"30 Tage Moslem" Steffi im Wunderland

Islam für Dummies: RTL2 brachte eine 26-jährige Studentin einen Monat lang bei einer Berliner Muslim-Familie unter. In der zugehörigen Dokumentation "Das Experiment: 30 Tage Moslem" gab es viel zu lernen - vor allem über die vermeintliche Weltoffenheit der Deutschen.

Von Henryk M. Broder


Vorurteile sind schlecht. Toleranz ist gut. Reisen bildet. Fremde müssen nur miteinander sprechen, um sich näher zu kommen. Das sind beliebte Gemeinplätze, die sich wie Unkraut im allgemeinen Bewusstsein festgesetzt haben. Und deswegen arbeiten alle daran, Vorurteile abzubauen, Toleranz zu predigen, Deutsche und Ausländer miteinander bekannt zu machen. Überall gibt es multikulturelle Zentren, Dialog-Gruppen und Tage der offenen Tür: in Haftanstalten, Moscheen und Synagogen. Auch das Fernsehen hat sich dieser Aufgabe verschrieben, und da ist es vor allem der Münchner Sender RTL2, der sich darauf spezialisiert hat, mit Serien wie "Big Brother", "Frauentausch" und "Gefangen im Kreisverkehr" die zwischenmenschliche Kommunikation zu fördern, um Vorurteile abzubauen und Toleranz zu predigen.

RTL2-Versuchskaninchen Stefanie, Familienmitglied Mohamed: "Das ist ja schön hier"
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RTL2-Versuchskaninchen Stefanie, Familienmitglied Mohamed: "Das ist ja schön hier"

Gestern gab es auf RTL 2 wieder ein soziales "Experiment". Stefanie, Studentin, Einzelkind und "mit allen Freiheiten einer westeuropäischen Frau" aufgewachsen, zieht für 30 Tage bei einer muslimischen Familie ein, um selbst wie eine Muslima zu leben. Obwohl schon recht lebenserfahren, ist sie in kultureller Hinsicht noch eine virgo intacta. Vom Islam hat sie keine Ahnung, sie weiß nur, dass muslimische Männer ihre Frauen unterdrücken, mehrere Frauen heiraten dürfen und ihre Töchter zwangsverheiraten. "Das macht mir Angst", sagt sie.

"Die baggern einen permanent an"

Und damit sie ihre Angst loswerden kann, hat RTL2 für Stefanie einen Aufenthalt bei der Familie Osman organisiert. Es ist eine muslimische Familie wie aus dem Bilderbuch der Ausländerbeauftragten: Vater, Mutter und sechs Kinder - fünf Söhne und eine Tochter. Sie leben im Berliner Stadtteil Wedding, aber in ordentlichen Verhältnissen. Die Mutter macht den Haushalt, der Vater verdient sein Geld als Taxifahrer, die Kinder gehen zur Schule oder studieren. Dennoch ist Stefanie ganz furchtbar aufgeregt, der Abschied von ihrer Mutter fällt ihr schwer, es ist, als würde sie eine weite Reise zu den Kopfjägern vom Amazonas antreten. "Vorurteile und Ängste bestimmen ihre Gedanken", sagt eine dräuende Stimme aus dem Off.

Stefanies Erfahrungen mit Muslimen beschränken sich auf kurze Begegnungen in der U-Bahn und auf der Straße: "Die baggern einen permanent an, schlimmer als normale deutsche Männer." Doch bei Mahmoud Osman und seiner Familie ist sie sicher. "Das ist ja schön hier", sagt sie beim Betreten der Wohnung, als hätte sie mit einer Lehmhütte gerechnet. Dann "taucht sie in die islamische Welt ein", das heißt, sie wird wie eine Muslima eingekleidet. Doch das Kopftuch ist zu eng, Stefanie kann kaum atmen und kommt sich "nur doof vor, wie ein Mondgesicht". Die erste Lektion hat sie schnell gelernt: "Man soll sich nicht auf das Äußere konzentrieren, sondern auf die inneren Werte."

