40 Jahre 68er Der diskrete Charme der Rebellion

Sind die 68er schuld an Gangbang-Rappern und Porno-Talkshows? Oder gehen sie als folgenloser Irrtum in die Geschichte ein? Weder noch, sagt Reinhard Mohr. Die 68er hinterlassen uns die Bereitschaft, jeden Tag das Abenteuer eines anderen Lebens zu wagen.


So viel ist klar: Die 68er sind an allem schuld. Sie haben den Verfall der bürgerlichen Werte – Anstand, Sitte, Fleiß, Disziplin und Pünktlichkeit – in Gang gesetzt und die Grundlagen der Familie zertrümmert. Sie haben das ehrwürdige Institut der Ehe ruiniert und stattdessen den ziellosen Glückssucher im Dickicht der Großstädte, den Single, zur Leitfigur unserer Zeit werden lassen. Dass inzwischen mehr als jede dritte Ehe, in Großstädten gar jede zweite Ehe geschieden wird, geht zweifellos auf das Konto jener strubbeligen Ex-Kommunarden, die die Parole "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" mit Lust und Wonne verbreitet haben.

Dass Kinder heute bestimmen, was die Eltern tun und lassen sollen, und im Zweifel der kleine Sven-Oliver entscheidet, wo Urlaub gemacht und welches Auto gekauft wird, ist eine klare Folge jener "antiautoritären" Erziehung in den Kinderläden der siebziger Jahre, wo es nur noch wechselnde "Bezugspersonen" gab und nicht mehr Mami und Papi, Oma und Opa.

Gleiches gilt für die wachsende Gewalt an den Schulen, den weltweiten Terrorismus und den allgemeinen Niedergang von Respekt und Höflichkeit im öffentlichen Personennahverkehr. Die 68er waren es schließlich, die sämtliche bürgerlichen Regeln sprengen wollten und nichts anderes mehr gelten ließen als das dringende revolutionäre Bedürfnis nach kollektiver Selbstverwirklichung.

"Komasaufen", "Gangbang"-Rapper, Gewaltvideos und Killerspiele, die nicht zufällig "Ego-Shooter" heißen, sind genauso Früchte jener entgrenzten Revolte wie das deutsche Regietheater mit seinen obszönen Obsessionen zwischen Sex und Gewalt, Exkrementen und Kartoffelsalat im Plastikeimer.

Das unterirdisch flache Fernsehprogramm und die Flut seichter, proletenhafter oder pornografischer Talkshows sind ebenso späte Erben jenes narzisstischen Selbstoffenbarungskults der 68er, der zugleich das Niveau der klassischen Bildung auf ein jämmerliches Maß heruntergedrückt hat. Kein Wunder, denn wer braucht zum Ausfüllen der payback-card bei Karstadt, zum Mailen oder Simsen schon Hölderlin und Kleist?

Selbst die exotischsten Strände der Welt tragen schwer am Erbe von 1968. Wo Hippies und andere Aussteiger einst barfuß unberührte Naturwunder entdeckten und ihre blauen Joints gen Himmel streckten, strömen nun Millionen Touristen an zubetonierte Küsten.

Aus dem VW-"Bulli" mit Che-Guevara-Poster wurde das Hymer-Mobil, das die Straßen Europas verstopft, und die Apfelsinenkistenregale, in denen früher Marx und Adorno standen, hat Ikea zum Massenprodukt für preisbewusste Heimwerker mit ästhetischem Mindestanspruch gemacht. Kurz: Nichts ist mehr heilig seit 1968, schon gar nicht die Kirche. Was mit dem "fortschrittlichen" Jazz- oder Beat-Gottesdienst anfing, endet heute beim Umbau von Gotteshäusern zu Kneipen und Diskotheken.

Man könnte endlos fortfahren und hätte dann immer noch nicht alle populären Erklärungsmuster aus den vergangenen 40 Jahren beisammen, warum die Welt von heute so schlecht und verkommen sei und wer daran die eigentliche Schuld trage. Natürlich die 68er, die Totengräber von Moral und Vernunft, Sinn und Verstand. Wer sonst.

Parallel und zeitgleich zu dieser konservativen Dauerklage, die die Revolte von 1968 von Anfang an begleitet und sie damit, wider Willen, zum geradezu übermächtigen historischen Ereignis stilisiert hat, gab es stets die hämische Nachrede, das Klein- und Lächerlichmachen, die Verachtung gegenüber diesem "Kinderaufstand" verwöhnter Kleinbürgersöhnchen, von denen einige am Ende auch noch die Knarre in die Hand nahmen und sich zur "Roten Armee Fraktion" (RAF) erklärten. Spätestens seit Beginn der achtziger Jahre, als die kulturelle Hegemonie der intellektuellen Linken nachließ, wurde "der 68er" mit selbst gestricktem Streifenpullover und Pferdeschwanz zur Witzfigur des Kabaretts, zum Ritter von der traurigen Gestalt, zur peinlichen Figur der Zeitgeschichte, über die sich jeder Achtzehnjährige lustig machen durfte. Hohn und Spott ergossen sich über jeden, der noch irgendetwas "problematisieren" oder "diskutieren" wollte.

Als die "Neue deutsche Welle" mit "Im Westen ist's am besten", "Deine blauen Augen" und "Da da da ..." musikalisch durch Deutschland schwappte, schien nichts uncooler, langweiliger und abgestandener als der ewige 68er mit seinen nostalgischen Erzählungen von Straßenschlacht und Teach-in im Audimax, von Woodstock und Wohngemeinschaft.

Nach dem Fall der Mauer im Herbst 1989 fielen auch die letzten Bastionen der 68er, und die "Generation Golf" der Thirtysomethings machte sich daran, die Trümmer zu beseitigen. Freilich nicht ohne das antiideologisch-dandyhafte Getöse von 30-jährigen Porschefahrern, die noch im letzten grau melierten Radfahrer mit Umhängetasche die Signatur des exmaoistischen, nun ökopazifistischen Alt-68ers verfolgen, der sich weiter tapfer dem "Konsumterror" entzieht, die "taz" liest und nur ungespritztes Biogemüse in seinen atomstromfreien Kühlschrank lässt.



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