotext Abfall für alle

Die Technik ist veraltet, das Design erinnert an die Urzeiten der Computergrafik, die Navigation ist mühsam: Dennoch erfreut sich der Videotext größter Beliebtheit und beschert den Fernsehsendern sogar Gewinne. Heute wird das obskure Info-Medium 25 Jahre alt.

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ARD-Videotext: Karge Zeilen auf dunkler Mattscheibe

ARD-Videotext: Karge Zeilen auf dunkler Mattscheibe

Die Änderung war klein, doch der Ärger gewaltig. Als die ARD-Redaktion vor wenigen Wochen ihren Videotext neu gestaltete, strich sie den täglichen Witz. Die Redaktionssekretärinnen hatten anschließend wenig zu lachen. "Täglich gab es Beschwerden", sagt der Chef vom Dienst Jochen Kotelmann.

Es ist die einzige Sorge, die Kotelmann und Kollegen haben. Denn mit ihrem merkwürdigen Medium, dieser Mischung aus Nachrichtenticker und Fernsehen, haben die Videotexter aller Sender ungeahnten Erfolg. Mitten im digitalen Unterhaltungs-Zeitalter, in dem kein Handy mehr ohne Fotofunktion, Spiele und Musikspeicher auskommt, findet der eintönige Videotext immer mehr Fans. Im vergangenen Jahr nutzten täglich 14,73 Millionen das Angebot - ein Zuwachs von mehr als 11 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

23 Zeilen mit 39 Anschlägen

Ein sensationeller Erfolg für ein Medium, das schon in der Stunde seiner Geburt totgesagt wurde. Seit ARD und ZDF vor 25 Jahren erstmals die kargen weißen Zeilen auf die dunkle Mattscheibe sendeten, wird sein baldiges Ende prophezeit - zuletzt, als das Internet seinen Siegeszug begann. Dagegen könne der Videotext niemals bestehen, meinten viele Experten. Schließlich fehlt ihm fast alles, was das World Wide Web so erfolgreich macht: Geschwindigkeit und Vielfalt, Gestaltung und Tiefe, Verspieltheit und Interaktivität.

Er ist nicht besonders schnell und nicht besonders schön. 23 Zeilen mit 39 Anschlägen - mehr passt seit jeher nicht auf eine Seite. Die Seiten erscheinen meist erst nach einer Wartezeit und immer ohne Fotos und aufwendige Grafiken. Dass es keine praktische Suchfunktion gibt wie im Internet, lässt sich wohl nur verschmerzen, weil das Angebot sehr überschaubar ist.

"Man ist voll damit beschäftigt, Knöpfe zu drücken"

ZDF-Videotext: Immer ohne Fotos und aufwendige Grafiken

ZDF-Videotext: Immer ohne Fotos und aufwendige Grafiken

Als "Fernlesen" belächelten manche bereits vor einem Vierteljahrhundert den Videotext, der den Wissenschaftler Ulrich Roloff in Alarmbereitschaft versetzte: Neue Medientechnologien könnten als "Einstiegsdroge" missbraucht werden, fürchtete er und warnte vor dem "totalen Medienzeitalter". Selbst in den Sendern war der Widerstand groß. "Maßlos überschätzt" werde dieser Videotext, befand der damalige Intendant des Süddeutschen Rundfunks, Hans Bausch: "Man ist voll damit beschäftigt, Knöpfe zu drücken, um mit Verzögerung ein paar Schlagzeilen zu empfangen."

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Videotext hat Geburtstag

Nutzen Sie im Fernsehen das Videotext-Angebot?

So treffend diese Beschreibung noch heute ist, so falsch lag Bausch mit seiner Prognose. Den Bildschirmtext (BTX) hat der einfachere Videotext längst überlebt, selbst das Internet scheint ihm nicht zu schaden. Mehrere Sender veröffentlichen ihre Videotext-Tafeln sogar online - manche Liebhaber scheinen auch im Internet nicht auf die bekannten Tafeln verzichten zu wollen.

Abfall aus der Austastlücke

Die meisten Fans aber hat der Videotext unter den Fernsehzuschauern, die neben dem "Tatort" und "Big Brother" schnell mal Informationen suchen, etwa Nachrichten, Programmhinweise oder Fußball-Ergebnisse. Sie machen den Videotext zu einem der erfolgreichsten Abfallprodukte aller Zeiten. Der wird in der sogenannten "Austastlücke" gesendet: Bei der Übertragung des Fernsehsignals wird nicht der gesamte Raum für die Bildinformationen benötigt. Es bleibt ein bisschen Platz für zusätzliche Daten - der Videotext kommt als blinder Passagier ins Haus. Heute kann ihn nahezu jedes Fernsehgerät empfangen.

Sat.1-Videotext: "Sehr rentabler Geschäftszweig"

Sat.1-Videotext: "Sehr rentabler Geschäftszweig"

Für die Sender ist der Videotext ein einträgliches Geschäft geworden. Bei RTL spricht man von einem "seit Jahren sehr, sehr rentablen Geschäftszweig". Eine Seite Werbung bei RTL kostet 1450 Euro pro Woche, eine Anzeige auf der RTL-Startseite bald das Achtfache. Die meisten Privatsender setzen dabei auf ein erprobtes Rezept: Lust, Liebe, Sex. Schon auf der Startseiten werben sie: "Intim-Fotos" und "Paare heimlich belauschen" (Sat.1) oder "Heißer XXX-Kontakt" und "Der heißeste SMS-Chat" (RTL) - dazu Bilder von Frauen mit vermutlich prallen Kurven, die aber wegen der eingeschränkten grafischen Möglichkeiten nur sehr grob gepixelt dargestellt werden können und deshalb recht kantig daherkommen.

Zuviel der Innovation

Die ARD setzt hingegen auf Seriosität. Eine der größten Errungenschaften der neuen Seiten, die Anfang April auf Sendung gingen: die Startseite hat nun einen weitgehend weißen Hintergrund. Bei allen anderen Seiten blieb es bei weißer Schrift auf dunklem Grund, doch schon die eine neue Seite war zu viel der Innovation: "Einige Zuschauer berichten von Problemen mit der Darstellung der Seite", heißt es.

Der Stimmung in den Videotext-Redaktionen tut dies keinen Abbruch. "Ich bin zum erfolgreicheren Medium gewechselt", sagt die Leiterin der Videotext-Redaktion der ARD, Sabine Wahrmann. Vorher hat sie für den Internet-Dienst des Senders gearbeitet. Zum Jubiläum am 1. Juni bereiten ihre Redakteure gerade eine Dokumentation des 25-jährigen Siegeszugs vor. Die wollen sie freilich nicht im eigenen Videotext veröffentlichen, sondern auf den Internet-Seiten der ARD - damit sie auch Fotos zeigen können.



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