25 Jahre "Wetten dass...?" Schock am Mini-Palmenstrand

Es endete mit einem Aprilscherz, der die müden Glieder auf dem Sofa gefrieren ließ: Gottschalk erklärte seinen Abtritt. Es war der späte Abend des 1. April, gewiss, aber andererseits: Warum eigentlich nicht?

Von Reinhard Mohr


Berlin - Jetzt sei es Zeit für ihn aufzuhören, sagte Thomas Gottschalk, 55, gestern um 23.15 Uhr nach drei Stunden "Wetten dass...?" mitten in den aufbrandenden Schlussbeifall hinein, und irritiert fragten sich Millionen Fernsehzuschauer, ob das denn wahr sein könne. Macht Thomas Gottschalk, die unzerstörbare Blondschwalbe des deutschen Fernsehens, wirklich Schluss? Muss da nicht Horst Köhler einschreiten? Oder wenigstens Kaiser Franz?

Es war der späte Abend des 1. April, gewiss, aber andererseits: Warum eigentlich nicht? Nach 25 Jahren "Wetten dass...?", nach insgesamt 162 Sendungen und 728 Wetten nun, im besten Vorruhestandsalter, Schluss zu machen und ganz im sonnigen Kalifornien zu bleiben - das könnte ein perfekter Abgang sein. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs, als lebende Legende.

Doch es bedurfte nicht wirklich eines offiziellen Dementis des ZDF, um gleichsam mit Körper, Geist und Seele zu ahnen, wenn nicht zu wissen: Das kann nicht sein, und das darf nicht sein. Und das ist auch gut so. Denn eines ist klar für alle Zeit: Wenn das sonntägliche Konklave von "Sabine Christiansen" das ewige Strafgericht über Deutschland ist, dann verkörpert "Wetten dass...?", von Thomas Gottschalk, mit einer kurzen, nicht weiter erwähnenswerten Unterbrechung, seit 1987 moderiert, die ewige Hoffnung, es werde Licht in Deutschland, es gebe doch noch Hoffnung - und zwar für alle.

Die Illusion, weg zu sein

Genau das scheint das Erfolgsgeheimnis dieser Sendung zu sein, die ja allzu oft nur mittelmäßig unterhaltsam ist und weder geistige Höhenflüge noch außergewöhnliche sinnliche Sensationen bietet: dass sie ein televisionäres Klein-Arkadien schafft, einen Mini-Palmenstrand für alle, die sich sonst keinen Urlaub leisten können - die Illusion, weg zu sein und doch zu Hause. Ein Fest, das niemanden ausschließt und keinen abstößt, ein freundlich-ziviles Beieinandersein mit Gästen aus aller Welt.

Wenn etwas peinlich ist, dann ist es der Aufzug des Conférenciers. Diesmal trat der Meister im dunkelgrünen Sacco mit schrecklichen Applikationen auf, die im wüsten Kontrast zur silbernen Krawatte und der grob karierten Hose standen. Aber auch hier gilt: Kontinuität und Verlässlichkeit sind deutsche Grundwerte.

Ebenso die organisierte Wohltemperiertheit, das allseits Mäßigende und der gebremste Scherz. Aktuelle Ereignisse wie die Klinsi-Krise oder der Hörsturz des SPD-Vorsitzenden Mathias Platzeck werden gestreift, aber mit sanfter Ironie sogleich wieder weggepackt. Diskutiert wird hier nicht. Schließlich gibt es wichtigere Dinge.

Fixpunkt in den Strudeln von Politik und Lebenswelt

Zum Beispiel die berüchtigte Stadtwette: Gelingt es, vierzig Stadträte von Halle an der Saale, nur mit einem Handtuch bekleidet, in einen Straßenbahnwaggon zu sperren, der zur finnischen Sauna umgerüstet wurde - einschließlich einem originalfinnischen "Straßenbahnfahrer"?

Oder die Wette jenes jungen Mannes, der sich, nur mit einer Unterhose bekleidet, auf einem gefährlich durchhängenden Seil balancierend in drei Minuten komplett anziehen wollte. Oder der Wettgewinner des gestrigen Abends, ein deutscher Globetrotter, der 4 von 250 verschiedenen Sandproben aus der ganzen Welt an ihrer Beschaffenheit und Struktur erkannte.

Als am 14. Februar 1981 "Wetten dass...?" Premiere feierte, damals von Frank Elstner moderiert, lagen die 250 verschiedenen Sorten Sand auch schon an Ort und Stelle - aber sonst war alles ganz anders. Auf der Straße ging es um Krieg und Frieden, und im Fernsehen lief "Miami Vice". Marcus sang "Gib Gas, ich will Spaß", Madonna schmetterte "Like a Virgin" und "Ideal", neben "Fehlfarben", "Extrabreit" und "Spliff" eine der erfolgreichsten Bands der "Neuen deutschen Welle", bekannte laut und ganz unverhohlen: "Deine blauen Augen machen mich so sentimental!"

