30-Millionen-Lottoschatz Kantinen-Rockefellers und Moneten-Machiavellis

30 Millionen sind im Jackpot, Deutschland ist im Lotto-Rausch. Da haben Moral und Anstand am Arbeitsplatz und zu Hause ausgespielt: Die Aussicht auf den Mega-Schatz verwandelt uns in Möchtegern-Aussteiger - und Sadisten.

Von Daniel Haas


30 Millionen! Sagen Sie es ein paar Mal hintereinander, und Sie haben ein Mantra von der Qualität des Vaterunsers. Kein Glaubenssatz hat zurzeit derartige gesellschaftliche Tiefenwirkung wie diese Ziffer. Es ist ja eigentlich keine Zahl mehr, sondern die Epiphanie eines besseren Daseins. Wer eine neue Religion stiften wollte, fände hier die Formel ihrer Begründung. Das Absolute, es ist konkreter und näher denn je.

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Absolute Freiheit verspricht dieser Jackpot - man sagt "30 Millionen!" und hat schon einen Kampfruf intoniert. Es gibt kein richtiges Leben im falschen - na und? Es gibt ja schon morgen eine Swarowski-Version vom Verblendungszusammenhang: Glitzernd und funkelnd überstrahlt dieser in Aussicht gestellte Schatz das alltägliche Elend.

Wir sind alle Gollum: die Gier, vermischt mit der niedrigsten Form der Kreativität - der Konsumphantasie - macht uns unerträglich. Gehen Sie ins Büro, in die Kita, zum Sport, überall brave Bürger, die säuisch schwelgen in Geldpornografie. Deutschland: ein Snuff-Film, in der Hauptrolle der Euro, wie er Anstand, Maß, Rücksicht, unsere grundlegenden Zivilisationskategorien, meuchelt.

Zwei Gruppen haben sich formiert: die Aussteiger und die Sadisten. Die Aussteiger kombinieren exotische Entgrenzungsklischees mit revanchistischer Gemeinheit. Man lässt Frau und Kinder sitzen, verschwindet auf die ferne Insel. Der mühsam durch sozialpragmatische Erwägungen in Schach gehaltene innere Schweinehund kommt von der Leine. Die Kinder mit Autolack bestreichen und als Gartenzwerge verscherbeln. Und zur Frau sagt man: Eine wie dich guck ich mir nur noch auf Video an, im Horrorfilm.

Snuff-Video mit Euro

Die Sadisten träumen von einem Relaunch ihres bisherigen Lebens im Zeichen der Perversion. Man geht weiter ins Büro, verrichtet dieselbe Arbeit, gestattet sich allerdings jene Entgleisungen, die man seit jeher als Subversion der Verhältnisse missversteht. Mut und Mammon sind ein furchtbares Paar; seine Herrschaft wird bei weitem gröber und unverschämter sein als die gemeinhin aus Hierarchien ableitbaren Ungerechtigkeiten.

Von was schwärmen sie, diese Kantinen-Rockefellers und Moneten-Machiavellis? Dem Chef 50 Euro in die Hand schieben und sagen: Gib nicht alles auf einmal aus. Die Kollegen anrufen und fragen: Na, kannst du auch nicht pennen? Den Praktikanten anherrschen: Mach mir 50 Cappuccinos und bring mir den besten! Und endlich mal überprüfen, ob man Mortadella tatsächlich faxen kann.

Natürlich werden sie alle enttäuscht sein. Das Goldene Kalb ist kein Kuscheltier, ist nicht Knut, der soziale Wärme zum Preis eines Zoo-Tickets verbreitet. Die kollektive Geldphantasie, wie sie uns landesweit verbindet, ist letztlich ein Rausch der Distinktion. Heute noch entwerfen wir gemeinsam an Tresen, in Raucherecken, beim Mittagstisch das Drehbuch zum großen Blockbuster Lottogewinn, heimlich aber wissen wir, dass das Happy End nur für einen gilt.

Finanziert und angeschmiert

Und nicht einmal für den: 80 Prozent der Lottogewinner stehen zwei Jahre nach ihrem Reibach finanziell schlechter da als vorher, hat der Soziologe Thomas Druyen ermittelt. Schon allein deshalb haben sowohl Aussteiger als auch Sadisten von vornherein ausgespielt. Ihr Kalkül ist naiv und hat viel vom magischen Denken des Zockers, der glaubt, er werde diesmal, nur dieses eine Mal, die Bank überlisten.

Die Bank, die Verhältnisse, sagen wir es mit einem ideologiekrisch leicht antiquierten Begriff, das System überlistet man aber nicht, man richtet sich in ihm ein. Man subvertiert es nicht, sondern karikiert, ironisiert es. So wie die Dandys des 19. Jahrhunderts zum Beispiel, die ihr Geld für Tapisserien (Oscar Wilde) und Kutschen mit Hirschen (Fürst Pückler) ausgaben.

Deshalb müssen die Gewinnphantasien von allen Plausibilitätsspuren gereinigt werden. Die "Bild"-Zeitung hat vorgemacht, wie das aussehen kann: "Für 30 Millionen kann man 29 Jahre lang an Bord der 'Queen Mary' auf Kreuzfahrt gehen, 24 Stunden-Butler inklusive". Oder man feiert eine "Mega-Party" mit 427.000 Flaschen Veuve Clicquot Champagner und 1875 Kilo Beluga-Kaviar.