Kopftuch ist "unsexy"

Gleich am ersten Tag erlebt sie, was es bedeutet, Muslim zu sein. Es ist Ramadan, und Familie Osman fastet von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Stefanie, immerhin schon 26, hat von diesem seltsamen Brauch bisher nichts gehört und leidet darunter, dass sie mitten in der Nacht aufstehen muss, um zusammen mit den Osmans zu frühstücken. Um sich abzulenken und den Tag einigermaßen sinnvoll zu verbringen, geht sie danach shoppen, in eine Boutique für muslimische Mode. Am Ende des Tages ist sie zwar "echt total hungrig", hat aber dazu gelernt: "Wenn ich den ganzen Tag nix gegessen habe, dann tun mir die Armen leid. Das ist schon krass."

Am nächsten Tag besucht sie einen Imam. Sie will wissen: "Gibt es wichtige Sachen, die man über den Islam wissen sollte?" Der Schriftgelehrte erklärt ihr, ein Muslim dürfe vier Frauen heiraten, "aber nur wenn er sie ernähren kann". Kauft er einer ein Kleid, muss er den anderen auch je ein Kleid kaufen. Stefanie ist beruhigt. "Es ist eine tolle Art zu leben, aber viele Sachen wären mir zu umständlich." Vor allem das Kopftuch, das sie auch in der Wohnung trägt, ist nicht nur zu eng, sie findet es auch "nicht sexy". Der Imam findet allerdings, sie leiste "einen großen Beitrag zur Völkerverständigung".

Und so geht es weiter, 30 lange Tage, komprimiert auf 120 Minuten: Die Kamera begleitet Stefanie auf ihrem Ausflug ins Wunderland der Muslime. Man sieht, wie sie in einem Buch blättert, wobei sie sich wundert, dass es "von hinten nach vorne" gelesen wird, dazu sagt die Stimme aus dem Off: "Stefanie beschäftigt sich immer intensiver mit dem Koran", worauf Stefanie sagt: "Ich glaube nicht an Gott, ich glaube an mich selbst." Aber in der Moschee, die sie hinterher besucht, gefällt es ihr trotzdem: "Es hat was Kuscheliges."

"Sie sind sehr hygienisch und sehr rein"

Wie immer bei solchen Doku-Serien muss man davon ausgehen, dass die Kamera das Verhalten der Menschen nicht ändert, dass sie vollkommen natürlich agieren, als wären sie ganz unter sich. Das ist die Illusion, die das Fernsehen am liebsten verbreitet: Situationen zu dokumentieren, ohne auch nur anzudeuten, dass sie ohne das Fernsehen gar nicht zustande kämen. Dabei sind die Osmans eine ganz normale Familie, nur eben anders als eine normale deutsche Familie. Sie essen zusammen an einem Tisch, ohne dass der Fernseher läuft, und unterhalten sich miteinander. Auch die Rollen sind klar verteilt. Mutter und Tochter machen die Küche, decken den Tisch und räumen ab, während Vater und Söhne sich bedienen lassen. Das sei eben so, sagt Frau Osman, nur Stefanie findet es seltsam, obwohl sie die Herzlichkeit und die Wärme dieser Art des Familienlebens letztlich doch genießt.

Dass Muslime kein Schweinefleisch essen dürfen, leuchtet ihr ein: "Sie sind sehr hygienisch und sehr rein", unfair findet sie nur, dass muslimische Mädchen "keine sexuellen Erfahrungen vor der Ehe machen" dürfen und den "erstbesten Mann" heiraten müssen, den ihre Eltern aussuchen. So was käme für sie nicht in Frage.

So merkt der Zuschauer nach zwei Stunden, dass Stefanie nach 30 Tagen bei den Osmans viel erlebt aber wenig begriffen hat und dass ihr Ausflug in die Welt der Muslime nur eine extra lange Peep-Show war, die mit der Erkenntnis endet: Muslime sind auch nur Menschen, obwohl sie ihre Frauen nicht ganz so behandeln, wie es sich die RTL2-Repräsentantin wünschen würde. "Ich habe nur positive Erfahrungen gemacht", sagt Stefanie zum Abschied, "auch von der menschlichen Seite her" habe sie "viel gelernt". Und ruft den Osmans zu: "Ich hab euch alle ganz doll lieb!"

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