Wer ganz fortschrittlich war, schleppte einen Anrufbeantworter in die Wohngemeinschaft, der so groß und schwer war wie ein Pflasterstein.

Derweil lag die "Generation Golf" in der Badewanne, spielte mit der Quietschente und freute sich auf das Nutellabrot am Sonntagmorgen.

Das friedliebende Deutschland im Wandel der Zeiten - und "Wetten dass...?" war immer dabei, ein treuer Begleiter auch in unruhigen Zeiten, ein Fixpunkt in den Strudeln von Politik und Lebenswelt. Michail Gorbatschow kam und die "Scorpions" spielten "Wind of Change", Bill Clinton war da und Yvonne Catterfeld. Gute Zeiten, schlechte Zeiten.

Eine vage Erinnerung an die erotische Macht der Frau.

Eigentlich waren alle schon da, auch Johannes Heesters, 102. Und es ist auch alles schon passiert.

Aber im Grunde ist auch nichts passiert: Denn alles blieb im grünen Bereich. Die Botschaft der Sendung ist ihre eigene Existenz: Es geht weiter, immer weiter, und alles wird gut. Irgendwie. Eine Art kollektiver bürgerlicher Selbstbeschwörung, an der gestern wieder 13,48 Millionen Fernsehzuschauer (43, 8 % Marktanteil) teilnahmen.

Im dramatischen November 1918 hatte Philip Scheidemann noch pathetisch ausrufen müssen "Es lebe die deutsche Republik!" Heute klingt das viel entspannter. "We love you and you love us", sagte Gottschalk zum neuen Latinopophelden Juanez. Eben. Wozu große Worte machen.

Nebenher wird noch das schwer getrübte Bild korrigiert, das die mehr oder weniger deutsche Jugend derzeit abgibt - nicht nur an der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln. Einerseits gibt es sie kaum noch, Stichwort Geburtenschwund, andererseits verhält sie sich unverschämt und gewalttätig.

Nicht nur Tom Cruise, der wieder einmal bewies, dass ein wahrer Star einfach nur da sein muss, um zu wirken, nicht nur Tom Cruise also staunte über die beiden kleinen Mädchen, die am individuellen "Kussabdruck" ihre Klassenkameraden und -kameradinnen erkannten.

Hier schienen sie wieder einmal auf, die kurzen Augenblicke einverständigen Lächelns bei "Wetten dass...?". Als sich pubertierende Mädchen mit dem silbernem Handspiegel in der Linken die Lippen tiefrot färbten, bevor sie sie sorgsam aufs Papier drückten, war dies ein rührender Moment. Eine vage Erinnerung an die erotische Macht der Frau.

Es blieb der einzige Vorfall dieser Art, neben dem verführerischen Dekolletée von Michelle Hunziker, um das herum sich immer wieder, letztlich vergeblich, die männlichen Gäste zu gruppieren versuchten. Trotz aller Anspielungen und halben Zoten, die Gottschalk hier und da verteilt - "Wetten dass...?" ist eine saubere Sendung. Daran änderte im Laufe der Jahre weder Robbie Williams etwas noch Sarah Connor, die einst im transparenten Ganzkörper-Dingsda über die Bühne stöckelte und der Nation tagelang das Rätsel aufgab, ob sie dabei auf Unterwäsche ganz verzichtet hatte oder nicht.

Alles im Lot, 43 Hallenser Stadträte nackt

Nein, "Wetten dass...?" lässt sich nicht aus Gleichmaß und Ruhe bringen, selbst wenn der Auftritt von "Tokio Hotel" die Generation Zahnspange für ein paar Minuten an den Rand des kreischenden Nervenzusammenbruchs treibt und Thomas Gottschalk sich zu der Bitte versteigen läßt, Hörsturz-Patient Matthias Platzeck möge doch das andere Bett für ihn freihalten.

Nur einer "störte" kurzzeitig den deutschen Gleichmut: Oscar-Preisträger Roberto Benigni, der wie ein italienischer Derwisch in die friedliche Sofa-Runde fuhr, lautstark über Gefühle, Ideen, Freiheit, Händel, Schopenhauer und das Lebensglück im allgemeinen philosophierte und erfolgreich den Trikottausch mit Gottschalk vollzog. Da kam nicht nur der Dolmetscher ins Trudeln.

Ein kleiner Clash of Civilizations, der auf Gottschalk immerhin belebend wirkte.

Am Ende war alles wieder im Lot. Als exakt 43 Hallenser Stadträte nackt und schwitzend in der Straßenbahn "Hoch auf dem gelben Wagen" sangen und eine blonde Finnin ihren Pass in die Kamera hielt, konnte "Tatort"-Kommissar Peter Sodann auf dem menschenwogenden Marktplatz stolz verkünden:

"Die Stadt Halle hat gewonnen!"

Na bitte.



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