Hedonistisch, nicht sadistisch wäre dann die Devise. Ein Fest! Ein Gewinn!



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Seite 1
euridice 28.11.2007
1.
Zitat von sysopGroße Erwartungen, kleine Chancen: Trotz geringer Gewinnmöglichkeit hofft die halbe Nation darauf, den Jackpot zu knacken. Wie stehen Sie zum Zahlenlotto?
Lotto? Nee ich spiel Poker! Gelegentlich such ich auch mal das Ende des Regenbogens, aber Trolle sind soo geizig! Der Goldesel sch.. irgendwie nur doofe Münzen, die nimmt die Bank leider nicht... Frau Holle ist im Ruhestand, obwohl ich extra wochenlang das Bettenausschütteln geübt hab... Betteln ist auch nicht mehr so ertragreich wie früher.. und bei den meisten gibts auch nix mehr zu stehlen (verdammtes Harz4).. Ansonsten versuch ich es gelegentlich auch mal mit Arbeiten, aber nur wenn gar nix anderes mehr geht...
ToriW 28.11.2007
2.
Ich weiß, nur wer mitspielt, kann gewinnen... Aber mir sind die Gewinnchancen einfach zu gering. Von daher: Nein, heute noch nicht getippt und auch sonst eher nicht. ;) Da dann schon eher so Sachen wie Tele-Bingo auf MDR, da sind die Gewinne zwar nicht ganz so hoch, aber dafür die Chance umso größer. MfG, ToriW! :)
Severine1985, 28.11.2007
3. Ich spiele nicht Lotto.
Im Mathematikunterricht der 10. Klasse haben wir mal ausgerechnet, wie groß (bzw. winzig) die Wahrscheinlichkeit ist, im Lotto zu gewinnen. Ich habe dann definitiv beschlossen, nie mitzuspielen. Ich werde schon anderweitig genügend abgezockt (und ohne mir dies aussuchen zu können)... Aus meiner Sicht sollte der "Jackpot" abgeschafft werden. Ich finde es nicht richtig, daß jemand mehr als 1 Million gewinnen kann. 1 Million ist sehr viel und sollte genügen. Falls niemand "6 richtige" hat, könnte man den Gewinn doch unter denjenigen aufteilen, die "5 richtige" haben. Dann hätten auch mehr Leute was davon. Sev
Pinarello, 28.11.2007
4.
Zitat von Severine1985Im Mathematikunterricht der 10. Klasse haben wir mal ausgerechnet, wie groß (bzw. winzig) die Wahrscheinlichkeit ist, im Lotto zu gewinnen. Ich habe dann definitiv beschlossen, nie mitzuspielen. Ich werde schon anderweitig genügend abgezockt (und ohne mir dies aussuchen zu können)... Aus meiner Sicht sollte der "Jackpot" abgeschafft werden. Ich finde es nicht richtig, daß jemand mehr als 1 Million gewinnen kann. 1 Million ist sehr viel und sollte genügen. Falls niemand "6 richtige" hat, könnte man den Gewinn doch unter denjenigen aufteilen, die "5 richtige" haben. Dann hätten auch mehr Leute was davon. Sev
Die Wahrscheinlichkeit beträgt 1:140 000 000, hat sich ja mit Einführung der Superzahl um den Faktor 10 verschlechtert. Da haben sich die Lottogesellschaften gedacht, Sicher ist Sicher. Habe gestern auch die übergroße Schlagzeile der Tageszeitung der unteren Bildungsschichten gesehen, es wird also der Pöbel kräftig angeheizt, sein Geld für diesen Unsinn auszugeben. Man hat ja sonst keine anderen Sorgen. Und Gnade uns Gott, wenn der Jackpot heute Abend wieder nicht geknackt wird, dann wird es noch viel schlimmer.
ToriW 28.11.2007
5.
Zitat von PinarelloDie Wahrscheinlichkeit beträgt 1:140 000 000, hat sich ja mit Einführung der Superzahl um den Faktor 10 verschlechtert. Da haben sich die Lottogesellschaften gedacht, Sicher ist Sicher. Habe gestern auch die übergroße Schlagzeile der Tageszeitung der unteren Bildungsschichten gesehen, es wird also der Pöbel kräftig angeheizt, sein Geld für diesen Unsinn auszugeben. Man hat ja sonst keine anderen Sorgen. Und Gnade uns Gott, wenn der Jackpot heute Abend wieder nicht geknackt wird, dann wird es noch viel schlimmer.
Genau. Bei soviel Geld ist es scheinbar wirklich egal, dass das ALGII sonst an allen Ecken und Enden nicht reicht (lt. der von Ihnen erwähnten Tageszeitung). Irgendwie erschreckend, wie da die, ich wage mal, es so zu nennen, Gier Oberhand gewinnt. *kopfschüttel* Hihi! Ich weiß noch, wie es beim letzten Mal war, als der jetzige Höchststand erreicht wurde. Eine regelrechte Hysterie brauch aus unter Deutschlands Einwohnern (und auch Nachbarlandbewohnern). (Fast) Jeder meinte, DIESMAL MUSS ich aber einen Schein ausfüllen, wenn denn schonmal sooooviel Geld im Pott drin ist. Dass sich durch die Menge des ausgeschütteten Geldes irgendwie nichts an der Gewinnchance ändert, ist damals wohl den meisten verborgen geblieben. Ich bin auch gespannt... *g* MfG, ToriW! :)
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